HB ohne Filter vom 15. Januar 2010

Heute zu den Themen: Trends nach dem großen Sturm, Aspekte 2010, Handel 2010

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Trends nach dem großen Sturm

Das Jahr 2009 hat die deutsche Wirtschaft auffällig gut verkraftet. Das Bruttoinlandsprodukt sank zwar um fünf Prozent. Das Staatsdefizit lag bei 77,2 Milliarden Euro. Die Berliner Kassen sind leer! Es wurden umgekehrt für 2009 fünf Millionen Arbeitslose prognostiziert, Massenentlassungen mit sozialen Unruhen angekündigt u.a. Betriebe setzten vielfach auf Kurzarbeit bzw. verkürzten die Arbeitszeit. Und doch ist die Gegenfrage erlaubt: Gibt es auf Dauer für die 40 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland genug zu tun? Selbst der Konsum blieb 2009 auf erstaunlichem Niveau. Volkswagen hat mitten in der schwersten Krise der Autoindustrie den besten Absatz seiner Geschichte eingefahren, 6,29 Millionen Stück. Und der Autofahrer konnte 2009 seit elf Jahren günstiger als im Vorjahr tanken. Super kostete im Schnitt 1,273 Euro je Liter und damit 11,6 Cent weniger als 2008. Wirtschaftsprüfer Hans-Günther Barth von der Kanzlei Rath, Anders, Dr. Wanner & Partner legte jetzt erste Finanzkennzahlen für den Automobilhandel 2009 vor. Danach wird der Automobilhandel das Wirtschaftsjahr 2009 mit einer Umsatzrendite von 1,2 bis 1,4 Prozent abschließen. Nach der hundsmiserablen Rendite 2008 hat hier für den Durchschnittsbetrieb die Umweltprämie gerade über höhere Deckungsbeiträge im Neuwagenbereich voll durchgeschlagen. Der Preisverfall im Gebrauchtwagenbereich war allerdings dramatisch. Und für Betriebe, die gerade im Großabnehmergeschäft aktiv sind, schlagen die Restwertverluste aus Leasinggeschäften voll durch. Hier gilt es Markenunterschiede zu sehen sowie unterschiedliche Stützungsleistungen seitens der Hersteller. Faktum ist, dass sich die Deckungsbeiträge im Service- und Teilebereich verschlechtert haben.

Aspekte 2010

Prognose-Institute rechnen für 2010 in Deutschland mit einem Wirtschaftswachstum zwischen 1,2 und 2,5 Prozent, leicht rückläufigen privaten Konsumausgaben, einer Arbeitslosenquote von rund 8,5 Prozent, möglicherweise bis zu 4,4 Millionen Arbeitslose und einer Inflationsrate bei den Verbraucherpreisen von rund einem Prozent. Die Kanzlerin meinte: “Die volle Wucht der Auswirkungen der Krise wird 2010 sichtbar werden.” Auch VW-Chef Martin Winterkorn spricht von einem harten Jahr 2010. “Dem Elektroauto gehört die Zukunft”, so Winterkorn. “Das wird die gesamte Autoindustrie verändern.” Klar, Elektroautos haben weder Kolben, Getriebe noch Auspufftopf. Für den weltweiten Absatz sieht der VW-Konzernchef eine leichte Erholung. Er rechnet mit einem Mehrverkauf in der Branche von ein bis zwei Millionen Autos. Allerdings in China, Brasilien, Indien, vielleicht auch in Russland. Weltweit winkt also ein Plus von vier Prozent. Einig ist man sich, dass die individuelle Mobilität weiterhin ein Wachstumsmarkt ist. Der weltweite Absatz soll also von derzeit 50 Millionen pro Jahr mittelfristig auf 70 Millionen ansteigen. China als neuer Exportweltmeister wird der Motor sein, der die ganz Welt nach vorne treibt. Deutschland ist Exportnation. Daran wird deutlich, dass die Bedeutung des Heimatmarkts rückläufig ist. Wird also Volkswagen seine 90.000 Mitarbeiter in Deutschland weiter beschäftigen können? Bei Daimler arbeiten 60 Prozent der gesamten Konzernmitarbeiter in Deutschland. Aber drei Viertel aller Daimlerfahrzeuge werden ins Ausland verkauft. Die Produktionsverlagerung ins Ausland ist das eine. Die Situation der einzelnen Hersteller das andere.

