7-Tage-Rückblick
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Über die Zukunft der Sachverständigen diskutierten (v.l.) der Chefredakteur der AUTOHAUS-Schadenmedien Walter K. Pfauntsch, Sprecher der Geschäftsführung der GKK Gutachtenzentrale Michael Vollrodt, ZAK-Präsident Ralf Graf und der Geschäftsführer der FSP, Hans Peter Brumm.
7. AUTOHAUS-Schadenforum
Podiumsdiskussion der Sachverständigen
Der Himmel über der Sachverständigenbranche ist heiter bis wolkig, allerdings mit einer Tendenz zu deutlich dunkleren Gebilden. Die Wahrscheinlichkeit auf ordentlich Niederschlag, Blitz und Donner ist hoch. Konkret: Die Umbrüche, die Sachverständigen (SV) bevorstehen, sind bereits am Horizont erkennkar. Kann sich ein SV bei solchen Dumpingpreisen, wie sie im Markt angeboten werden, behaupten? In der ersten Ausgabe von AUTOHAUS-SchadenBusiness 2011 wurde bereits das fragwürdige Gebaren von so manchen Unternehmen aufgedeckt, die ihrerseits Billigangebote dem Markt offerierten. 13 Euro für ein Leasing-Rücknahmegutachten oder 79 Euro für ein Vollgutachten inklusive sämtlicher Fahrt- und Nebenkosten sowie der Mehrwertsteuer waren die eindrucksvollsten Beispiele. Verträgt die Branche in Zukunft diesen harten Preiskampf? Was sind die Perspektiven für die SV?
Dazu diskutierten auf dem 7. AUTOHAUS-Schadenforum Hans Peter Brumm, Geschäftsführer der FSP-Gruppe, ZAK-Präsident Ralf Graf und Michael Vollrodt, Sprecher der Geschäftsführung der Gutachtenzentrale GKK mit Moderator Walter K. Pfauntsch, Chefredakteur der AUTOHAUS-Medienfamilie SchadenBusiness.
Solides Wirtschaften versus Dumpingpreise
Einig waren sich alle Diskutanten, dass die oben beschriebenen Angebote unseriös seien. Schließlich könne ein Unternehmen mit solchen Zahlen auf Dauer nicht wirtschaften, ohne in die Bredouille zu kommen. Eine Kostendeckung sei damit nicht möglich. Ralf Graf sagte: "13 Euro dürften reichen, eine Rechnung auszudrucken und zu verschicken, aber nicht für ein Gutachten eines Fahrzeugs – nicht mal für eine In-Augenscheinnahme." Ebenso sei ein Vollgutachten für 79 Euro inklusive aller Nebenkosten nicht tragbar. Damit könne man keinen SV für eine Stunde bezahlen. "Die tatsächlichen Kosten liegen deutlich jenseits der 80 Euro", so der ZAK-Präsident und Geschäftsführer der Sachverständigen- und Ingenieurbüros Liermann mit Stammsitz in Bochum.
FSP-Chef Hans-Peter Brumm war der Ansicht, dass ein klassischer Einzelkämpfer in der Sachverständigenbranche mindestens 10.000 Euro Umsatz im Monat erwirtschaften muss, um auf einen Stundenverrechnungssatz (SVS) zwischen 80 und 100 Euro zu kommen.
Vom Grundsatz her braucht der SV mindestens 85 Euro in der Stunde
Auch Michael Vollrodt setzte eine ähnliche Messlatte. Je nach Auftrag müsse man für einen SVS zwischen 85 und 90 Euro kalkulieren. Der Druck auf den SVS sei sehr groß, was im Geschäft spürbar sei. Doch zum Glück regnete es dieses Jahr viel "weißes Gold" – er spielte damit auf die überaus gut verlaufene Hagelsaison an –, so dass die Auftragsbücher momentan gut gefüllt sind. Der Sprecher der GKK-Geschäftsführung machte damit gleichzeitig aber auf ein anderes Problem aufmerksam: Die hohe Hagelquote setze zahlreiche "Gesetzmäßigkeiten" außer Kraft. Viele Mitarbeiter müssten Überstunden schieben, denn die Versicherungsnehmer seien nicht gewillt, lange auf ein entsprechendes Gutachten für ihr hagelbeschädigtes Auto zu warten. Solche Anforderungen, wie sie in Bezug auf vorhandene Kapazitäten gewünscht werden, zu erfüllen, sei aus betriebswirtschaftlicher Sicht dagegen für das eigene Unternehmen dagegen schwierig darstellbar.
