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Autohandel in der Corona-Krise: Rufe nach Staatshilfe werden lauter

Autohandel in der Corona-Krise
Rufe nach Staatshilfe werden lauter
Entscheidend für das Überleben der Autohäuser wird sein, wie schnell der Staat die versprochenen Überbrückungshilfen zur Verfügung stellt.
© Foto: littlewolf1989/stock.adobe.com
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Alle Autohäuser sind sich der Verantwortung gegenüber ihren Kunden und Mitarbeitern in der Corona-Krise bewusst und haben entsprechende Maßnahmen ergriffen, um sie zu schützen. Bei den finanziellen Folgen muss jetzt die Regierung schnell handeln.

Von Doris Plate, Armin Wutzer und Juliane Schleicher

Kurzarbeit heißt die Lösung für alle Autohäuser in diesen Tagen. Weil die Gesundheit der Menschen an vorderster Stelle steht, haben sich alle Betriebe der Branche dazu entschlossen, ihre Verkaufsräume zu schließen und den Service auf das Notwendigste einzuschränken. Zugegeben: Einige taten das nur gezwungenermaßen, weil es behördliche Anordnungen gab. Viele Kfz-Unternehmer sind sich aber der Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern und Kunden bewusst und haben auch von sich aus bereits Maßnahmen ergriffen. Entscheidend für das Überleben der Betriebe wird jetzt sein, wie schnell der Staat die versprochenen Überbrückungshilfen zur Verfügung stellt. Die normalen Antragslaufzeiten sind nicht tragbar. Es geht jetzt um nachhaltige Unternehmenssicherung.

Autohandel in großer Gefahr

Peter Gerards, geschäftsführender Gesellschafter der Ruhrdeich-Gruppe mit Hauptsitz in Duisburg, hat zum Beispiel seinen Mitarbeitern für März 100 Prozent Netto-Gehalt zugesagt – im Vertrauen auf den Staat. "Ich habe die klare Erwartung an den Staat, dass jetzt schnell und unbürokratisch geholfen wird. Wenn das nicht passiert, wird es in spätestens acht Wochen keinen flächendeckenden Autohandel mehr geben", so Gerards wörtlich.

In seinen Filialen arbeitet pro Marke nur der Verkaufsleiter als Ansprechpartner online und von zu Hause aus, um Anfragen zu beantworten. Auch das Call-Center ist im Remote-Einsatz. Die Disposition arbeitet noch ausstehende Vorgänge ab. In der IT ist noch ein Mitarbeiter in Bereitschaft. Ansonsten hat Gerards alle Maßnahmen getroffen, um die Liquidität zu sichern. Es werden keine Briefe mehr angefordert, da wegen geschlossener Zulassungsstellen ohnehin kein Auto mehr auf die Straße gebracht werden kann. Im Service fährt er das gleiche Schema wie viele Kollegen: Es arbeitet immer nur die Hälfte der Mitarbeiter gleichzeitig, nach einer Woche wird abgewechselt. Da mittlerweile auch immer weniger Kunden ihre Servicetermine wahrnehmen, plant Gerards auch einzelne Standorte ganz zu schließen: "Die Kunden müssten dann eben in den nächsten offenen Betrieb fahren."

Online-Vertrieb: Hoffnungen nicht erfüllt

Auch bei der Schneider Gruppe mit 14 Standorten in Sachsen und Bayern macht sich die Corona-Krise mehr als deutlich bemerkbar. Bereits seit Dienstag sind dort sämtliche Showrooms geschlossen. Die Gruppe hat daher für den Vertrieb 50 Prozent Kurzarbeit beantragt und sämtliche Verkäufer ins Homeoffice geschickt. Lediglich die Fahrzeugauslieferung findet noch wie bisher vor Ort statt.

Damit die Verkäufe, die noch bis vergangene Woche gut liefen, nicht komplett einbrechen, versuchen die Verkaufsmitarbeiter mit klassischer Telefonakquise ein wenig gegenzusteuern. Die Hoffnungen, die angesichts der Krise viele in den Online-Vertrieb gesetzt haben, bewahrheiten sich indes nicht: "Im Netz läuft es deutlich ruhiger als wir erwartet hatten", berichtet Michael Tropschug, Mitglied der Geschäftsleitung und zugleich selbstständiger Unternehmensberater. Die meisten Menschen hätten derzeit einfach zu viele andere Sorgen und würden den Autokauf deshalb hintanstellen.

Die wirtschaftliche Lage sei daher wie bei allen Autohäusern angespannt, so Tropschug weiter. Vor allem da die Gruppe sehr verkaufsstark ist, gehe nun viel Umsatz verloren. Gleichzeitig sorgen die hohen Lagerbestände und die 430 Mitarbeiter für enorme Kosten. "Wir müssen alle bald an unsere Rücklagen", sagt Tropschug nicht nur mit Blick auf die Schneider Gruppe, sondern auch auf die Branche insgesamt. Angesichts der Ertragslage im Autohandel generell und der hohen Fixkosten seien diese vermutlich in vielen Fällen aber rasch aufgebraucht. Schnelle und vor allem unbürokratische Staatshilfen sind aus seiner Sicht daher unerlässlich. Sonst seien nicht nur im Handel, sondern im gesamten Mittelstand sowie in kleinen und kleinsten Betrieben hunderttausende Arbeitsplätze in Gefahr.

