HB ohne Filter vom 18. Dezember 2009

Heute: Die große Rückschau auf ein “tolles” Jahr 2009

Den ersten “HB ohne Filter” im neuen Jahr 2010 lesen Sie an dieser Stelle am 15. Januar.

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Ein “tolles” Jahr 2009! Geschafft! Ein ver-rücktes Jahr liegt hinter uns. Ein Superwahljahr, ein Krisen- oder gar Chaosjahr. Oder haben wir uns gar an die Krise, die nun im zweiten Jahr wirkt, gewöhnt? Man wird – je nach Lagebeurteilung – sofort zum Optimisten oder Pessimisten abgestempelt. Aber, man muss ja nicht gleich nach dem Sarg Ausschau halten, wenn man Blumen riecht.

Wir steuern “alle Jahre wieder” auf Weihnachten zu und können selbst bei der Konstanten, die dieses Fest nun seit 2010 Jahren in sich trägt, markante Widersprüche entdecken. Die besinnliche Zeit wird zur hektischsten des Jahres. Wieder keine “Weiße Weihnacht”, dafür Familienstreit um den richtigen Baum. Jeder kennt den Sound “White Christmas”. Der Kontrast. Der Bürgermeister in einem Kaff in der Provinz Brescia lässt zur “Weißen Weihnacht” aufrufen. Alle Ausländer ohne Papiere sollen pünktlich zu Heiligabend aus dem Ort getrieben werden. Kontraste! Die einen hängen fassadenkletternde Cocacola-Männer (=Weihnachtsmänner) an ihr Haus um deutlich zu machen, dass Vieles heute Fassade ist. Die übrigen Schokoladenosterhasen werden eingeschmolzen und zu Schokoladenweihnachtsmännern verarbeitet. Die schöne und symbolische Seite des Schenkens reduziert sich für Kinder auf seelenlose Plastikmonster, bewaffnete Plüschtiere und rosarote Laptops, mit denen den Kindern förmlich das Kindliche ausgetrieben wird. Oder schauen wir auf die besinnliche Achse des Festes, so gerät vieles zur eiligsten Angelegenheit.

Mit dem Fest der Liebe und der äußeren wie inneren Friedensbotschaft im Stall zu Bethlehem, hat das alles recht wenig zu tun. Wie lautet die Aufforderung, die an uns gestellt ist: Wir sollten den Blick für das Wesentliche nicht verlieren. Rückbesinnung ist gefordert. Selbst im peinigenden Wort Reform steckt das “Re-”, das Zurück drin. Die Re-Formierung meint die Wiederherstellung eines bewährten, aber in Vergessenheit geratenen oder verfallenen Zustandes. 2009 driftete gar zu Vieles auseinander.

Die Hersteller sind gezwungen, ihre Produktionen zurückzufahren. Vom Pro-duzenten zum Re-duzenten. Das führte zwangsläufig zu einem Pleiterekord bei den Zulieferern. Karmann & Co. Der oberste Maßstab für den Handel liegt in der Verbesserung der Rendite, die erstmals 2008 einen Negativwert auswies. Geduldig wie ein Kranker, der auf seinen Arzt (= Hersteller) vertraut, nehmen wir die tägliche Verschlimmerung unseres Zustandes in der Handelslandschaft hin und hoffen, dass uns der Arzt die richtigen Rezepte verschreibt. Da wurden seitens der Hersteller wie der Standesvertreter in 2009 gleich einem Notarzt diverse und vereinzelte Beruhigungsspritzen verabreicht, hier und dort in Gutsherrenmanier Bluttransfusionen gesetzt, um die Liquidität aufrecht zu halten, da und dort wurden Amputationen vorgenommen, um die restliche Körpersubstanz zu erhalten. Wo aber bleibt die echte Therapie? Von den vorgelegten Geschäftsmodellen ist zur Stunde nicht ein einziges mit positiver Wirkung für den Handel umgesetzt.