Nur wer den Schaden kennt
Auf die Frage von Chefredakteur Walter K. Pfauntsch, wo die Sachverständigenwelt ansetzen müsste, um ihr Auskommen zu erhalten, sagte Brumm: "Das Problem ist, dass der Sachverständige oftmals zu spät in der Schadenabwicklung eingeschaltet wird. Dann sind viele Weichen eines Falles durch die Versicherungen bereits gestellt. Die Einflussmöglichkeiten des Gutachters sind dann natürlich begrenzt." Denn 90 Prozent der Schäden am Fahrzeug würden heutzutage gesteuert. Zudem melden sich die Autofahrer als erstes bei der Versicherung. Folgende Konsequenz müsse daraus gezogen werden: "Der SV sollte sich schneller in die Prozesse einbringen. Nur wer den Schaden kennt, kann daran partizipieren."
Alternative Autohaus und GW-Bewertung
Das Schadengutachten dient vielen SV als einzige Einnahmequelle. Wie alle Diskutanten bekundeten, wird dies in Zukunft wahrscheinlich nicht reichen. Neue Möglichkeiten sah der FSP-Geschäftsführer in der intensiven Zusammenarbeit mit einem Autohaus. Dort könnten noch Potenziale für den SV gehoben werden, indem er sich dem Autohaus als Volldienstleister anbietet. Abgesehen von den Schäden, wäre der SV auch "eine Bereicherung zur Optimierung von Prozessabläufen, bei der Leasingrücknahme sowie beim Gebrauchtwagengeschäft".
Zwar bieten diese Tätigkeiten allein kein auskömmliches Einkommen, doch sollten einem SV für die erbrachten Dienstleistungen im Gegenzug die lukrativen Haftpflichtgutachten vermittelt werden. Der ZAK-Präsident sah in der Zusammenarbeit mit einem Autohaus ein weiteres wichtiges Standbein, jedoch betonte er, dass ein SV von diesen Zusatzdienstleistungen allein nicht leben könnte.
Die meisten Optionen neben einem Schadengutachten "werden nicht gelebt"
Einmal mehr hob Graf die wichtige Kompetenzen des Gutachters bei der Kalkulation eines Fahrzeugs hervor. Zwar können Werkstätten mittlerweile bei einem beschädigten Fahrzeug die Kosten der Instandsetzung veranschlagen, doch der SV wisse am besten, welche Arbeiten für die Reparatur eines Autos wirklich notwendig sind. Hierbei sei die Unabhängigkeit eines SV ein unbestrittener Vorteil gegenüber allen interessierten Parteien bei einem Schadensfall: Sei es die Werkstatt, die die Rechnung möglichst nach oben treiben oder die Versicherung, die ihre Kosten möglichst niedrig halten will. Alternativen zu den Schadengutachten gebe es zwar einige, aber sie würden nicht "gelebt".
Gespräche zwischen SV und dem Versicherer können fruchtbar sein
Brumm hatte bereits im Frühjahr die These aufgestellt, dass in den kommenden Jahren rund ein Drittel der SV vom Markt verschwinden werden, was eine Zahl von ungefähr 2.500 ergebe. Er machte dies an der stark gewachsenen Schadensteuerung und dem mangelhaften Preisniveau für die erbrachte Arbeit der Gutachter fest. Die Versicherungsaufträge würden zudem weniger werden. Doch gibt es auch Hoffnung am Horizont. So erzählte Brumm, dass die Kürzungen der HUK-Coburg vor einigen Jahren bei FSP-SV revidiert werden konnten. Nach klärenden Gesprächen befänden sich nun das Verhältnis zu dem Versicherer aus Franken als auch die Stundenverrechnungssätze in "gemäßigtem Fahrwasser", sodass die Partner der Überwachungsorganisation solche Aufträge annehmen könnten.
