Historische Rennwagen, britische Traditionsmarken und mittendrin der größte Pavillon. Mit seinem ersten Auftritt beim Goodwood Festival of Speed nutzt der chinesische Autokonzern BYD die traditionsreiche Veranstaltung als Bühne für seine Europa-Offensive.
Wenige Veranstaltungen zelebrieren die automobile Tradition so konsequent wie das Festival of Speed im britischen Goodwood. Auf dem Landsitz der Herzöge von Richmond treffen sich Clubs, Sammler und Autohersteller, um all das zu feiern, was auf zwei, vier oder auch mehr Rädern kurios, schnell und selten ist. Große Marken wie Aston Martin, Rolls-Royce oder Bentley inszenieren dort ihre Historie mit ebenso viel Aufwand wie ihre Neuheiten. Doch dieses Jahr hat ihnen ausgerechnet ein chinesischer Hersteller die Show gestohlen. Kein Pavillon war größer, nirgends drängten sich mehr Besucher als bei BYD.
Dabei fehlt der Marke genau das, wovon die Autoschau lebt: eine lange Geschichte. Nicht als Hersteller und schon gar nicht in Goodwood. Im Gegenteil: Es war der erste Auftritt von BYD beim Festival of Speed, und den nutzten die Chinesen als Bühne für eine selbstbewusste Machtdemonstration. Vom Pickup über einen großen Geländewagen bis zum Supersportwagen zeigte der Konzern, wie breit sein Angebot inzwischen geworden ist.
Anfassen, anhören, einsteigen: Das Festival gab sich schon immer publikumsnah. Und so standen die Besucher bei Temperaturen jenseits der 30 Grad und beschallt von den Bässen lauter House-Musik Schlange, um den Pick-up BYD Shark oder das große SUV Denza Bao 5 über einen Offroad-Parcours zu manövrieren. Tatsächlich haben die Fahrzeuge technisch einiges zu bieten. Der knapp fünf Meter lange Bao 5 etwa, der hier seine Europa-Premiere feiert, kombiniert einen 1,5-Liter-Turbobenziner mit zwei Elektromotoren zu einer Systemleistung von 544 PS. Rund 90 Kilometer soll der Plug-in-Hybrid rein elektrisch zurücklegen und erst nach bis zu 835 Kilometern Gesamtreichweite wieder an die Zapfsäule müssen. Drei elektronisch geregelte Differenzialsperren, Leiterrahmen und ein aktives Offroad-Fahrwerk sollen ihn zum ernstzunehmenden Konkurrenten für Land Rover Defender, Toyota Land Cruiser oder Ineos Grenadier machen.
Mit dem Shark steigt BYD in ein Segment ein, das sich gerade neu sortiert. Während sich Mercedes, Nissan, Renault und Fiat aus dem europäischen Pick-up-Geschäft verabschiedet haben, legt Kia mit dem Tasman gerade los. Gleichzeitig bereitet Toyota den Marktstart des neuen Hilux vor. Der 5,46 Meter lange BYD geht allerdings nicht mit dem in dieser Klasse üblichen Diesel, sondern mit einem Plug-in-Hybridantrieb ins Rennen. Anders als der ebenfalls noch junge Ford Ranger PHEV verfügt der Shark über eine vergleichsweise große Batterie mit 32 kWh Kapazität, die eine elektrische Reichweite von rund 90 Kilometern ermöglichen soll. Der 436 PS starke Allrad-Pick-up kann bis zu 790 Kilogramm zuladen und Anhänger mit einem Gewicht von 2,5 Tonnen ziehen. Weil viele Kunden auf Baustellen oder im Gelände elektrische Werkzeuge und Geräte nutzen, gehört auch eine Vehicle-to-Load-Funktion zur Ausstattung. Sie versorgt externe Verbraucher mit bis zu 6 kW Leistung und macht den Wagen zum mobilen Stromgenerator.
BYD Shark
Der wahre Hingucker des Showrooms aber ist der Denza Z. Das flache Elektrosportler gibt einen Ausblick auf die sportliche Zukunft der Premiummarke. Der wahlweise als Coupé oder Roadster aufgelegte Z beweist wie schon der MG Cyberster, dass sich auch in China Elektroantrieb und Emotionen durchaus verbinden lassen. BYD verspricht bis zu rund 1.600 PS, bis zu 350 km/h Top-Speed, Steer-by-Wire-Lenkung und ein vollständig elektronisch geregeltes Fahrwerk. Gestaltet wurde der Z unter der Leitung des früheren Audi-Designchefs Wolfgang Egger. Bis zur Serienreife dürfte zwar noch einige Zeit vergehen. Als Publikumsmagnet erfüllt der Sportwagen seinen Zweck jedoch schon heute.
Wer den Pavillon verlässt, passiert den nächsten Hingucker des Konzerns. Dort steht der über 3.000 PS starke Yangwang U9 Xtreme, der erst vor kurzem in Papenburg mit 496,22 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord für Serienfahrzeuge aufgestellt hat. Spätestens hier wird klar: Klotzen statt kleckern lautet die Strategie, mit der Chinas größter Automobilhersteller Europa erobern will.