Der “Dudenhöffer-Effekt” im Neufahrzeuggeschäft ist dringlich auf Normalmaß zurückzustutzen. Der ZDK hat seine Rückblickzeit auf 100 Jahre abzuschließen und die Blicke nach vorne zu wenden, um endlich seiner Schiedsrichterfunktion gerecht zu werden. Da ist mehr Mut und Profil gefragt! Die einzelnen Händlerverbände haben bei aller Qualität des Dialoges klaren Kurs zu halten. Diverse Hersteller demonstrierten 2009 offen die pure Willkür. Einigen Händlern wird in Sachen Restwertverlusten aus Leasinggeschäften seitens der Hersteller geholfen, andere werden gnadenlos fallen gelassen. Der Faktor Fairness muss wieder renaturiert werden. Er kam 2009 vielfach unter die Räder. Wir hatten 2009 in der Branche markante Insolvenzen oder auch Übernahmen. Lassen sie mich stellvertretend aus einem Brief eines Servicechefs einer insolventen Firma die Realität schildern. Und derartige Schilderungen waren dieses Jahr wirklich keine Seltenheit: “Ich bin seit 18 Jahre aktiv in unserem Hause im Service tätig. Die Gründe für unsere Insolvenz waren viele, aber nicht das eigentliche operative Geschäft. Die Hersteller haben sich sofort nach der Insolvenz von uns getrennt. Über eine Fortsetzung von Serviceverträgen wollten sie gar nichts hören, obwohl wir bislang 3.000 Kunden mit hohen Kundenzufriedenheitswerten betreuten. Über die Eröffnung des Insolvenzverfahrens gerieten einige unserer Topleute unter Druck und haben sich von der Konkurrenz abwerben lassen. Wir wollten selber eine Auffanggesellschaft gründen. Es gab aber keine zumutbare Einigung mit der Bank, und wir mussten daher unser Vorhaben der Übernahme aufgeben. Nach monatelanger Schlaflosigkeit möchte ich gerne von Ihnen eine befriedigende Erklärung finden, um meine ganze Bemühung zur Übernahme nicht als sinnlos zu sehen. Warum wollte uns wirklich keiner helfen?“

Guter Rat ist teuer! Es fielen dieses Jahr zu viele Menschen vom Glauben an das Wirtschaftssystem ab. Wen wundert das? Oder schauen wir auf den Volkswagen-/Porsche-Deal zurück. Da wirft sich ein schwäbischer Milliardär des Verzockens wegen vor den Zug. Man geht wie selbstverständlich nach der Trauerfeier am 11. Januar 2009 zur Tagesordnung über. Inzwischen ist der Vertrag zwischen Volkswagen und Porsche ausformuliert. Ein 1.200-Seiten-Werk, das notariell zu beurkunden ist! Das muss vorgelesen werden. Für wen denn? VW-Chef Winterkorn hat da einen Vertrag zu verantworten, dessen Details er gar nicht kennen kann. Er wird aber darüber Morgen zur Verantwortung gezogen werden. Ein echter Unternehmer lehnt ein derartiges Vertragswerk schon aufgrund der Länge rundherum ab. Manager machen das!

Oder: Jetzt tritt der ehemalige Betriebsratsvorsitzende von Volkswagen vor Weihnachten seine Haft an. Und Herr Piëch will vom IG-Metall-Rotlicht-Sumpf seines Unternehmens nichts gewusst haben? Es wird öffentlich gelogen, dass sich die Balken biegen. Jeder schaut weg und sagt nichts! Wir müssten längst neben der “Hall of Fame” die Halle der Lügenbeutel aufstellen. Die hätte in diesem Jahr eine Überfülle an Bestückung erfahren.

