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eCall: Wahlfreiheit für Verbraucher

Klaus-Jürgen Heitmann, Schadenchef der HUK-COBURG, forderte auf dem 8. AUTOHAUS Schadenforum im Namen der deutschen Versicherungswirtschaft einen freien Markt für Telematiksysteme.
© Foto: ©Ralph Olma/ Presse+PR Pfauntsch

Klaus-Jürgen Heitmann, Vorstandsmitglied und Schadenchef bei der HUK-COBURG, sprach auf dem 8. AUTOHAUS Schadenforum über die Bedenken der deutschen Versicherungswirtschaft angesichts der Einführung des eCalls.


Datum:
07.12.2012
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Die EU will voraussichtlich ab 2015 den eCall verpflichtend für alle neuen Fahrzeugmodelle vorschreiben. Seit einigen Jahren beschäftigen sich daher Versicherer und Hersteller mit den Themen eCall und Telematiksysteme. Laut den Assekuranzen verspricht diese Entwicklung die Kundenbeziehungen nachhaltig zu verändern. Klaus-Jürgen Heitmann, für die Schaden- und Unfallversicherung zuständiges Vorstandsmitglied der HUK-COBURG, diskutierte über die Auswirkungen des eCalls für die Assekuranzwelt. Auf dem 8. AUTOHAUS Schadenforum erläuterte er im Namen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), die aktuellen Positionen der Assekuranzen. "Unser Wunschbild ist keine Wettbewerbsverzerrung im Reparaturmarkt, keine Bevormundung des Verbrauchers", war die Kernbotschaft des Versicherungsexperten.

Telematik ist unaufhaltsam

"Ich möchte Ihnen zeigen, was bei der Einführung von eCall wirklich geschieht. Und welche Rolle und Möglichkeiten die verschiedenen Player auf dem veränderten Markt haben", erklärte Heitmann. "Wir, die deutschen Versicherungen, glauben, dass es völlig egal ist, ob oder wann wir eine gesetzliche Regelung zu eCall bekommen oder nicht, denn nach unserem Eindruck haben die Hersteller bereits angefangen, Telematik in die Fahrzeuge einzubauen. Natürlich ist die Ausgangslage schwierig, wenn der Gesetzgeber zwar den eCall, aber nicht die notwendigen Rahmenbedingung-en festlegt. Nur eins ist sicher – die Telematik wird kommen. Dieser Zug ist aus dem Bahnhof raus und fährt immer schneller."

Unklare Verantwortungsbereiche

Der eCall ist ein fahrzeuggestütztes Notrufsystem, das bei einem Unfall eine automatische Sprachverbindung zu einer Notrufzentrale aufbaut – und hier stellen sich nach Einschätzungen von Heitmann die ersten Schwierigkeiten ein: "Wir haben in Deutschland etwa zwischen 300 und 400 Rettungsleitstellen, die mit sehr unterschiedlichen technischen Infrastrukturen arbeiten. Diese Rettungsstellen müssen irgendwann den eCall bearbeiten." Hier müsse auch die Politik ihre Vorbereitungsaktivitäten noch genau koordinieren, um die Zielsetzung eines europaweiten standardisierten Notrufs sicherzustellen

Brüssel nicht vorbereitet?

Viel wichtiger sei nach Meinung der Versicherungswirtschaft jedoch der Fakt, dass Hersteller die eingebauten Telematiksysteme nicht nur für den eCall verwenden werden. "Die Idee des eCall ist selbstverständlich gut. Wir wollen Menschenleben retten. Dagegen wird nie jemand etwas sagen. Aber ich verpflichte die Automobilindustrie etwas einzubauen, was die Kunden bisher nachrüsten konnten." Diesbezügliche Forderungen seien bislang noch nicht erhoben worden, weil sogar in Fachkreisen teilweise noch großes Unverständnis herrsche. "Und dabei ist in Brüssel die Wahlfreiheit des Verbrauchers im Bereich Aftersales ein wirklich hohes Gut", resümierte Heitmann.