Corona-Hotspot in Fulda

Der Landkreis Fulda hat die höchste Infektionsrate in ganz Hessen. Deshalb sieht Benjamin Jakob, Geschäftsführer des dortigen Autohauses Jakob, eine hohe soziale Verantwortung seinen Mitarbeitern und deren Familien gegenüber. Sein Betrieb hat daher die Hygienemaßnahmen intern erhöht, den Verkaufsraum gesperrt und die öffentliche Zugänglichkeit zur Werkstatt stark eingeschränkt. "Unsere Kunden haben wir darauf aufmerksam gemacht, dass die Terminvereinbarung telefonisch erfolgen muss und wir einen Hol- und Bring Dienst anbieten. Für diesen wurden den Mitarbeitern zusätzliche Schutzhandschuhe und Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt", erzählt Jakob. Auch er beschäftige sich mit Kurzarbeit, "weil am Mittwoch der Showroom geschlossen werden musste".

Da Auto Jakob sehr viele Sonderfahrzeuggeschäfte macht und die Marke Jeep immer einen sehr langen Vorlauf braucht, bestellt das Unternehmen immer das ganze Jahresvolumen an Sonderfahrzeugen am Anfang des Jahres. Hier besteht aus Sicht des Geschäftsführers aktuell keine Notwendigkeit, Kredite in Anspruch zu nehmen. Trotzdem habe er vorsorglich bei der KfW einen Kredit beantragt, da er lieber Zinskosten tragen würde und dafür im Ernstfall abgesichert wäre. Dazu rät Jakob auch anderen Betrieben: "Wir wissen alle nicht, wie lange und gut die Autobanken Ihre Arbeit noch ausführen können." Es müsse mit Zahlungsverzögerungen gerechnet werden.

Mutmacher aus Geislingen

Auch beim Geislinger Kfz-Betrieb Stierle (Renault, Dacia) steht die Gesundheit der Kunden und Mitarbeiter an vorderster Stelle. "Als familiengeführtes Autohaus mit nur 13 Mitarbeitern haben wir hoffentlich genug Flexibilität, um sowohl dem gesundheitlichen Aspekt, aber auch dem wirtschaftlichen Aspekt gerecht zu werden", sagt Geschäftsführer Thomas Stierle. Der Verkauf werde stark zurückgefahren und nur der Auftragsbestand bearbeitet und bedient. Im Service gebe es einen kostenlosen Hol- und Bring Service. Die Öffnungszeiten würden aufrechterhalten – natürlich immer unter verschärften Hygienevorgaben. Mut macht Stierle die tolle Einstellung seiner Mitarbeiter: "Wir können dem Kunden beweisen, wie toll der stationäre Handel persönlich und menschlich für die Leute vor Ort da sein kann und sich einsetzt."

"Es kommt fast keiner"

Eigentlich hat das Autohaus SMW-Autovertrieb in Greifswald einen großen Vorteil: Sowohl Service als auch Verkauf sind in Mecklenburg-Vorpommern – anders als in vielen anderen Bundesländern – noch erlaubt. Geschäftsführer Benno Schulz hat davon in der Praxis allerdings so gut wie keinen Nutzen: "Es kommt fast keiner", berichtet er. Minus 85 Prozent im Service und fast minus 100 Prozent im Vertrieb verzeichnet er derzeit. Deshalb gibt es ab sofort bis Ende Mai 50 Prozent Kurzarbeit für sämtliche Mitarbeiter. Am Donnerstag wurde die Belegschaft darüber in einer gemeinsamen Krisensitzung informiert. Schulz: "Die Mitarbeiter nehmen die Sache gefasst auf und haben Verständnis für die Lage."

Neben der Kurzarbeit hat das Autohaus auch alle weiteren Kosten radikal beschnitten und sämtliche Investitionen auf Eis gelegt. Bis Ende Mai kann das Unternehmen nach derzeitigem Stand noch ohne Kapitalspritzen durchhalten. Da die Krise aber auch noch länger dauern könnte, fordert Schulz ebenfalls rasche Hilfsmaßnahmen der Regierung.

Um die Mitarbeiter während der Arbeitszeiten zu schützen, hat sich das Autohaus mit Desinfektionsmittel und Schutzausrüstung eingedeckt. Ein Mitarbeiter, der zur Risikogruppe zählt, wurde außerdem auf beiderseitigen Wunsch zum Schutz auf 100 Prozent Kurzarbeit gesetzt. Zusätzlich gibt es im gesamten Betrieb nun Abstandsmarkierungen, die dabei helfen, jederzeit den nötigen Sicherheitsabstand einzuhalten. "Die Kunden zeigen dafür Verständnis. Es gab bisher keinerlei Diskussionen", sagt Schulz. Er selbst befindet sich aus Sicherheitsgründen noch bis 24. März in Heimquarantäne, da er kürzlich in Spanien war.

Mitarbeiter und Geschäftsführung versuchen nun, das Beste aus der Situation zu machen. Wer nicht damit beschäftigt ist, die wenigen Kunden zu bedienen, packt Arbeiten an, die im Alltag liegen geblieben sind – etwa eine Grundreinigung des gesamten Betriebs.

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