HB ohne Filter vom 13. November 2009

Heute zu den Themen: Ein-Liter-Auto, Brüsseler Wettbewerbsdilemma, Fusion Landesverband Rheinland-Pfalz, Pkw-Maut – ein Irrweg? und Umweltzonen.

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9. November – Montag

Ein-Liter-Auto. Der Tag kommt, an dem wir vom Null-Emissionsauto sprechen können. Der Tag kommt, an dem die Verbrauchswerte spürbar sinken werden. Volkswagen präsentierte die erste Ein-Liter-Variante 2002, als Ferdinand Piëch als Vorstandsvorsitzender sein Zepter an Bernd Pischetsrieder weiterreichte. Eine gestylte Variante der ersten “Zigarre” wurde dieses Jahr auf der IAA vorgestellt. Deren Serienreife: 2013. Das sparsamste Automobil der Welt hat einen Haken, es soll zwischen 30.000 und 35.000 Euro kosten. Die Kohlefaser und die spartanische Antriebstechnik machen das Gefährt nach wie vor so teuer.

Zu teuer! Hat das Zukunft? Selbst die Grünen geben für ein Miniauto keine derartigen Summen aus. Man sieht das gegenwärtig am Smart-Elektroauto. 45.000 Euro. Das kann sich jeder Berliner leisten. Also wird man im Volkswagen-Konzern erst an einem Zwei-Liter-Auto basteln. Der “Up” soll das bis zum Jahre 2012 möglich machen.

10. November – Dienstag

Brüsseler Wettbewerbsdilemma. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte in ihrer Regierungserklärung heute deutlich, dass sie von der überraschenden Entscheidung der Amerikaner, Opel selbst zu sanieren, wenig hält. Das Thema “Opel und deutsche Staatshilfen” wird künftig an anderen Maßstäben gemessen werden. Man muss aber noch einen Blick nach Brüssel werfen. Dort demonstrierten die Wettbewerbshüter u.a. am Beispiel von Opel, dass sie mit zweierlei Kartell-Maß messen. Die Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes hielt sich stets arg zurück und hoffte stets, dass sie den Deal an Magna nie genehmigen muss. Die Wettbewerbshüter unterstehen dem Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso.

Im Januar 2010 will Brüssel bekannt geben, wie die Neukonstellation der GVO 2010 aussehen wird. Es sind in Sachen Vertrieb zwei zentrale Regelungen, die größte Proteste aus der Branche schon jetzt hervorrufen müssen. Mit anderen Worten: Sie müssen abgebogen werden. Dazu reicht nicht eine artige Stellungnahme des ZDK, sondern die Ankündigung von massiven, sichtbaren Protesten vor Ort in Brüssel. Der ZDK hat jetzt im Rahmen seines anstehenden Jubiläumskongresses am 26. November 2009 die Möglichkeit, eine heftige Protestnote in Form einer Jubiläumsresolution von Berlin aus loszulassen. Es soll künftig die Kündigungsfrist von Händlerverträgen von bislang zwei Jahren auf nationales Zivilrecht, sprich sechs Monate reduziert werden. Das hört sich zunächst problematisch an. Händler, die künftig für einen Hersteller investieren, sollten dann gerade in Sachen Kündigungsschutz individuelle Verträge mit entsprechend langen Laufzeiten abschließen. Das lässt sich so kurieren. Weshalb aber eine Kündigung künftig nicht mehr sachlich begründet werden muss, ist nicht nachvollziehbar.

Der größte Hammer aber ist die Tatsache, dass der Mehrmarkenhandel wieder auf Exklusivität zurückgeführt werden kann. Konzernmarkenvertrieb gilt allerdings nicht als Mehrmarkenhandel. Was sind das für EU-Geister, die 2002 um jeden Preis den Mehrmarkenhandel erzwingen, um ihn sieben Jahre später wieder zurückzunehmen? Wer macht einen solchen Unsinn? Wo bleibt die Begründung für die blanke Unvernunft? Wer steht da politisch dahinter? Hat das eine scheidende EU-Kommissarin zu vertreten oder muss man da die Teppiche neu ausrollen?