Veränderte Kundenbeziehungen

Der Experte führte die kritische Haltung der Versicherungsbranche weiter aus: "Die Versicherungswirtschaft glaubt, dass Autohersteller das tun, was auch ich tun würde: Mit der Auffassung das Telematik-Projekt anzugehen, dass alles an Wertschöpfung rund ums Auto ihnen gehört. Durch den eCall könnten sich Hersteller als Anbieter von Dienstleistungen positionieren. So bekämen sie – sozusagen durch den Gesetzgeber verordnet – das Terrain zurückerobert, dass sie bereits zu verlieren drohten. Man muss beachten, dass die Europäische Kommission fast ausschließlich auf Zusatz- und Mehrwertdienste setzt, um die Infrastrukturkosten für den eCall zu refinanzieren." Dies betreffe insbesondere den Bereich Aftersales und Fahrzeuginstandsetzung, wo aktuell der meiste Gewinn zu machen ist. Hier könnte der eCall die Kundenbeziehungen tiefgreifend verändern.

Chancen durch die Vernetzung

"An Aftersales sind viele Dienstleister beteiligt und stehen heute miteinander in einem funktionierenden Wettbewerb. Der zentrale Punkt dabei ist die Kundenschnittstelle: Wer zuerst beim Kunden ist, hat einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Doch wenn die Entwicklung so weitergeht wie bisher, wird der Hersteller in einen nachhaltigen Informationsvorsprung gesetzt", erläuterte Heitmann. Durch die Telematik hätten Autobauer bereits jetzt die Möglichkeit, sich über das Fahrzeug mit dem Kunden zu vernetzen. Wozu aber ein Unternehmen mit direktem Zugang zum Kunden in der Lage sei, könne man am Beispiel des Retailers Amazon erkennen – sein Erfolg beruhe gerade auf der effizienten Ausnutzung der Kundenschnittstelle. "Wenn diese Änderungen in der Automobilindustrie stattfinden, wie lange werden wir noch von Schadensteuerung reden können?" fragte Heitmann das Publikum. Die Gesamtentwicklung führe nach Ansicht der Versicherungsexperten zu einer "Monopolisierung" des Zugriffs auf Kunden durch die OEMs.

Kunde als Entscheider gefordert

"Für die Versicherungsbranche geht es um die Information. Wir alle wollen relativ schnell über den Schaden informiert werden und in dem Zusammenhang natürlich auch unsere Dienstleistungen anbieten. Darüber hinaus müssen aber alle in der Schadenbranche eins bedenken: Heute entscheidet der Kunde darüber, welche Dienstleistung bei welchem Dienstleister er haben möchte. Morgen entscheidet aber das System." So könne beispielsweise ein Schutzbriefanbieter den Autofahrer schon an einem kalten Abend über eine schwache Batterie im Fahrzeug in Kenntnis setzen und einen Fachmann vorbeischicken, der den Wagen bis morgen wieder zum Laufen bringt. Und der Kunde würde sich laut Heitmann auf jeden Fall für die zusätzliche Vorsorge entscheiden, denn diese wäre schlichtweg attraktiver. "Das wirbelt aber viel auf dem Markt durcheinander und kann nicht im Sinne der klaren Vorstellungen der EU zu einem freien Wettbewerb im Kfz-Aftersales-Geschäft sein," erklärte der Marktexperte.

Für einen fairen Wettbewerb

"Heute gibt es in einigen Ländern bereits Versicherungsprodukte, die auf der Nutzung von Telematikdaten basieren, sogenannte Usage Based Insurance-Produkte.Hierbei fließt zum Beispiel in die Versicherungsprämie ein, wann und wo ein Kunde sein Fahrzeug nutzt. Dies setzt allerdings nachträglich eingebaute Telematiksysteme voraus, die mit entsprechenden Kosten verbunden sind. Aber wenn es so weitergeht, haben die OEMs diese Daten immer und zwar ohne zusätzliche Investitionen – sie nutzen einfach die eCall-Infrastruktur. Und das finden wir als Versicherer nicht gut", führte Heitmann die Position der Branche aus. Die Versicherungswirtschaft ist nun ebenfalls mit dem Thema politisch aktiv geworden. Anschließend gab er dem Publikum einen Denkansatz mit: "Ich möchte betonen, dass wir den eCall keinesfalls verhindern möchten. Wir wollen auch nicht verhindern, dass OEM diese Technologien für andere Dienste als den eCall nutzt. Aber der freie Wettbewerb darf dadurch nicht beschränkt werden. Das heißt: Der Kunde soll nach wie vor selbst entscheiden können, wer der Partner seiner Wahl ist. Dies gebiete das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, das auch im deutschen Grundgesetz verankert ist. Unsere Botschaft an die Branche ist: ‚Möge das freie Spiel der Kräfte wirken!"
(ll)

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