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Plakettenbetrug: Mini-Organisation schadet 99,46 Prozent des HU-Marktes

Der Begriff "fiktive Abrechnung" bekommt hier eine ganz andere Bedeutung ....
© Foto: Walter K. Pfauntsch

Bei deutschen Prüforganisationen gehören umfangreiche Präventivmaßnahmen und fälschungssichere Materialien zum Standardprogramm bei Hauptuntersuchungen. In Baden-Württemberg allerdings machte eine nur regional tätige "Mini-ÜO" mit Werkstätten gemeinsame Sache und in den Medien unrühmliche Schlagzeilen.


Datum:
18.05.2012
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Zehn HU-Prüfungen innerhalb weniger Minuten? Dass das nicht geht, weiß im Grunde Jeder. Wenn aber die Werkstattbetreiber dem Prüfsachverständigen dabei helfen, ihm die Zulassungsbescheinigungen Teil I ("Kfz-Schein") schon fertig zum Abstempeln vorzulegen, funktionierte diese "Speed-Prüfung" zumindest im Landkreis Esslingen ganz gut, wie die Kripo Esslingen und die Bereitschaftspolizei Göppingen vor einigen Wochen herausfanden. Praktisch "unbesehen" wurden in "mehreren hundert Fällen", die man bislang über einen HU-Gültigkeitszeitraum von zwei Jahren einem 58-jährigen Kfz-Sachverständigen aus dem Landkreis Reutlingen sowie zwei Werkstattinhabern aus dem Kreis Esslingen offensichtlich zweifelsfrei nachweisen konnte, Kraftfahrzeugen aller Art "frische" HU-Plaketten ausgestellt. 

Auch absolute Schrottkarren erhielten die Plakette

Das Verwerfliche daran ist, dass dem Vernehmen nach "en gros" Fahrzeuge mit schwerwiegenden Mängeln bzw. im Zustand totaler Verkehrsunsicherheit als "verkehrssicher" (das setzt lediglich "geringe Mängel" voraus) attestiert wurden und damit die HU offiziell bestanden hatten. In den Werkstätten der "Mittäter" sollen darüberhinaus nicht einmal die baulichen Voraussetzungen vorhanden gewesen sein, um eine HU nach § 29 StVZO ordnungsgemäß durchführen zu können. 

100.000 Euro im Handschuhfach und jetzt Knast

Gegen den Prüfer und zwei 26 und 28 Jahre alte Werkstattinhaber wurde Haftbefehl erlassen. Der 58-jährige Sachverständige hatte bei seiner Festnahme, der unmittelbar zuvor noch drei "erfolgreiche Abnahmen" vorausgingen, rund 100.000 im Handschuhfach seines Privatwagens liegen, die – wie er selbst zugab – aus seiner Prüftätigkeit stammten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Schwindel weit länger aus zwei Jahre ging: Die Plakettenlaufzeit von maximal 24 Monaten erschwert derzeit die weiteren Nachforschungen. Insgesamt dürften es wohl deutlich mehr als 1.000 falsch zugeteilte Plaketten gewesen sein, für die der bestochene Prüfer zwischen 70 und 150 Euro kassiert haben soll. 

AH-Fazit: Große Prüforganisationen bieten Maximum an HU-Sicherheit

AUTOHAUS hat den aktuellen Fall zum Anlass genommen, um bei den etablierten und seriösen Prüforganisationen in Deutschland die "natürlichen Schranken", also die Präventivmaßnahmen, zu hinterfragen, mit denen solche Gaunereien verhindert werden sollen. 

Im Ergebnis kann festgehalten werden, dass sowohl bei den Freiberufler-Organisationen (GTÜ, KÜS, FSP), wie auch den großen "Alt"-Organisationen (DEKRA Stuttgart und Dresden, TÜV NORD, TÜV Rheinland und TÜV SÜD) derart hohe Sicherheitsstandards gelten, durch die ein Betrug praktisch fast unmöglich ist bzw. nach kürzester Zeit auffallen würde. Fälschungssichere Dokumente und Stempelfarbe, Eigenüberwachungssysteme, aktive Mitarbeit in einer entsprechenden "Soko" der Polizei usw. usf. sollen vor jeglicher Form von Manipulation oder Fälschung schützen. Die vorgenannten Prüforganisationen sind – das ergab die AUTOHAUS-Befragung zweifelsfrei – haben höchstes vitales Interesse daran, ihre eigene Reputation und natürlich auch den Fahrzeughalter und die Allgemeinheit vor "rollenden Bomben" zu schützen. 

"Q-Verein" und "DIQ" waren für die Mini-ÜO in BW Fremdworte

Und: Allesamt unterziehen sich die großen Organisationen auch einer freiwilligen Überwachung und Qualitätskontrolle ihrer Dienstleistungen über den "Verein für Qualitätsmanagement in der Fahrzeugüberwachung e.V." (kurz Q- bzw. QM-Verein) oder über das "Deutsche Institut für Qualitätsförderung e.V." (kurz DIQ). Ausnahme: Die nur regional in Baden-Württemberg tätige Mini-Organisation, welcher der 58-jährige und jetzt in Untersuchungshaft sitzende HU-Prüfer angehört. 

Die Maus kreischt, die Elefanten kriegen die Schelte

Verständlicherweise sind DEKRA, FSP, GTÜ, KÜS, TÜV NORD, TÜV Rheinland und TÜV SÜD derzeit auch extrem angesäuert. Denn von den insgesamt 26.362.079 HU, welche 2011 in Deutschland durchgeführt wurden, entfallen insgesamt 99,46 Prozent, das sind 26.219.354 HU, auf sie. Lediglich 0,54 Prozent (142.725 HU) entfallen auf den kleinen Block "sonstiger Prüforganisationen", von denen wiederum die betroffene Mini-ÜO, welche sich zudem keiner freiwilliger Qualitätskontrolle stellt, nur ein weiterer, noch kleinerer Teil ist. Dass dadurch aber medienseitig stets alle Organisationen unter "Generalverdacht" kommen, daran stört man sich in Stuttgart wie Dresden, in Losheim am See, Hannover, Köln, München und am Schwielowsee nachhaltig. Schließlich gab es in den Medien und seitens der Kripo bzw. Staatsanwaltschaft bislang auch keinen Hinweis auf eine konkrete Organisation, der die hier genannten zumindest in der "öffentlichen Wahrnehmung vor Kunde" entlastet hätte. 

Die Exklusiv-Geschichte ab kommendem Montag in AH-SchadenBusiness

Den Betrugsfall im Detail sowie die Ausführungen von Bruno Möbus (DEKRA), Rainer Süßbier (GTÜ), Christoph Diwo (KÜS), Roger Eggers (TÜV NORD), Gerd Mylius (TÜV Rheinland), Ralph Strunk (FSP) und Jürgen Wolz (TÜV SÜD) zu Präventionen, Sanktionen, Imageschaden, volkswirtscahftliche Belastungen und – last but not least – zur aktuellen HU-Reform können Sie im "O-Ton" in der neuen Ausgabe des AUTOHAUS-Magazins SchadenBusiness nachlesen, das am kommenden Montag zusammen mit AUTOHAUS 10/2012 erscheint. Dort finden Sie übrigens auch eine aktuelle Übersicht der genauen HU-Marktanteile nach Prüforganisationen. (wkp)

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