Weitere Kontraste: Geht Opel 2010 in Konkurs? Wer weiß das? Saab-Chef Jan-Ake Jonson schreibt den Partnern zu Weihnachten: “Es geht jetzt darum, noch vor Ende des Jahres einen neuen Eigentümer zu finden… Für ihre Loyalität und Unterstützung in dieser schwierigen Zeit möchte ich Ihnen herzlich danken.” Sicher ist mit Saab aber gar nichts. Auch da kann auf die Händler ein tragisches Finale zukommen. Pessimismus?

Schauen wir uns die neue Regierung an. Am Kündigungsschutz wird und wurde nichts geändert. Frau Merkel leitet offensichtlich eine “sozialliberale Koalition”. Der übertriebene Kündigungsschutz ist das Haupthindernis für Neueinstellungen. Also wird mit Zeitarbeitsverträgen gearbeitet. Kann das sinnvoll sein? Die Lohnnebenkosten wollte man deutlich unter 40 Prozent drücken. Was geschieht? Nichts! Warum ist bei der Krankenkasse – wie bei der Kfz-Versicherung –- nicht eine einheitliche Grundversorgung möglich? Und den Kaskostatus legt sich jeder nach Eigenbedarf zu?

Es war in diesem Jahr viel von der Gier der Banker wie der Manager die Rede. Wer sich einmal neben die weihnachtlich dekorierten Schnäppchenkisten in den Kaufhäusern stellt, sieht, dass die Konsumenten an selbigen Giergraden leiden. Diese Billigmarkt-Kunden wollen immer noch nicht wahrhaben, dass die importierten Schnäppchen ihre eigenen Arbeitsplätze kosten. Wo und von wem wird die Gier des “kleinen Mannes” einmal deutlich artikuliert? Dudenhöffer ist als beamteter und risikoarmer Wirtschaftsprofessor deren Anführer. Er treibt seine “Bild Zeitung”-Konsumenten nur zu einer Sicht der Dinge an: Preis, Preis, Preis! Da ist nichts an verantwortungsvoller Differenzierung auszumachen. Wer die Praxiszeit des Herrn Dudenhöffer vor seinem Beamtenstatus kennt, den wundert das nicht.

Wenn der neue Finanzminister Wolfgang Schäuble 2010 einen Haushalt mit 325,4 Milliarden Euro Ausgaben vorlegt, die nur mit Hilfe neuer Kredite von knapp 86 Milliarden Euro gedeckt sind, der weiß um die Folgen daraus. Lieber der nachfolgenden Generation Schulden hinterlassen als ein Totalchaos. So ist die selbstgefällige Redensart. Gesund ist das nicht! Es gäbe noch mehr an belastenden Realitäten, ja Wahrheiten aufzuzeigen. Setzen wir dem aber auch Glanzlichter entgegen. Diese gibt es gleichermaßen.

Die Europa- wie die Bundestagswahlergebnisse dürfen zuversichtlich stimmen. Die Extremisten blieben bis auf die SED-Roten um Gysi und Lafontaine auf den Plätzen. Auch die zweite Amtszeit unseres Bundespräsidenten Horst Köhler hat viel Gutes in sich. Das Jahr 2009 startete mit einer Perspektive von 2,8 Millionen Neuwagenzulassungen. 3,7 Millionen werden es dank Abwrackprämie werden. Das hatte Anfang 2009 keiner vorhergesehen! Möglicherweise schafft die ausstehende Dienstwagenregelung 2010 neue Impulse. Wo bleibt die Initiative, VDA, VDIK, ZDK? Die “sozialliberale Koalition” trägt zumindest den Charakter von Kontinuität in sich. Auch das Jubiläum “20 Jahre Wiedervereinigung” erinnert an viele positive Aspekte. Deutschland ist nach wie vor Exportweltmeister. Trotz Pisa-Schock, Verflachung und Beliebigkeit ist der Bildungsgrad in Deutschland so hoch wie nie zuvor.

