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Kommentare () Kommentare (0) 29.09.2016

5. CarCamp

Am digitalen Puls der Autobranche

5. CarCamp
Am digitalen Puls der Autobranche
Unter den rund 80 Teilnehmern wurde eine Fahrt mit dem Black Falcon Porsche über die Nordschleife des Nürburgrings verlost.
© Foto: ZDK

Wie erreichen Kfz-Händler ihre Kunden im digitalen Zeitalter? Welche Anforderungen kommen auf die Mitarbeiter zu? Wie wirkt sich der Fortschritt auf die Gesundheit aus? Das 5. CarCamp gab darauf spannende und unbequeme Antworten.

Von Prof. Anita Friedel-Beitz

Wie dynamisch sich die digitale Welt für das Kfz-Gewerbe entwickelt, hat einmal mehr das CarCamp in Mannheim demonstriert. Bei der fünften Auflage der Branchenveranstaltung wurden den Teilnehmern von Teilnehmern 16 Sessions geboten. Das ist das Prinzip des sogenannten Bar-Camp-Formats, das kein festes Programm kennt. Keines der Themen wiederholte sich aus den Vorjahren.

Suchmaschinenoptimierung in 45 Minuten – das schaffte Thorsten Bastian von Basta!Media mit zehn Tipps, die sich ausschließlich mit der Arbeit der Google-Suchmaschine beschäftigten. Der IT-Riese hat in Deutschland einen Marktanteil von 94 Prozent. Autohäuser und Kfz-Betriebe müssen dafür Sorge tragen, dass ihre Kunden sie dort finden. So plane Google in spätestens zwei Jahren, Webseiten, die nicht responsiv gehalten, also auf dem Smartphones lesbar sind, aus dem Suchindex zu nehmen. Weitere Empfehlung von Bastian: Bilder für das Internet sollen konkret benannt werden, z.B. Schwarzer Ford Mustang vor Kölner Dom.

Unter der Leitung von Jochen Backhaus, Vorstand der Händlerkooperation ANAG Nord, wurde die Werkstatt 2025 beleuchtet. Die Teilnehmer waren sich einig darüber, dass die Berufsbilder des Kfz-Gewerbes wie etwa der Kfz-Mechatroniker der zunehmenden Digitalisierung inhaltlich angepasst werden müssten. Insgesamt würden die Anforderungen an die Mitarbeiter steigen, weshalb dringend neue Qualifizierungs- und Bindungsprogramme entwickelt werden müssten. Andernfalls werde der Faktor "Mitarbeiter" der Engpass der nächsten Jahre in den Unternehmen.

Die Digitalisierung des Autos mit den Fahrassistenz-Systemen hat schon heute zu einem großen Aufwand an Fehlersuchen in den Werkstätten geführt. Dieser Aufwand werde weiter wachsen, der IT-Mechatroniker werde gebraucht, so der Tenor. Es sei auch mit dem weiter wachsenden Wunsch des Kunden zu rechnen, mit seinem betreuenden Gesellen direkt zu reden. Somit erweitert sich sowohl bei den Mechatronikern und den Azubis das Anforderungsprofil um die Fähigkeit, mit dem Kunden ein Beratungsgespräch zu führen. Der Zeitaufwand für die Fehlersuche sei vom Kunden zu tragen. Die Werkstattpreise dürften nicht länger fehlende Erträge aus dem Fahrzeugverkauf kompensieren. Die Privatkundschaft werde immer preissensibler. Wie im Krankenhaus werde es immer mehr Fachabteilungen geben. Es stelle sich die Frage, ob die Betriebe in der Handwerkskammer noch richtig aufgehoben seien.

Persönliches Marketing wirkt

Warum persönliches Marketing wichtiger als Autohaus-Marketing ist, machte eine Session unter Leitung von Alfred Jungmann, Geschäftsführer Die Vision, deutlich. Hier beeindruckte ein Skoda-Verkäufer mit seinem persönlichen Blog, der ihn in Summe mehr Neuwagen verkaufen lässt als die beiden anderen Verkäufer des Unternehmens.