11. November – Mittwoch

Fusion Landesverband Rheinland-Pfalz. Vergangene Woche habe ich von dieser Stelle aus den historischen Verbund der beiden Landesverbände Rheinland und Pfalz kritisch gewürdigt. Rudolf Röser, der Obermeister das Kfz-Innung Rhein-Westerwald, hat darauf geantwortet. Er hatte eine respektvollere Stellungnahme meinerseits erwartet. Dazu erläuterte er in seiner Zuschrift dankenswerterweise einige Hintergründe, die zeigen, an welchem Kraftakt auch er mitgewirkt hat. Wenn einer in dieser Sache 3.000 Kilometer unterwegs ist, dann ist das einerseits bewundernswert, andererseits tauchen da für mich eben die vielen Fragezeichen auf. Wir haben sicher die gleiche Zielsetzung, dass Kfz-Innungen wie Landesverbände und wie der ZDK die Aufgabe haben, effektiver und effizienter Dienstleister für seine Mitglieder zu sein. Dazu gibt es in der Branche Gott sei Dank positive Vorbilder (Hannover, Augsburg, Stuttgart, Regensburg, Niederbayern, Unterfranken u.a.). Was hier im Rheinland über Jahre mit System vom ehemaligen Landesverbandsgeschäftsführer Wolfgang Gottschalk und in Folge von der jetzigen Geschäftsführerin, seiner Lebensgefährtin behindert wurde, lassen sich nur Mitglieder gefallen, die noch nicht ganz wissen, wo der Hammer hängt. Ich kann das im Interesse der Mitglieder nicht nachvollziehen, wer diesen aufwändigen Gottschalk-Selbstbedienungsladen über Jahre abgedeckt bzw. verantwortet hat.

Welche Anfeindungen musste ich über mich ergehen lassen, als ich damals immer wieder die Missstände der Kfz-Innung Hamburg vorstellte. Die Verantwortlichen beim ZDK in Bonn wussten sehr genau, was da gespielt wurde. Man schaute bewusst weg! Als der ehemalige ZDK-Präsident Rolf Leuchtenberger, selbst Vizepräsident in Hamburg, endlich die Malaise ans Tageslicht brachte, endete der Eklat damit, dass sich der damalige Landesverbandsgeschäftsführer Klaus Schneider das Leben nahm. Der zugehörige Skandal-Obermeister Erwin Wolkenhauer ist inzwischen in der Versenkung verschwunden. Es folgten damals im Nachgang die Skandale in der Kfz-Innung Nürnberg, dann in Freiburg. Die Summen, die hier zu Lasten der Mitglieder versenkt wurden, treiben einem die Schamesröte ins Gesicht. Nur weil man die Dinge treiben ließ und nicht genau hinschaute.

Lieber Rudolf Röser, es ist unsere Aufgabe als Presse, als Magazin für den Automobilhandel, den Spiegel vorzuhalten. Ansonsten werden die “Gottschalks” der Branche immer noch unverschämter. Zu wessen Lasten? Jawohl, es ist auch Ihr Verdienst, Ihr geduldiges Engagement, dass jetzt endlich neue, zukunftsorientierte Brücken in Rheinland und der Pfalz geschlagen wurden. Sie werden aber einräumen, viel zu spät. Es haben ja aus gutem Grunde auf diesem Wege einige verdiente Kampfgenossen ihre Ämter zur Verfügung gestellt.

13. November – Donnerstag

Pkw-Maut – ein Irrweg? Da kündigt der neue Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) die Möglichkeit einer Pkw-Maut an und schon fallen alle über ihn her. Der ADAC mit seinen 16 Millionen Mitgliedern und die gesamten Schreiberlinge der Presse. Und schon zieht der Oberbayer den Schwanz ein. Kündigt gar der neue Verkehrsminister an, dass es aufgrund der “blühenden (Straßen-)Landschaften” im Osten nun einen Nachholbedarf im Westen gibt – was ja nachweislich zutreffend ist –, dann fühlen sich einige in den neuen Bundesländern in ihrer Ehre gekränkt. Weshalb man bis 2019 politisch am Soli klebt, sei mal wieder mit Fragezeichen in Erinnerung gerufen. Schlimm, wenn man Fakten nicht mehr offen benennen darf.

Ziel einer Pkw-Mautdebatte muss sein: Wie schaffen wir es, dass in Zukunft auch ausländische Autofahrer an den Kosten für die Infrastruktur beteiligt werden. Legt doch mal nachvollziehbare Zahlen auf den Tisch, was hier an zusätzlichen Einnahmen zu erwarten wäre. Sind es drei der vier Milliarden Euro? Brüssel verbietet eine Maut allein für ausländische Autos. Also muss man über die ideale Art der Mauterhebung sprechen. Und genau darin liegt der Pferdefuß. Ließe sich das elektronische Lkw-System technisch wie mengenmäßig für den Pkw-Bereich selbstredend übernehmen? Wir hätten damit eine nutzungsabhängige Belastung. Man könnte im Gegenzug die Verkehrssteuern reduzieren.