Fazit: Ja, es ist gut, dass es Weihnachten gibt. Es ist eine Hoffnung, die der Not ins Gesicht schaut und ihren Fragen nicht ausweicht. Weihnachten ist ein Fest der Ermutigung und dabei ganz bodennah. Das Leben, wie es viele Menschen erfahren und erleiden, wird nicht vergoldet. Es zeigt die Widersprüche und Risse, die Leiden und die Schmerzen. Ich danke allen guten und fleißigen Geistern, die am positiven Branchengeschehen mitgewirkt haben. Auf eine gute Fortsetzung im Neuen Jahr!

Spruch der Woche:

“Nichts ist mehr, wie es war.” (Bundespräsident Horst Köhler, mit den Tränen kämpfend, auf der Trauerfeier für die Opfer des Amokläufers von Winnenden, der auch in einem VW-Betrieb von Otto Hahn einen Kunden und einen Verkäufer erschossen hatte.)

Trotz allem, mit meinen besten Weihnachts- und Neujahrsgrüßen

Ihr

Prof. Hannes Brachat

Herausgeber AUTOHAUS

11 Reaktionen zu “HB ohne Filter vom 18. Dezember 2009”

  1. Trina

    “Abwrackprämie” ist zum Wort 2009 gewählt wurden, dass wurde heute morgen von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bekannt gegeben. Das finde ich wunderbar, die Abwrackprämie war durchaus etwas Gutes. Die “Schweinegrippe”, die auf Platz 3 gelandet ist, kann man wirklich nicht als etwas Gutes bezeichnen.

  2. Jörg-Uwe Banach

    Dem Nachlassverhalten der Händler nun noch den Namen “Dudenhöffer-Effekt” zu geben, ist in meinen Augen eine völlig unnötige “Ehrung” dieses selbsternannten Autoexperten und seinen unaufgefordert abgegebenen “Studien”.

  3. Yves Sprecher

    Eine Maßnahme für einen erlösenden Jahrestart 2010 wäre eine geschlossene Vertragskündung der Markenverträge. Diese Macht wäre mit einem geschlossenen Auftritt aller gebundenen Markenhändler darstellbar.

    Final was zum Nachdenken: “Erläutern Sie in einem Satz den Vorteil einer Vertragsbindung mit einem Hersteller?”

    Allen Händlerkollegen einen Traumstart ins nächste Jahr.

    Y. Sprecher

  4. Herbert Seeger

    Die Besteuerung des geldwerten Vorteils der Jahreswagen ausgehend vom echten Marktpreis ist ein Schritt in die richtige Richtung.

    Wann fällt endlich die unsägliche 1% Regelung des ehemaligen Neupreises bei Gebrauchtwagen, die als Firmenwagen auch privat genutzt werden?

    Das würde dem Handel den Abverkauf seiner Dienstwagen und vor allem der gut ausgestatteten Leasingrückläufer deutlich erleichtern.

    Wer nimmt dieses Thema auf???

    Herbert Seeger

  5. John Michael Sucker, Babenhausen

    Die Fassaden bekletternden Coca Cola-/Weihnachts-Männer sind schon derart zahlreich anzutreffen, dass es eher unwahrscheinlich ist, allen Verwendern solcher Männer zuzugestehen, damit auf das allgemeine um ich greifende Fassadentum ( = Oberflächlichkeit) aufmerksam machen zu wollen. Dies setzt einen Grad der Erkenntnis voraus, der selbst noch kein Massenphänomen ist.

    Es ist in diesem Zusammenhang eine Erleichterung, dass der Weihnachtsmann keine Weihnachtsfrau ist – Frau neigt eher weniger zu Oberflächlichkeiten …

    Weiter: Das Wort der “besinnlichen Achse” des Weihnachtsfestes erinnert doch sehr an die “Achse des Bösen”, welche der Vorgänger Präsident Obamas sich bemüßigt gefühlt hatte der Welt anzubieten und zu hinterlassen. Es wäre mir angenehmer gewesen, in Zusammenhang mit Weihnachten eher nicht an eine Achse denken zu müssen.