GM ist gegenwärtig verstaatlicht. Der neue Opel-Chef Nick Reilly rechnet erst 2011 mit schwarzen Zahlen. Ford-Chef Allan Mullaly, wie der neue GM-Chef Ed Whitacre, selbst Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne sind geübt im Sanieren, aber keine Automobilisten. Das Abenteuer Chrysler-Fiat wird dazu führen, dass Chrysler in Kürze seine deutsche Dependance nach Frankfurt verlegen wird. Lancia-Händler werden künftig zusätzlich Chrysler verkaufen. Und was machen angestammt Chrysler-Exklusivhändler? Sie werden sich eine neue Marke suchen. Da tritt so ganz unmerklich, aber mit geballter Modellkraft, mehr und mehr die Marke Hyundai von hinten in den Vordergrund. Um sich aus der Kostenfalle zu befreien, werden namhafte Hersteller notgedrungen miteinander kooperieren. BMW und Peugeot, Mercedes mit Renault und Nissan.

Was den Herstellern wie dem Handel zusätzlich zu schaffen macht, sind die grundsätzlichen Marktveränderungen im Käuferverhalten. Wer hätte gedacht, dass 2009 die Marken Chevrolet, Dacia, Hyundai und Kia auf dem Siegertreppchen stehen? Die Inder und Chinesen werden kommen. Ob 2010? Tesla, Geely, Tata oder Fisker? Kleinwagen machten und machen gegenwärtig das Rennen. Oder die Mini-Vans. Voll daneben liegt die Luxusklasse. Maybach. Das ist alles andere als nobel. Bei Bentley hat sich der Absatz halbiert. Porsche arbeitet bis Ende März kurz.

Handel 2010

Und wie geht es im Automobilhandel weiter? ZDK-Präsident Robert Rademacher rechnet mit einem Zulassungsabsturz auf 2,8 Millionen Neuwagen und einer Zunahme an Insolvenzen um 20 Prozent. In puncto Insolvenzen ist aber die Frage zu stellen, ob dies denn so sein muss? Es gingen 2009 auffallend viele große Betriebe in die Knie. Dann gab es eine Spezies von Betrieben, die wurden in die Knie gezwungen und sind am Untergang ihres Lebenswerkes nicht einmal die Verursacher. Am Gesündesten sind jene Betriebe, die markengebundene Service-Betriebe an Standorten bis zu 15.000 Einwohner unterhalten und Fahrzeuge nach Bedarf vermitteln. Weshalb dann CECRA-Präsident Jürgen Creutzig im Rahmen der GVO 2010 den Wegfall von Service-Verträgen und deren Integration in einen Gesamtvertrag (Handel plus Service) fordert, ist mit nichts, aber auch gar nichts nachzuvollziehen. Er will den gesündesten Betrieben in der Branche ihre Basis entziehen. Im Auftrag von wem denn? Der ZDK sollte auch im Rahmen der Tarifpolitik das Thema Kurzarbeit nach vorne tragen. Es könnte betroffenen Händlern eine Überlebensbrücke bauen.

Der größte Insolvenzbeschleuniger der Branche für 2010 ist das Thema Liquidität. Die Kreditklemme ist da. Alles andere sind Fensterreden der Banken. Einige Händler haben bereits – dank der Abwrackprämie in 2009 – ihre Bestände abgebaut. Damit sank der Kreditbedarf und die Banken – Herstellerbanken, Autospezialbanken und die Hausbanken – haben das Kreditlimit abgesenkt. Wer nun beispielsweise in 2010 aktiv zukaufen möchte bzw. muss, sitzt in der Klemme.

70 Prozent der verkauften Fahrzeuge werden finanziert, davon sind 40 Prozent Leasinggeschäfte. Da möchte ein Händler einen Großauftrag für Behörden abwickeln: Es ist aber keine Bank mehr dazu bereit, das Restwertrisiko nach drei Jahren zu übernehmen. Faktum: Man könnte verkaufen, aber keiner finanziert! Das gab es noch nie. So platt sind bereits die Hersteller/Importeure selber. Vor lauter Verkaufsförderungs- und Rabattaktionen, sprich Geldvernichtungspraxis.