Und spätestens da gerät die Politik in Verdacht. Sobald man dort – bei gegebener klammer Kasse – den Braten für mögliche Mehreinnahmen riecht, langen die einfach hin. Ob diese Mehreinnahmen dann wirklich dem Straßenbau zugute kämen, darf man auch in Frage stellen. Man wähle daher ein einfaches System – wie in Österreich oder der Schweiz – und senke um diese 27 Euro die Kfz-Steuer. Und dann stimmt das. Also, Vignette statt Maut. Drei Milliarden Euro Mehreinnahmen p.a. sind es auf alle Fälle. In zehn Jahren sind das 30 Milliarden Euro.

14. November – Freitag

Umweltzonen. Für zahlreiche Autos ist ab 2010 die Einfahrt in Umweltzonen verboten. Die neue Regierung will nachbessern und jede Zone auf den Prüfstand stellen. Im Klartext: Städte sperren immer mehr Autobesitzer aus. Schärfere Regeln und nicht verlängerte Ausnahmegenehmigungen machen für viele das eigene Auto unbrauchbar. Ein Renault-Händler schilderte mir seine Situation. Da stehen auf seinem Hof einige gebrauchte Renault mit roter Plakette. Sie sind quasi unverkäuflich. Trotz mehrfachen Anschreibens an Renault erhält er bis heute keine Antwort über offiziell zugelassene Nachbausätze. So lässt man erfolgreiche Händler im Regen stehen und schafft wahre Kundenzufriedenheit.

Spruch der Woche:

“Der Spielraum in höhere Rabattierungen ist für die Händler nicht mehr vorhanden.” (Prof. Willi Diez)

Mit meinen besten Grüßen und Wünschen

Ihr

Prof. Hannes Brachat

Herausgeber AUTOHAUS

5 Reaktionen zu “HB ohne Filter vom 13. November 2009”

  1. Hans von Ohain

    Lieber Herr Brachat,

    bleiben Sie doch bitte bei der Wahrheit. Es wird niemals ein “Null-Emmissionsauto” geben können. Einerseits ist da die Herstellung eines Wagens. Rohstoffgewinnung, Grundstoffverarbeitung, Teile- und Fahrzeugtransporte, letztlich das Zusammenfügen aller Einzelteile – all das wird immer Emmissionen verursachen. Andererseits braucht es zum Bewegen Energie, hier die elektrische. Und die ist so ganz ohne Emmissionen auch niemals zu haben, weder aus der Sahara noch aus der Nordsee oder sonst woher.

    Wir alle in der Branche sollten statt dessen unseren Kunden reinen Wein einschenken und offen über die Perspektiven reden. Die letzte IAA hat eindrucksvoll gezeigt, wie man so etwas nicht macht. Denn hier hat sich bei viel zu vielen Menschen der Eindruck verfestigt, praktikable Elekromobilität schon demnächst erwerben zu können. Dass wir hier von einem jahrzehntelangen Prozess sprechen, muss als Realität auch verbreitet werden. Wenn schon die Marktschreier in der normalen Presse und unsere Hersteller nicht dazu in der Lage sind, sollten wenigstens wir Händler dafür sorgen.

  2. E.Kühlwetter (Wallibelli)

    Guten Tag die Herren Prof. Brachat und von Ohain,
    solange Autos gebaut werden, ob mit 500g /Co 2 Ausstoß oder mit Zero-Ausstoß, fallen für Herstellung und Logisitk / Transport C0 2-Emissionen an. Insofern ist der Hinweis von Herrn von Ohain korrekt, aber für das Thema nicht entscheidend.

    Die Diskussion um das 1- oder 2-Literauto und die neuen Leichtbaukomponenten betrachte ich vielmehr unter Imageaspekten. Hier deutet sich in der Tat ein Paradigmenwechsel an, dem kein Selbstzeck zugrunde liegt, sondern ein in den Triademärkten – später auch in den properierenden Schwellenmärkten – aufziehender neuer Konsumententrend. Harvard Business Manager berichtete ausführlich in der Septemberausgabe darüber. Die Konsumtends in und nach der Krise sind: Der Wunsch nach Einfachheit, das Bedürfnis effizienter Resourcennutzung, das Bekenntnis zur freiwilligen Sparsamkeit auch bei denen, die nicht sparen brauchen. Sehr plastisch auf den Punkt bringt es der allseits bekannte Ex-Smart-Slogan “Reduce it to the max”.