    “Warum wollte uns wirklich keiner helfen ?” Die Antwort läßst sich im selben Abschnitt finden: “Es gab keine zumutbare Einigung mit der Bank.” Das scheint überhaupt das Dilemma des Mittelstandes in diesem Jahr zu sein, und es ist schon ein bemerkenswerter Vorgang, wenn die Kanzlerin nach Berlin einladen muss, um die Banken an deren gesamtwirtschaftliche Verantwortung zu erinnern – bemerkenswert insbesondere in so weit, als dass viele Banken in ihrem Verhalten sich in den letzten Jahren verantwortungslos gezeigt hatten und damit die weltweite Wirtschaftskrise heraufbeschworen haben.

    Dass sich neuerdings Milliardäre und Torhüter vor Züge werfen ist wohl nicht zu einem geringen Teil dem hier in einem anderen Zusammenhang bereits angesprochenen Fassadentum anzurechnen. Es bleibt die Frage, inwieweit das jeweilige Umfeld daran mitgewirkt hat, ein solches Fassadentum aufrechtzuerhalten …

    “Ein echter Unternehmer lehnt ein derartiges Vertragswerk schon aufgrund der Länge rundherum ab. Manager machen das!” Wolfgang Grupp vonTrigema wird das wohl auch unterschreiben können, und ich ebenso.

    Da die Rede von Wolfgang Grupp ist: Die Verantwortlichen der Firma Steiff haben nach etlichen Lehrjahren und Lehrgeld jenseits ihrer Peanuts-Grenze erkannt, dass die Produktion von Teddybären und anderen Plüschtieren wohl doch besser in Deutschland als in China aufgehoben ist. Dies nicht zuletzt aufgrund der hohen Fluktuation der Mitarbeiter in China, welche zudem noch selten über ausreichende Qualifikationen verfügen.

    Es scheint also nicht unmöglich, dass länger andauernde Arbeitsverhältnisse einem Unternehmen zum Vorteil gereichen können, wobei zuzugestehen ist, dass die Gier der Gewerkschaften in den achtziger und auch noch in den neunziger Jahren nach zu beschenkenden Mitgliedern (weniger Arbeit bei vollem Lohnausgleich sei hier als prominentes Beispiel angeführt) unter der Arbeitnehmerschaft eine über das gesamte Jahr andauernde Weihnachtsstimmung zu erzeugen geeignet war.

    Die Heimverlegung aus der ausländischen Produktion macht auch bei anderen deutschen Firmen Schule, aus den selben Gründen – Trigema hat diesen Herstellungstourismus im übrigen nie mitgemacht. Und so sollten wir zunächst einmal über die Gier nicht nur der Banker sondern vieler Unternehmer sprechen, welche der Macht der mittlerweile unrealen Wirtschaft (= Börse) verfallen sind:

    Es ist doch äußerst bemerkenswert, wenn im Zusammenhang mit der globalen Finanzkrise von der Börse einerseits und der Realwirtschaft andererseits gesprochen wird. Das ist vergleichbar mit dem Ausdruck “der Mensch und die Natur”, als ob der Mensch etwas anderes sei als die Natur beziehungsweise als ein Bestandteil derselben. Es sind gerade diese der Pervertierung nahe kommenden und künstlich erzeugten Unterschiede, welche globale Schwierigkeiten bereiten – sei es in der Wirtschaft oder auch in der Umwelt.

    Besinnung auf das Wesentliche tut also in der Tat Not !

    Nicht jeder Schnäppchenjäger giert in den Wühltischen der Kaufhäuser nach billiger Exportware aus sportlichen Gründen: Tatsächlich muss eine ganz erstaunlich große Anzahl von Wühlenden sich solchem Treiben aussetzen, weil die eigenen finanziellen Mittel kein ausgedehntes Shopping mit anschließender Einnahme von Kaffee und Kuchen in der Luxuseinkaufsmeile ermöglichen.

    Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass nach den hierzulande geltenden Maßstäben bereits jeder achte Bürger als arm zu bezeichnen ist – das sind erstaunliche 12.5% der Bevölkerung. Hierin liegt das Potential einiger sozialen Unruhen, und vielleicht können wir ja die Bauindustrie insoweit unterstützen, als dass wir nun auch beginnen, zwischen Habenden und Wenigerhabenden Mauern zu bauen – in Rio de Janeiro ist dies zur Zeit sehr beliebt …

    Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich rede nicht dem Sozialneid das Wort. Jeder hart und ehrlich arbeitende Mensch soll die Früchte seiner Arbeit ernten können, ohne hierbei das Gemeinwohl ganz aus den Augen zu verlieren. In Amerika ist unter Besserverdieneden oft der Begriff des „Zurückgebens“ an die Gesellschaft zu hören. Nicht, dass auch dort noch mehr zurückgeben könnten, aber Reichtum mag zwar begründet sein in unternehmerischer Intelligenz (mit einhergehender Risikobereitschaft), ist jedoch zu erwirtschaften von Arbeitnehmern.

    Berthold Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ ist also auch heute noch hoch aktuell.

    Zur Abwrackprämie: Auf einem der Spaziergangstouren meines Hundes liegt ein Schrottplatz mit einer angeschlossenen Autoverwertungsfirma. Noch nie habe ich so viele noch ausgezeichnet aussehende und funktionierende Fahrzeuge gesehen (die zudem noch vielfach heute geltende Umweltnormen erfüllen), die der Verschrottung anheim fallen. Schön für die Neuwagenverkäufer, schlecht für die Gebrauchtwagenbranche – wobei Autohändler ja oft in beiden Branchen beheimatet sind.

    Dies ist eine ganz besondere Sinnhaftigkeit, welche sich mir nicht grundsätzlich erschließt. Ich kann lediglich vermuten, dass es im nächsten Jahr dann andersherum laufen wird: Weniger Neuwagen- und mehr Gebrauchtwagenverkäufe.

    In diesem Zusammenhang sei noch einmal Bezug genommen auf die Gier, denn auch hinsichtlich der Abwrackprämie lässt sich diese ausmachen: Bei den Verbrauchern, die nur sehen, dass es stattliche und gleichzeitig staatliche 2 500 Euro ‘geschenkt’ gibt, und bei den Banken, die eine Restfinanzierung zum Neuwagenkauf nur zu gerne ermöglichen – ohne wohl in jedem konkreten Fall den Verbraucher darauf hinzuweisen, dass er sich diese Verschuldung möglicherweise gar nicht leisten kann.

    Der Bildungsgrad in Deutschland ist so hoch wie nie zuvor ? Das mag sein, aber ermutigend ist das nicht, misst man diesen Grad an den Werten anderer Nationen. Gerade die exportorientierte und exportabhängige deutsche Wirtschaft kann es sich nicht leisten, gegenwärtige oder zukünftige Mitarbeiter zur Verfügung zu haben, deren Bildungsgrad mittelmäßig ist. Die Chancen und das Potential einer gut (aus-) gebildeten Bevölkerung sind noch nicht ansatzweise erkannt (abgesehen von wiedergekauten Lippenbekenntnissen der Bildungspolitiker), und so sind auf der Strasse und in den Hörsälen protestierende Schüler und Studenten wohl notwendig und zukunftswichtig.

    Ich wünsche allen Lesern ein entschleunigtes und entfrachtetes Weihnachtsfest, und uns allen einen Sinn sowohl für das große Ganze als auch für die Kleinigkeiten des Lebens.

    Herzlichst,

    Ihr John Michael Sucker

  6. FSBerlin

    Na ja.

    Es gab schon klarer strukturierte Artikel zum Jahresabschluss.