Die Bilanzkennzahlen 2009 werden verschiedentlich nicht erfreulich ausfallen. Die Eigenkapitalquote der meisten Autohäuser liegt bereits unter 10 Prozent. Also kommt es abermals zu einer Kreditreduktion der Banken. Nachdem die meisten Händler leider sehr einseitig auf die Herstellerbanken fixiert sind, stehen sie in der totalen Abhängigkeit dieser Institutionen. Das heißt, mehr und mehr bestimmen die Herstellerbanken, wer in die Insolvenz geht. Ich werde allerdings den Verdacht nicht los, dass diverse Hersteller-/Importeursbanken die Liquiditätssituation der Händlerschaft zur Netzaussiebung nutzen.

Das Thema Restwerte wird auch 2010 eine gravierende Rolle spielen. Man darf gespannt sein, bis wann der ZDK endlich sein Restwert-Gutachten so publiziert, dass es Wirkung erhält. Der ZDK sollte sich gleichermaßen zur Willkürpraxis äußern – gerade in der VW-Organisation -, warum einigen Händlern seitens der Hersteller mit Finanzspritzen geholfen wird und andere fallen gelassen werden. Willkür pur!

Eng damit verbunden ist die tatsächliche Relation zwischen Handel und Hersteller. Was wird aus dem neuen ZDK-Geschäftsmodell, das ZDK-Vizepräsident Ulrich Fromme am 1. Oktober 2009 vorstellte? Wo bleibt hier die ganz klare Artikulation der Spielregeln? Auch hier sollte der ZDK sich nicht hinter den Markenverbänden verstecken, sondern ganz klar sagen, was Sache ist, was geht und was nicht geht, um damit darzustellen, worin und mit was das Geschäftsmodell “Markenhandel” überhaupt eine Zukunft hat. Wer die Preisschleuderei ansieht, muss feststellen, dass darüber zahlreiche Händler diverser Marken nicht mehr mithalten können und sich vom Vertrieb verabschieden. Fazit: Was muss geschehen, dass das Model “Markenhandel” eine Zukunft hat!

Der Innovationsdruck und das Innovationstempo werden uns 2010 besonders fordern. Es sind die Menschen, die über den Erfolg bestimmen. Es ist die persönliche Einstellung. Es ist die Leidenschaft für das Wirken, was zu guten Entwicklungen führt. Das Automobil selbst hat eine gute Zukunft. Und das ist das Wichtigste! Wir bleiben dran!

Spruch der Woche:

“Wer über jeden Schritt lange nachdenkt, steht sein Leben lang auf einem Bein.”

Mit meinen besten Grüßen und Wünschen für ein erfolgreiches Jahr 2010

Ihr

Prof. Hannes Brachat

Herausgeber AUTOHAUS

6 Reaktionen zu “HB ohne Filter vom 15. Januar 2010”

  1. H.von Bödefeld

    @Burkhard Weller: Hätte mir gerne gewünscht das unser Herr Prof. Brachat noch auf den offenen Brief von Herrn Burkhard Weller eingegangen wär. Na ja vielleicht nächste Woche. Ich persönlich muss den Hut vor Herrn Weller ziehen. Endlich sagt jemand mal unserem geliebten Herr Dudenhöffer die Meinung. Wurde aber auch langsam mal Zeit. Herr Weller ist wohl der einzigste der den Mumm dazu hat. Bin ja mal gespannt ob er sich dazu äußert. Aber ich denke mal eher nicht. Wäre das mal schön eine Veranstaltung von Herrn Dudenhöffer zu besuchen und natürlich den Raum voller Verkäufer. Packt schon mal die Tomaten ein. Bin ja mal gespannt. Danke Herr Weller.

  2. H. Salesmen

    Danke Herr Weller, wenn ich sonst kein Fan von ihnen bin aber hier haben Sie endlich mal etwas gesagt, was schon viele vorher haben machen müssen. Herr Brachat lebt von uns allen und hier kommt kein Wort, kein Schutz na dann bin ich mal gespannt wieviele von uns noch auf die vielen Seminare von Autohaus, etc kommen und wie finanzieren Sie diese dann noch? Die Idee, dass Herr Dudenhöffer uns die Fz von den Herstellern kaufen soll finde ich gut, wäre auch mit einer Marge von 18% zufrieden, den rest soll der H. Dudenhöfer einstecken, wir sind mal gespannt wie lange er das durchstehen kann? Das Schlimme ist, dass solche Profs, Dr. und andere noch nie im Leben ein Fz verkauft haben.