In der Session "Digitalisierung" wurde unter Leitung von Branchenexperte Derek Finke ein Szenario für autonomes Fahren und die sich daraus ergebenden Veränderungen für das Geschäftsmodell Autohaus entwickelt. Das Ergebnis: Im Autohaus der Zukunft muss es einen Digital-Manager geben. Einige Betriebe hätten bereits sogenannte Business Development Center (BDC) eingerichtet, die die Leads qualifizieren. Da viele Verkäufer trotz vorbereiteter Kontaktdaten diese nicht bearbeiten, würden die BDC selbst beginnen, Fahrzeuge zu verkaufen. Es könne auch nicht sein, dass ein Kunde, dessen Fahrzeug wegen Fehlersuche schon drei Tage stehe, nicht über den Stand der Reparatur informiert sei. Hier könnten Tracking-Systeme Abhilfe schaffen.

CarConsult nutzte das CarCamp zur Marktforschung mit der Frage, ob ein Autohaus seine eigene App braucht. Die Teilnehmer waren sich einig, dass ein solches Tool nur interessant ist, wenn der User, also der Kunde, davon einen Nutzen erhält.

Auf die Kehrseite der digitalen Medaille machte Prof. Anita Friedel-Beitz aufmerksam. Studien zeigen, dass 85 Prozent der südkoreanischen Jugendlichen heute Augenschäden (u.a. Kurzsichtigkeit) durch extremen Einsatz von Smartphones und Tablets haben. "Die neuen Volkskrankheiten in Deutschland sind im Kommen – mit Arthrose in den Fingern, Haltungsschäden von Kopf und Wirbelsäule oder digitaler Demenz." Grundlage für die digitale Demenz würden heute bereits bei Babys gelegt, die im Kinderwagen mit dem Smartphone ruhig gestellt würden. Der Hippocampus im Hirn des Säuglings bzw. Kleinkindes könne sich nicht richtig ausbilden. Die Folgen: kein Gefühl für Raum und Zeit und zu wenig Empathie.

Problematische E-Learnings

Ein weiteres Thema des 5. CarCamps waren E-Learnings. Die Weiterbildung im Kfz-Gewerbe setzt verstärkt auf diese Formate, obwohl sie nur bedingt empfehlenswert sind: zu wenig Lernmotivation durch fehlenden Austausch und niedrigere Behaltenswerte gegenüber klassischem Präsenztraining. Wie lassen sich Präsentationen, Emails oder Facebook-Seiten attraktiver gestalten? Hier plauderte Matthias Mies, Pressesprecher der Bank Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (BDK), aus dem Nähkästchen.

Virtuelle Realität (VR) im Autohaus veranschaulichte das Kölner Start-up World of VR. Eine VR-Brille ermöglicht dem Autointeressenten die Probefahrt virtuell und interaktiv. Es lassen sich damit nicht nur Türen, Motor- und Kofferraum öffnen, sondern auch die Farben innen wie außen wechseln. Und die Cardboard-VR-Brille, die aus einem Smartphone eine vollwertige Brille macht, ließ jeden Teilnehmer in eine völlig neue Erlebniswelt eintauchen, gezeigt an einem Präsentationsvideo eines Werkstattausrüsters bzw. dem Jahresbericht der Telekom.

Bei den knapp 80 Teilnehmern kamen besonders die intensiven Gespräche in den kleinen Arbeitsgruppen gut an. Es habe eine Vielzahl spannender Themen gegeben, und man könne viel für den täglichen Einsatz mitnehmen, hieß es in der Feedbackrunde am Ende der Veranstaltung. In Autohäusern und Werkstätten, so das Fazit der Teilnehmer, bleibe mit Blick auf die fortschreitende Digitalisierung noch viel zu tun. Viele bedauerten, dass sie nur jeweils vier von 16 Sessions besuchen konnten.

Der Austausch endet nicht mit der Veranstaltung, sondern geht in der CarCamp-Community unter www.carcamp.de weiter. Organisatoren der Veranstaltung waren der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) und der deutsche Schmierstoffhersteller Fuchs. Dass die Teilnahme wieder kostenfrei möglich war, ist den Partnern Bosch, BDK, Basta!Media und World of VR zu verdanken. Das 6. CarCamp wird voraussichtlich im September 2017 stattfinden.

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