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Kommentare () Kommentare (0) 14.11.2008

4. AUTOHAUS-Schadenforum

Elmar Fuchs beklagt "Verlust der Regulierungsmoral"

4. AUTOHAUS-Schadenforum
Elmar Fuchs beklagt "Verlust der Regulierungsmoral"
Präsentierte sich den Besuchern des 4. AUTOHAUS-Schadenforums gewohnt pointiert: Elmar Fuchs.
© Foto: Christine Olma

Korrekte Schadenabwicklung und -regulierung statt Ertrags- und Kostenoptimierung als primäre Leitbilder forderte RA Elmar Fuchs. Nach seinen Ausführungen in Potsdam müsse Leistung wieder in den Vordergrund gerückt werden.

Moral in der Unfallschadenabwicklung – diesem Thema hatte sich RA Elmar Fuchs auf dem 4. AUTOHAUS-Schadenforum in Potsdam verschrieben. Fuchs referierte als Vorsitzender des Vorstandes der Accidens AG, in Personalunion ist er auch Geschäftsführer u.a. des Sachverständigenverbandes BSVK. "Die Diskussionen in der Branche werden oftmals unehrlich geführt", begann Fuchs seinen Vortrag. "Wir sprechen allzu oft über den Geschädigten und meinen eigentlich ganz etwas anderes. Jeder, der Win-Win sagt, meint Win", geißelte er weiter. "Grenzen werden überschritten" Alle Beteiligten der Unfallschadenabwicklung wie Rechtsanwälte, Betriebe, Versicherungen, Sachverständige, Autovermieter oder Abschleppunternehmen möchten nach seinen Worten am Unfallgeschäft verdienen. Die Frage, die sich ihm dabei stelle, sei: "Wie weit darf ich gehen, um meine Interessen zu vertreten?" In den letzten Jahren ist nach Meinung von Fuchs das Ertragsdenken zu weit in den Vordergrund gerückt worden. "Im Rahmen einer ordnungsgemäßen Regulierung darf Ermessen ausgeübt werden, aber Ermessensgrenzen dürfen nicht hemmungslos überschritten werden", so Elmar Fuchs vor den gut 260 Teilnehmern des Forums. "Regulierungsmoral heißt, bemüht zu sein, einen Interessenausgleich zu schaffen, ohne dabei Grenzen zu verletzen", definierte er. Konkrete Beispiele seines Vortrages belegen demnach eher den Eindruck, "dass wir uns von einer korrekten Schadenabwicklung weit entfernt haben". Die "moralische Frage" in Form von sechs Thesen richtete Fuchs dabei an alle Beteiligten der Schadenregulierung. 1. These: "Ertrags- und Prozessoptimierung sind aktuelle Leitbilder. Die Moral muss sich aus meiner Sicht hier permanent unterordnen." Dazu zitierte Fuchs einige Schriftstücke aus der Regulierungspraxis – beispielsweise aus den Arbeitsanweisungen eines großen Versicherers an die Sachverständigen. Demnach sind einige Kosten, wie die für Richtwinkelsätze oder für Entsorgung, bei der Reparaturkalkulation nicht zu berücksichtigen. Gleichfalls seien diese aber bei Grenzfällen zum Totalschadenbereich zu kalkulieren. "Hier streichen und dort tot rechnen" "Bei der Reparatur streichen, was geht und bei möglichem Totalschaden tot rechnen", nannte dies Fuchs und erklärte weiter: "Was mich empört, ist nicht, dass die Versicherung Kosten minimieren will. Aber das geschieht wissentlich einer anderen Rechtsprechung." Der Sachverständige sei somit gezwungen, "verschobene" Gutachten zu erstellen. "Das geltende Recht gilt für uns alle, ob es einem gefällt oder nicht" bekräftigte Fuchs. Auch "Mietpreis-Orientierungshilfen" von Unternehmen für Geschädigte, die praxisfremde 28 Euro für einen Kleinwagen oder 90 Euro pro Tag für einen Luxus-Sportwagen ausweisen und gleichfalls eine höhere Nutzungsausfallentschädigung versprechen, vermitteln laut Fuchs den Eindruck, "den Geschädigten vom Mietwagen abbringen zu wollen." Der Kosten- und Wettbewerbsdruck in der Versicherungswirtschaft erschwere die korrekte Unfallschadenabwicklung weiter (These 2). These 3: "Krisen in Automobilhandel und -handwerk beschleunigen den Verlust der Regulierungsmoral." Das Problem erfahre dadurch weitere Verstärkung, was Fuchs wie folgt begründet sah: "Manche Betriebe klammern sich an den letzten Strohhalm, um weiter existieren zu können und nehmen Aufträge zu ungünstigsten Konditionen an. Andere Unternehmen nutzen diese Situation hemmungslos aus." Unter dem Strich tadelte Fuchs auf breiter Front. Sicher war er sich auch darin, dass dieses Streben nach kurzfristigem Geschäftserfolg "langfristige Nachteile" erzeugen werde. Dies hätten einige Player bereits erkannt. Beispielsweise habe die Allianz im Mietwagenbereich von sich aus erklärt, dass man den Partnern die Möglichkeit geben müsse, kostendeckend zu arbeiten. Rückkehr zur "korrekten Schadenabwicklung" Seine vierte These: "Die Fokussierung nur auf die Prämienhöhe wird auf Dauer ins Abseits führen." Viel zu oft werde die Devise "Geiz ist geil" angewendet. Um dauerhaften Erfolg zu haben, müsse man sich aber über Leistung definieren. Die Schwierigkeit sei letztlich – gerade im Versicherungsbereich –, die Leistung dem Kunden klar zu machen. These 5: "Schadenregulierung ohne Moral führt langfristig zu einem Imageverlust und letztlich zu Verlusten von Marktanteilen", führte Fuchs ins Feld. Bei diesem Thema nahm er die elektronischen Prüfberichte in sein Visier. "2,5 Millionen Schäden werden heute elektronisch geprüft. Wenn man sich diese Berichte genau anschaut, geht es dabei um Kürzung der SVS, Streichung der Verbringungskosten, Wertminderung und Richtwinkelkosten." Dies sei keine Korrektur eines "falschen" Gutachtens, sondern ein "elektronisches Streichkonzert gegen korrekte Schadenabwicklung", so Fuchs. Aber es sei eine Dienstleistung, die der Markt wolle. Letztlich werde aber nicht der Preis entscheiden, sondern 100 Prozent Leistung (These 6). Der kurzfristige Ertrag solle nicht mehr "isoliert betrachtet" werden und der Inhalt der Produkte müsse sich über Leistung definieren. Dies gelte für alle Marktbeteiligten. Preise und Erträge dürften nicht länger im primären Fokus stehen. "Wir müssen uns alle gemeinsam mehr Gedanken machen, wie definieren wir eine korrekte Schadenabwicklung", so Fuchs abschließend. Weitere Inhalte zum Vortrag von Elmar Fuchs – unter anderem zur neuen Accidens AG – können Sie in unserer nächsten Ausgabe von AUTOHAUS SchadenBusiness, die am 15. Dezember 2008 erscheint, nachlesen. (am)

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