  3. Karl Schuler

    Zum Thema Aspekte 2010 und offene Briefe:
    Ich bin wohl der Einzige, der dieses Zahlenmaterial als kurzen, zusammenfassenden Branchenüberblick wohlwollend zur Kenntnis nimmt, um zu erfahren, was gerade geht und was nicht. Herr Prof. Dudenhöffer wertet die Zahlen aus und bereitet sie statistisch auf, die seinem Institut von der Industrie zur Verfügung gestellt worden sind. Und das macht er sehr gut!
    Wenn Medien, Kunden und auch viele Autofachleute daraus aber schließen, dass der Höchstrabatt für alle Anbieter gilt, kann man als Händler/Verkäufer die Kunden von seinem Produktangebot überzeugen und aufklären. Und dazu gehört doch wesentlich mehr als ein Rabatt in irgendeiner Höhe…

    Was den Langsteher in der falschen Farbkombination betrifft, hat Herr Weller vollkommen recht. Im Übrigen kenne ich Vertreter einer deutschen Ingenieursmarke, die ca. 2.000.000 Euro im letzten Jahr an einem einzigen Standort verbrannt haben oder besser formuliert “verbrennen haben müssen”, weil der Hersteller am grünen Tisch die Nachfrage völlig anders einschätzt, als der Händler vor Ort dies leisten kann. Diese Marke ist übrigens nicht für hohe Nachlässe bekannt.

    Letztendlich geht es doch darum, die Wertschätzung für das Produkt Automobil zu erhöhen und unsere Kunden vernünftig zu bedienen. Nicht mehr und nicht weniger!

  4. Alexander v. Gizycki

    …zum Spruch der Woche: vor dem Abgrund steht es sich besser auf einem Bein, als ein Schritt weiter zu sein…
    Gratuliere zu dem wie immer ins Schwarze treffenden Kommentar. Wir sollten nur aufhören
    von Krise zu reden, sondern diese zu einer Chance umdefinieren. Wer sagt denn, das man als
    Händler Lösungen nur im eignenen Branchenumfeld finden kann? Warum z.B. nicht intelligente,
    zukunftsweisende Franchissystemanbieter in den eigenen Betrieb integrieren, z.B. durch Verzicht auf Showroom, stattdessen Vapiano, McFit o.a. Durch externe Franchisenehmer kommen frisches Geld und neue Frequenzgeber ins Haus. Wer hier Interesse hat, bitte melden.

  5. Klaus de Nardo

    Burkhard Weller.

    In einem gebe ich Herrn Weller nur zu gerne Recht, diesen sogenannten Autoexperten Dudenhöfer müßte man die Plattformen entziehen mit seinen Äußerungen die Verbraucher zu verunsichern.

    Möchte aber auch sagen, dass das Unternehmen Weller nicht ganz schuldlos an diesen
    Rabattschlachten ist. Wenn man Mitarbeitern die tariflichen Mindeststandarts nicht gewährt und die Personalkostenersparnis dazu nutzt Fahrzeuge und Dienstleistungen mit höhreren Rabatt anbieten zu können wie die tariftreuen Wettbewerber ist das genau so verwerflich. Die Verweigerung Mitarbeitern den ihnen zustehenden Lohn zu zahlen müßte unter Strafe in Deutschland verboten werden und ist auch moralisch sehr bedenklich.

    Mal drüber nachdenken Herr Weller!!

    Klaus de Nardo

  6. Cavallo

    An Herrn Weller und allen Beteiligten: Der Prof. D. ist von TV-Sendern und Zeitschriften so oft
    konsultiert worden, daß er mittlerweile den Titel “Autopapst” des öfteren bekam, obwohl er
    meiner Meinung nach (15 Jahre Autoverkauf) nicht so wirklich Ahnung hat. Er und die Medien wissen: Schlagzeilen “verkaufen” sich besser als laue Parolen.

    Es soll ja auch der eine oder andere Meinungsbildner für Interviews was bekommen haben…

    In Wirtschaft und Politik ist es doch auch schon längst Standard, daß hochstudierte Entscheider das Sagen haben, die von der Realität und dem Tagesgeschäft Lichtjahre entfernt sind.

    Solange der Bäcker Abitur haben muß, der Postbote BWL-Studium braucht und der Landmaschinenmechaniker Luft- und Raumfahrttechnik studiert haben muß, züchten
    wir uns so eine Blender-Gesellschaft.

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