Investment in Mitarbeiter und neue Technologien unabdingbar
Nicht nur die Vergangenheit und Gegenwart beschäftigte die Diskussionrunde, sondern auch die Zukunft des SV. So setzte Vollrodt klare Akzente: Seiner Meinung nach sei es beispielsweise "unabdingbar, sich in neue Technologien einzuarbeiten", damit ein qualifiziertes Gutachten herauskomme. Bei der GKK habe man vor allem in Prozesse und IT investiert, mit dem Ergebnis: "Das Unternehmen kommt ohne eine Seite Papier aus".
Die Vorteile liegen für den GKK-Chef dabei klar auf der Hand. "Die Fehlerquote in den Prozessen konnte gesenkt und gleichzeitig die Geschwindigkeit in den Abläufen erhöht werden." Ob dieses Vorgehen für jedes kleine SV-Büro sinnvoll sei, wollte er nicht unterschreiben. Aber auch diese kleinen Unternehmen würden es nicht vermeiden können, in ihre Mitarbeiter zu investieren, um den steigenden Anforderungen bei den Fahrzeugen gerecht zu werden. Trotz all der Entwicklungen sehe er das Schadengutachten auch weiterhin als einen Eckpfeiler des Geschäfts für den SV an.
"Der zertifizierte SV sollte zum Standard werden!"
Ralf Graf unterstrich die Bedeutung der Zertifizierung für künftige Entwicklung des SV. Schließlich können sich öffentlich bestellte oder zertifizierte SV von den übrigen Gutachtern mit diesem Qualitätssiegel abheben und damit gleichzeitig das hohe Niveau der erbrachten Leistung sichern. "Die Zertifizierung eines Sachverständigen sollte Standard werden."
Mit der "Tele-Kalkulation" Reisekosten sparen
Einen anderen Blick auf die Abläufe bzw. Tätigkeiten eines SV vermittelte Brumm. So sollen künftig Kfz-Meister das Fotografieren des zu reparierenden Wagens übernehmen und die Fotos via Internet dem SV-Büro schicken, der von dort aus eine Kalkulation erstellt. Damit das funktionieren kann, müssten die Kfz-Meister vor Ort in diese Kommunikation besser in den Prozess eingebunden werden. Der Grund für dieses Vorgehen erscheint logisch: "Reisekosten beziehungsweise Reisezeit will heute keiner mehr bezahlen." So könne dem SV mit einfachen Mitteln geholfen werden, diese Klippe zu umschiffen.
Doch werde damit das Produkt "kein Gutachten im herkömmlichen Sinn" sein, sondern firmiere unter dem Begriff "Tele-Kalkulation" und sei als Einstieg in die Schadensabwicklung gedacht.
Flotten, Fuhrparks und Autohäuser werden für den SV wichtiger
Weiterhin stellte der FSP-Geschäftsführer fest, dass Einzelkämpfer künftig nicht überleben werden, so dass der Eintritt in eine der Freiberufler-Organisationen angeraten sei. Zudem würde sich die Gewichtung der Auftraggeber ändern. Neben der Hauptuntersuchung bzw. dem Haftpflichtgutachten werden vor allem Flotten, Fuhrparks und Autohäuser an Bedeutung gewinnen. Gerade dort wolle die FSP ihr Engagement sukzessive ausbauen.
Fehleinschätzung bei elektronischen Bauteilen kann teuer kommen
Aber auch bei den Tätigkeiten an sich würden neue Herausforderungen auf die SV warten. Brumm nannte den Umgang mit Elektronik und Elektrik als Themen der Zukunft. Prüfingenieure müssen in den kommenden Jahren in der Lage sein, die Vorgaben in diesen Bereichen kontrollieren zu können.
Deswegen sei es notwendig, mehr und spezielle Herstellerdaten über die Fahrzeugsystemdaten GmbH zu erhalten. Als Beispiel für die Relevanz dieser Informationen führte Brumm Elektrofahrzeuge an. Sollte bei einem Stromer die Batterie beschädigt sein, die wohl auch künftig das teuerste Teil des Fahrzeug ausmachen dürfte, mache es einen gewaltigen finanziellen Unterschied, ob ein SV mit seiner Einschätzung richtig liege, dass der Akku ausgetauscht werden muss oder nicht. (ses)
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(Foto: Presse + PR Pfauntsch)
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