    Wenn Hannes Brachat immer so über Kontrolle und Rechenschaftspflichten und dergleichen sinniert, interessiert mich, ob sich irgendeiner seiner journalistischen Adlaten irgendwann einmal traut, die zweifelhafte textliche Qualität des Professors zu kritisieren. Ein guter Vorsatz für 2010 wär’s ja, sowas mal einzuführen.

    Und nochwas, Herr Professor: Geben Sie sich mal ‘nen Ruck. In der Linkspartei sind genauso viele SED-Rote wie verkappte Nazis in der CSU. Diffamierung bleibt Diffamierung, ganz gleich, in welche Richtung. Schönes Coca Cola-Fest…:-)

    F. Simon

  7. Dieter M. Hoelzel

    Verehrter Herr Seeger, Finanz- und Wirtschaftspolitiker verstehen nur ihre eigene
    Sprache und sind resistent gegen alles was nicht ihrem mäßigen Verstand “entspringt”.
    Wer zulässt was da im Finanzmarkt so alles geschehen ist und jetzt wieder geschieht,
    hinter denen kann man noch nicht einmal vermuten das sie sich in “Niederungen ” von
    Leasingrückläufer begeben. Im dicken Dienstwagen mit Fahrer denkt man eher daran
    mal mit Freunden zu telefonieren,als über diese wirklich unsägliche 1% nachzudenken.
    Diese Leute führen dann eher eine Diskussion darüber,dass die Arbeitslosigkeit um 1%
    geringer gestiegen ist als im Vorjahr.Aber auch das werden sie nicht begreifen worüber
    wir gerade reden. Und nun, wer nimmt denn nun dieses Thema auf ? Vielleicht der
    Rabatt-Spezi Dudenhöffer ? Herr Banach wird mir nachsehen, aber auch dieser Herr D.
    hat ein dickes Fell und merkt nicht wenn er gekratzt wird. Zufrieden Herr Banach ?
    Oder soll man sagen;der Herr zwischen Rinderwahnkonkurs und Schweinegrippenpleite
    läßt sich einfach nicht impfen. Der spielt jetzt bestimmt die beleidigte “Leberwurst”,
    hier liegt die Chance das er schweigt.

  8. Harald Paprocki

    Sehr geehrter Herr Brachat,

    so sehr ich für gewöhnlich den Pegasus in Ihnen schätze, so sehr haben Sie sich nach meinem Empfinden in Ihrer Jahresabschlussansprache vergaloppiert. Vorredner Sucker hat die Irrwege bereits fein aufgedröselt. Bitte finden Sie ganz schnell wieder zurück zur Basis, zu den Menschen, die mit Ihrer Arbeit und Ihrem Konsum nicht nur Ihren Elfenbeinturm bezahlen.

    Ganz herzlich,

    Harald Paprocki

  9. Hans von Ohain

    @ John Michael Sucker

    Zu einigen Punkten Ihres Beitrages melde ich Widerspruch an:

    1. Die Pauschalverurteilung von Banken halte ich für unangemessen. Noch leben wir in einer Marktwirtschaft, wo Nachfrage Angebot generiert, nicht umgedreht. Und solange es geldgierige und mit Unvernunft ausgestattete Nachfrager gibt, wird es auch alles versprechende Angebote geben.
    Ich möchte die Banken hier nicht reinwaschen, lag es doch in ihrer eigenen Macht, Angebote serös zu gestalten. Dennoch ist es der Markt, sprich wir alle, die Steine dieser Art ins Rollen bringen. Kein Kunde wurde schließlich gezwungen, gegen den gesunden Menschenverstand zu handeln.

