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Kommentare () Kommentare (0) 26.05.2014

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"Daimler-Niederlassungen sind gewissermaßen unverkäuflich"

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"Daimler-Niederlassungen sind gewissermaßen unverkäuflich"
Walter Missing: Branchenexperte und früherer Daimler-Manager
© Foto: Missing Management

Regionale Bündelung, Verkauf von Standorten: Daimler baut sein Niederlassungsnetz um. Das wirft Fragen auf. AUTOHAUS Online bat den früheren Konzernmanager Walter Missing um eine Einschätzung.

Daimler ordnet sein Retail-Netz neu. In einem ersten Schritt wollen die Schwaben ihre 33 konzerneigenen Niederlassungen regional bündeln. Von den aktuell noch 158 Standorten sollen 36 Autohäuser verkauft werden. Die große Zäsur wirft zahlreiche Fragen auf: Wie ist die Konzernstrategie einzuschätzen? Ergeben sich daraus Chancen für Investoren? AUTOHAUS Online bat den früheren Daimler-Manager Walter Missing zum Interview. Der Branchenexperte gilt als Konstrukteur des heutigen Mercedes-Vertriebsnetzes.

AUTOHAUS Online: Daimler will sich von 36 Niederlassungsstandorten trennen. Was halten Sie als Kenner von dieser Maßnahme?

Walter Missing: Dahinter steht aus meiner Sicht keine klare Strategie. Was da passiert, ist vielmehr Ausdruck der endgültigen Kapitulation vor der Tatsache, dass die Niederlassungen in ihrer heutigen Aufstellung gewissermaßen unverkäuflich sind. Ursprünglich wollte Daimler nur die großen Metropolen behalten. Das wären maximal zwölf Städte gewesen.

Wieso sind sie unverkäuflich?

Das ist einfach zu erklären: Die Mercedes-Niederlassungen schreiben jährlich hohe dreistellige Millionenverluste. Mit welcher Zielsetzung soll ein interessierter Käufer denn in unserer Branche "Verluste kaufen", wenn er weiß, dass die Niederlassungen heute zwar leistungsmäßig durchaus unterschiedlich, insgesamt aber sehr ordentlich geführt werden? Ein Vertreter wird das auch nicht wesentlich besser machen können. Also müsste Daimler den Verkauf mit hohen Millionenbeträgen subventionieren.

Woraus resultieren die Millionenverluste?

Die Verluste kommen aus mehreren Quellen. In erster Linie ist es das verlustträchtige Neuwagengeschäft. Daimler bezahlt – wie man weiß – deshalb ja auch seit langer Zeit jedes Jahr fast 100 Millionen Euro als Unterstützung bzw. als Ausgleich an ihre deutschen Vertreter für den angesichts der bestehenden Wettbewerbsverhältnisse nicht profitablen Verkauf von Neuwagen.

Es wird auch immer über die zu hohen Personalkosten gesprochen?

Sicherlich spielen diese eine gewisse, letztlich aber untergeordnete Rolle. Die Kostenprobleme konnten durch Verhandlungen mit den Betriebsräten so gut wie ausgeräumt werden. Von Bedeutung sind jedoch die hohen Betriebsrentenansprüche der Mitarbeiter der Niederlassungen. Da handelt es sich ebenfalls um mehrere hundert Millionen Euro, die im Rahmen eines Verkaufs von Niederlassungen ausgeglichen werden müssten.

Die Niederlassungsmitarbeiter bekommen Betriebsrenten? Das ist ungewöhnlich in der Branche.

Ja, das ist es. Die Niederlassungen sind bis auf drei Ausnahmen keine eigenständigen GmbHs, sondern integraler Bestandteil der Daimler AG in Stuttgart. Die Mitarbeiter der Niederlassungen haben die gleichen Ansprüche wie die Beschäftigten der Werke oder der Zentrale des Konzerns. Daher stammen ja auch die gängige Meinung, die Niederlassungen stünden in keinem echten Wettbewerb, und markige Sprüche wie "In den Mercedes-Niederlassungen kommt das Geld aus der Steckdose" und "Am 31.Dezember wird das Ergebnis auf null gestellt".

Daimler spricht von einem ersten Schritt. Ist das der Anfang vom Ende des Eigenvertriebs?

Hinter der Aussage steht sicherlich zunächst der jetzt eingeschlagene Weg der Regionalisierung von Niederlassungen, bei der im Übrigen dilettantisch vorgegangen wird. Die Verantwortlichen versuchen über diesen Weg – neben anderen fragwürdigen Maßnahmen wie etwa die Trennung des Pkw- und des Nutzfahrzeug-Geschäftes – die Niederlassungen wirtschaftlich zu machen, vergessen aber dabei gänzlich die Gesetzmäßigkeiten des deutschen Marktes.

Wieso dilettantisch?

Offensichtlich wurden hier Wholesale-Prozesse – darauf ist das Konzept auslegt – mit Retail-Prozessen verwechselt. Alles deutet darauf hin, dass hier mit wenig Marktkenntnis gearbeitet wurde.

Wozu führt das?

Zum einen werden Niederlassungen zusammengelegt, die nie und nimmer zusammengehören bzw. -finden. Die Hessen aus Kassel haben noch niemals einen gemeinsamen Markt mit den Niedersachsen in Hannover und Braunschweig gebildet. Ich könnte die Beispiele fortsetzen mit den Saarländern aus Saarbrücken in der geplanten Verbindung mit den Pfälzern in Mannheim und weiteren merkwürdigen Konstellationen. Da entstehen echte Cartoons. Zum anderen treibt die Trennung der Fahrzeugsparten in Pkw und Nutzfahrzeuge bereits jetzt Blüten. Es soll keine Niederlassungsleiter mehr geben. Mr. oder Mrs. Mercedes an den jeweiligen Plätzen mit Verantwortung für das Gesamtgeschäft gehören der Vergangenheit an. Sie sollen stattdessen niederlassungsübergreifend eine der Fahrzeugsparten übernehmen. Wer auch immer sich das ausgedacht hat: Ich gebe dieser sogenannten Strategie eine Halbwertzeit von maximal drei Jahren, weil die wichtige Beziehung zum Kunden dabei völlig außer Kraft gesetzt wird.

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