    Konzentriert euch auf des Wichtige, das Wesentliche. Reduziert den Aufwand auf das Nötige
    und nicht mehr auf das Mögliche. Auf das Auto übetragen heißt das: Befreit Produkte und alles drumherum (Angebotsvielfalt, Vermarktung, Präsentation und Imageaufwand) von unnötig aufgeblasenen Ballast, von Schnickschnack jeglicher Coleur. Sorgt dafür, dass ich Kunde preisgünstig, sicher, zuverlässig und angemessen bequem jederzeit mit einem zukunftsfähigen Fahrzeug mein Bedürfnis “individuelle Mobiltät” leben kann.

    Bisher lösten sündhaft teure, leistungsstarke, aufregend dynamische Sportlimousinen und Sportwagen den sogenannten Imagetransfer zu den Volumenfahrzeugen aus. Das nennt man heute “Old shool”. Künftig sind es ebenfalls sehr teure 1- oder 2-Literautos, E-Mobile mit Carbonkarosserien oder noch innovativeren Werkstoffen, die das Autofahrerpublkum faszinieren und den Imagetransfer in die entgegengesetzte Richtung vollziehen. Das ist die
    new shool: “Less must bee more.”

    Dazu ein Beispiel aus der Praxis. In Bonn studiert ein junger Mann von Mitte 20. Der fährt einen teils selbst ersparten, teils von den Eltern gesponserten Telsa-Roadster. Im Selbsttest hat er festgestellt, dass er mit einem Porsche 911 im sozialen Umfeld keine Begeisterung, Anerkennung, geschweige denn den “Booh-Effekt” mehr auslöst. Im Telsa bilden sich überall Menschentrauben, man fragt mit ihm mit wachsender Begeisterung Löcher in den Bauch, er muss berichten, erklären und erzählen. Damit ist er sogar der Hahn im Korb seiner Kommilitoninen.

    Wir müssen auf diese Generation schauen, wenn Deutschland die Konsum-Zukunft der Mobilität mitgestalten will. Und nicht mehr auf die 60- und 70-Jährigen, die der Branche heute zwar noch ordentliche Gewinne einbringen, aber das künftige Autokaufverhalten nicht mehr gestalten.

  3. Marian-M. Waworka

    Umweltzonen: Inzwischen ist doch wissenschaftlich untersucht und bewiesen sowie durch empirische Untersuchungen in vielen deutschen Städten belegt, daß die Umweltzonen ohne jeden Nutzen sind. Warum stellt sich nicht endlich jemand hin und spricht Klartext, diesen bürokratischen Schwachsinn wieder abzuschaffen?
    Maut: In vielen persönlichen Gesprächen habe ich noch keinen getroffen, der den finanziellen Nutzen (ideal: Vignette) einer PKW-Maut für Deutschland in Frage stellt; schon gleich gar, wenn die Maut mit der Kfz-Steuer verrechnet wird. Also bringt sie endlich!

  4. Rick Marlowe Investigations

    Booh-Effekt. Um meinen 1955er Cadillac mit Heckflossen bilden sich auch immer noch Menschentrauben wenn ich ihn parke. Ob er zukunftsfähig ist ? Ja er wird auch noch in 50 noch Jahren fahren wenn man ihn läßt, er hat keine Elektroik die dauernd verreckt. Man muß ihn nur tanken können. Vieleicht braucht man dann eine Sondergenehmigung um etwas Luft verbrennen zu dürfen und ca. 15 Liter Normalbenzin. für 100 Km Spaßfahrt. Er braucht echt wenig. Mit ca 80 Liter im Jahr komme ich aus.

  5. Peter Schöniger

    Lieber Herr Prof. Brachat,

    ich sehe das mit der Pkw-Maut ähnlich wie Sie es in Ihrem Kommentar darstellen, damit nicht nur die Deutschen auf ausländischen Straßen ihren Beitrag zur Finanzierung der dortigen Infrastruktur leisten, sondern die Ausländer dies auch bei uns tun.
    Warum nicht eine Vignettenpflicht analog den Bestimmungen und Preisen wie in Österreich einführen und über die Kfz.-Steuer einen Ausgleich schaffen?
    Eine nutzungsgerechte Bezahlung über das LKW-Erfassungssystem ist im Sinne der Gerechtigkeit verlockend, allerdings würden dann bei Kurzstrecken die Autofahrer auf die Nebenstraßen ausweichen und sicherlich für manche Überlastung sorgen. Das Pickerl bezahlt man einmal, dann ist der finanzielle Schmerz ausgestanden.

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