    2. Warum sich Menschen, egal welcher Schicht oder Sportart sie zugehörig sind, das Leben nehmen, möchte ich hier nicht bewerten. Dass aber im Nachgang nur noch über ihre Motive spekuliert wird, dass daraus ganze Medienergüsse gemacht und Stadien gefüllt werden, halte ich unter den gegebenen Bedingungen für einen weiteren Ausweis der Verrottung unserer Gesellschaft.
    Denn wer redet eigentlich von den wirklichen Opfern, denen also, die diese Täter völlig eigennützig für ihre Tat missbraucht haben, die es sich nicht aussuchen konnten, mit dieser Tat in Verbindung gebracht zu werden: die Familien, die Zugführer, die Feuerwehrleute, Ärzte usw. Es sollte vielmehr über die Verantwortungslosigkeit der Täter gesprochen werden, statt sie im Nachhinein zu heroisieren.

    3. Dass Arbeitnehmer durch ihr Tun (oder Lassen) den Erfolg eines Unternehmens und damit auch das Vermögen des Unternehmers beeinflussen, steht außer Frage. Doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie hier ein Ungleichgewicht zulasten der Arbeitnehmer unterstellen. Dem möchte ich widersprechen. Denn jeder Arbeitnehmer erhält schließlich einen monetären Gegenwert für das was er tut. Dieser Gegenwert bemisst sich entgegen landläufiger Meinung aber nicht nach der Anzahl geleisteter Stunden oder erbrachter Leistungen, sondern ausschließlich danach, was die erbrachte Leistung dem Markt, sprich den Kunden, tatsächlich wert ist.
    Darüber hinaus gibt es zahlreiche, vom Gesetzgeber und der laufenden Rechtsprechung initiierte Schutzmechanismen, die gerade in unserem Land dafür sorgen, dass sich Unternehmer dreimal überlegen, ob sie einen Arbeitnehmer fest einstellen sollten oder nicht. Ich rede hier nicht dem Hire-and-Fire-Prinzip das Wort, aber auf diesem Gebiet steht die Kirche halt nicht mehr im Dorf.

    4. Dass Banken Verbraucher darauf hinweisen sollen, dass sie sich etwas gar nicht leisten können, offenbart ein eigenartiges Verständnis von Wirtschaft. Folgt man dieser Ihrer Logik, müssten Autohändler das Gleiche tun. Wo soll so ein Unsinn hinführen? Als Unternehmer bin ich angetreten, Gechäfte zu machen und Geld zu verdienen. Warum sollte ich mir da so etwas antun? Damit reden Sie doch nur all den (steuerstaatlich finanzierten) Verbraucherschützern das Wort, die aus purem Eigennutz den Verbraucher für dumm und unmündig erklären.
    Wenn ich mir das BGB ansehe, was ja bekanntlich die Grundlage unseres geschäftlichen Handelns mit Verbrauchern darstellt und in diesen Rechtsbereichen vor mehr als 100 Jahren entstanden ist, war früher wirklich vieles besser.
    Ich halte mich jedenfalls für mündig genug, selbst über mein Leben zu befinden. Und wenn ich ein Produkt bzw. eine Dientleistung nicht verstehen kann, wenn ich die aus einem Kauf resultierenden Risiken nicht einschätzen kann, dann verzichte ich eben auf diese Sache. Und wer nun meint, er könne das nicht, sollte sich halt einen gerichtlichen Vormund bestellen lassen.

  10. gerald sommer

    Wo Herr Hölzel recht hat, da hat er recht! Bravo zu seinem Mut Wahrheiten auszusprechen, sonst
    machen die Politleute was sie wollen. Ausserdem reicht schon der Prof. D, mit seinen Quatsch.

  11. Heinrich Palitsch

    Hallo Herr Brachat,

    mein Wort zum Jahreswechsel vor Jahren: Der Mensch denkt und Gott lenkt! Hat sich jetzt wieder bewiesen. Die “Fachleute”, die jetzt wieder von 1,8 oder 2,1 % Wachstum reden, konnten ein Minus von 5% im letzten Jahr nicht voraussehen!

    In alter Freundschaft und ein gesegnetes Jahr!

    PS Waren das noch Zeiten, als wir uns kennenlernten?

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