Der Bundesinnungsverband des Kraftfahrzeughandwerks (BIV) positioniert sich mit einem neuen Grundsatzpapier zur Zukunft des automobilen Aftermarkets. Der am Mittwoch in Bonn vorgestellte "Themenkompass" formuliert fünf Leitlinien, mit denen die Branche die Umbrüche durch Digitalisierung, Vernetzung und neue Antriebsformen bewältigen will. Ziel sei ein "starker, innovativer und mittelstandsfreundlicher Kfz-Aftermarket", der zugleich sichere und bezahlbare Mobilität gewährleistet.
Im Zentrum des Papiers stehen Forderungen nach fairen Wettbewerbsbedingungen, einem offenen Zugang zu Fahrzeugdaten sowie einer Regulierung, die sich an der betrieblichen Praxis orientiert. Gerade mit Blick auf zunehmend softwaregesteuerte und vernetzte Fahrzeuge sieht der Verband Handlungsbedarf.
"Moderne Fahrzeuge dürfen nicht zu geschlossenen Systemen werden. Kfz-Betriebe brauchen fairen Zugang zu Daten und Reparaturinformationen, damit Verbraucherinnen und Verbraucher weiterhin frei wählen können, wem sie ihr Fahrzeug anvertrauen", erklärte Detlef Peter Grün, Bundesinnungsmeister des Kraftfahrzeughandwerks.
Der Verband warnt davor, dass technologische Entwicklungen die Marktstrukturen zulasten unabhängiger Werkstätten verschieben könnten. Ohne klar geregelte Zugriffsrechte auf Fahrzeugdaten drohe eine stärkere Konzentration bei Herstellern oder technologienahen Plattformanbietern. Für den Mittelstand gehe es daher nicht nur um Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch um die Sicherung seiner Rolle im Mobilitätssystem.
Der Themenkompass versteht sich zugleich als industriepolitisches Signal. Nach Auffassung des BIV müssen Wettbewerb, Nachhaltigkeit und Digitalisierung gemeinsam gedacht werden, damit Kfz-Betriebe auch künftig ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Funktion erfüllen können. Die Transformation des Sektors sei nur dann erfolgreich, wenn politische Rahmenbedingungen Innovation ermöglichen und zugleich den Zugang zum Markt offen halten.
1. Datenzugang sichern – Wettbewerb erhalten
Fahrzeugdaten entscheiden zunehmend darüber, wer Fahrzeuge warten, reparieren und instand setzen kann. Wer den Zugang zu diesen Daten kontrolliert, kontrolliert den Markt.
Unsere Leitlinie: Reparaturrelevante Fahrzeugdaten müssen allen Marktteilnehmern diskriminierungsfrei, sicher und zu fairen Bedingungen zugänglich sein.
Wir machen uns stark für:
- Einen standardisierten und herstellerneutralen Zugang zu fahrzeuggenerierten Daten.
- Gleichberechtigten Zugang aller Werkstätten zu Diagnose-, Kalibrierungs- und Wartungsinformationen.
- Die konsequente Verhinderung digitaler Monopole im Fahrzeug-Aftermarket.
- Cybersecurity-Vorgaben, die Sicherheit gewährleisten, ohne den Wettbewerb einzuschränken.
Unser Ziel: Freier und fairer Wettbewerb statt digitaler Abschottung.
2. Reparatur stärken – Nachhaltigkeit ermöglichen
Die nachhaltigste Ressource ist die, die nicht neu produziert werden muss. Das Kfz-Handwerk verlängert täglich die Lebensdauer von Fahrzeugen und leistet damit aktiven Klimaschutz.
Unsere Leitlinie: Nachhaltigkeit beginnt mit Reparaturfähigkeit.
Wir machen uns stark für:
- Die konsequente Umsetzung eines Rechts auf Reparatur im Mobilitätssektor
- Die Anerkennung freier Werkstätten als qualifizierte Reparaturbetriebe
- Langfristige Verfügbarkeit von Ersatzteilen
- Uneingeschränkten Zugang zu Reparaturinformationen, einschließlich softwarebasierter Funktionen
- Den Abbau digitaler Sperren, die Reparaturen verhindern oder erschweren
Unser Ziel: Kreislaufwirtschaft stärken, Ressourcen schonen und Mobilität bezahlbar halten
3. Transformation ermöglichen – Marktzugang sichern
Elektromobilität, Fahrerassistenzsysteme, Over-the-Air-Updates und automatisiertes Fahren verändern das Fahrzeug und damit auch die Werkstatt.
Unsere Leitlinie: Technologischer Fortschritt darf nicht zu Marktabschottung führen.
Wir machen uns stark für:
- Vollständigen Zugang zu Diagnoseschnittstellen und Kalibrierungsfunktionen neuer Fahrzeuggenerationen.
- Rechtssichere Rahmenbedingungen für Wartung und Reparatur von Elektrofahrzeugen und ADAS-Systemen.
- EU-weit anerkannte Qualifizierungsstandards für Hochvolttechnik und Fahrzeugkalibrierung.
- Praxisgerechte Regeln für den Umgang mit softwarebasierten Fahrzeugfunktionen.
Unser Ziel: Innovation fördern und gleichzeitig die Vielfalt der Werkstattlandschaft erhalten.
4. Fachkräfte gewinnen – Betriebe stärken
Die Mobilitätswende gelingt nur mit qualifizierten Menschen. Fachkräfte sind die wichtigste Zukunftsressource des Kfz-Handwerks.
Unsere Leitlinie: Qualifikation und Unternehmertum müssen wieder einfacher werden.
Wir machen uns stark für:
- Moderne und technologieoffene Ausbildungsordnungen
- Schnellere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüss.
- Unterstützung bei Betriebsnachfolgen und Unternehmensgründungen
- Weniger bürokratischen Aufwand bei Qualifizierungs- und Dokumentationspflichten
- Investitionsfreundliche Rahmenbedingungen für kleine und mittlere Betriebe
Unser Ziel: Ein leistungsfähiges Werkstattnetz in Stadt und Land sichern.
5. Bürokratie abbauen – Wettbewerbsfähigkeit stärken
Kleine und mittlere Betriebe dürfen nicht an Verwaltungsaufwand scheitern. Jede Stunde Bürokratie fehlt bei Kunden, Ausbildung und Innovation.
Unsere Leitlinie: Regulierung muss wirksam sein – nicht belastend.
Wir machen uns stark für:
- Den konsequenten Abbau von Melde-, Dokumentations- und Nachweispflichten
- Verhältnismäßige Anforderungen im Arbeits-, Umwelt- und Verbraucherschutz
- Die Vermeidung von Doppelregulierungen zwischen EU- und nationalem Recht
- Einfachere und digitale Förderzugänge
- Den beschleunigten Ausbau von Lade- und Breitbandinfrastruktur
Unser Ziel: Mehr Zeit für Wertschöpfung, Innovation und Kundenservice.