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Genfer Autosalon: Die Schönen für die Reichen

Bei "Anadi" handelt es sich um einen italienischen Kleinstserienhersteller, bei dem ein türkischer Designer aus Holland ein Cabrio gezeichnet hat.
© Foto: Messe Genf

Es ist traditionell eine der vornehmsten Aufgaben des Genfer Automobilsalons, den Studien der Designer, den Manufakturen, den Tunern und Träumern der Autowelt eine Bühne zu geben.


Datum:
11.03.2013
Autor:
<br>Von Thomas Lang/mid
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Es ist traditionell eine der vornehmsten Aufgaben des Genfer Automobilsalons, den Studien der Designer, den Manufakturen, den Tunern und Träumern der Autowelt eine Bühne zu geben. Hier können sich all diejenigen präsentieren, deren Fahrzeuge für Normalsterbliche preislich unerreichbar sind: die Schönen für die Reichen sozusagen.

Schon einmal etwas von den Manufakturen "Anadi" oder "Spania" gehört? Nein? Kein Grund, sich zu schämen. Bei "Anadi" handelt es sich um einen italienischen Kleinstserienhersteller, bei dem ein türkischer Designer aus Holland ein Cabrio gezeichnet hat, im dem eine Corvette mit 479 kW / 651 PS verwurstet wurde. Der Anbieter träumt davon, dass sich 300 Reiche finden, die bereit sind, dafür 230.000 Euro zu bezahlen. Der spanische Autobauer Spania geht die Vermarktung seines "GTA" bescheidener an. Er sucht nur 99 Kunden mit einem hohen sechsstelligen Euro-Betrag für den Karbon-Titan-Kevlar-Tiefstflieger, den ein V10-Motor mit 8,3 Liter Hubraum und 603 kW / 820 PS Leistung auf 350 km/h beschleunigen soll.

Was noch vor Jahren die Grundelemente eines Traumautos definierte – Leistung, Eleganz und Exklusivität – hat sich Genf nun ein wenig ins Albtraumhafte verloren. Das beweist aktuell Ferrari. Jahrzehntelang lagen Leistung und formale Schönheit im Gleichklang. Die Leistung aber steigt mittlerweile exzessiv, und die Formensprache leidet unter allerlei Flügeln, Diffusoren und schlundähnlichen Öffnungen, die um die letzte 500-Gramm-Packung Abtrieb ringen. Zwei Tage lang war der LaFerrari von vielschichtigen Trauben Neugieriger hartnäckig umlagert. Keine Frage, die 399 Auserwählten für die begrenzte Auto-Serie mit ihrer welt- und alltagsfremden Leistungen jenseits der 900 PS wird Ferrari finden und jedem rund 1,2 Millionen Euro abknöpfen. Aber ein Traumauto ist der Ferrari F 150 nicht mehr; genauso wenig wie der Lamborghini Veneno. Drei Autos mit einer Leistung von 552 kW / 750 PS für jeweils drei Millionen Euro haben die Italiener gebaut, doch ihre Form leidet unter zu vielen Ecken, Kanten, Spitzen und Spoilern.

Huldigung an den chinesischen Geschmack

Der ästhetische Wertekanon der alten Welt gilt in der Autobranche von heute nicht mehr. Bei Mercedes zum Beispiel, aber auch bei Audi oder BMW werden die Formen einerseits barocker, andererseits vermehren sich rund um die blechernen Hüllen die Hutzen, Sicken und Chromverzierungen. Wer sich daran stört, erhält beim ältesten Autobauer der Welt den dezenten Hinweis, dass die Formschöpfer aktuell eher dem chinesischen Auto-Geschmack huldigen. Denn das Reich der Mitte saugt längst mehr Premium-Mobile auf, als die gute alte Heimat und das europäische Umland. Das erklärt vieles.

Der Tuning-Trend zu matten Lacken generiert seine Schlagzahl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ebenfalls nicht aus der europäischen Nachfrage. Auf dem Stand des deutschen Tuners Hamann aus Laupheim darf ein in violett-metallic lackierter Range Rovers namens "Mystére" den inoffiziellen Titel "König des schlechten Geschmacks" für sich reklamieren.

Die am meisten gestellte Frage unter Kollegen, "Welches Auto würdest du mit nachhause nehmen?", erntete in den meisten Fällen Schulterzucken. Ein "Hypercar" wie den Ferrari F 150? Den McLaren P1 mit seinen weltfremden 674 kW / 916 PS? Eher nicht. Mit den 410 kW / 558 PS des Aston Martin Rapide S würden sich dagegen wesentlich mehr Fachleute künftig durch ihren automobilen Alltag begleiten lassen, oder von einem Jaguar F-Type. Auch an eine offene Corvette mit ihrem reiz- und lustvoll bollernden 6,2-Liter V8, der 331 kW / 450 PS mobilisiert, könnte sich der eine oder andere gewöhnen. Gleiches gilt für den Porsche GT3, der 350 kW / 475 PS mit einem heiser kreischenden, frei drehenden Sechszylinder-Boxer mobilisiert.

Lichtblicke unter Protz, Prunk und Proll

Geht der Trend der Luxus- und Traumautos wirklich ausschließlich in Richtung Protz, Prunk und prolligem Hedonismus? Bei näherem Hinsehen, konnten auch die Lichtblicke glänzen. Bei Lexus drehte sich beispielsweise die erstmals in Detroit gezeigte Studie eines sportlichen Coupés namens LF-LC, lackiert in einem leuchtenden dunklen Blau. Den Japanern gelang das Kunststück, eine schnörkellose Form für ein sportlich-elegantes Coupé in der Tradition der großen GT (Gran Turismo) zu finden, und das ganz ohne Retrodesign. Von einem solchen Auto lässt sich trefflich träumen, verbunden mit der Hoffnung, dass der Weg zur Serie vorprogrammiert ist.

Bei Brabus aus Bottrop fand sich schließlich einer der heimlichen Autostars. Ein Mercedes 280 SL "Pagode" aus den späten Sechzigern. Brabus entwickelt den Geschäftszweig Restaurierung mit großem Elan und Erfolg weiter. Wenn es keine schönen neuen Autos für die Reichen mit Geschmack gibt, dann müssen automobile Schönheiten vergangener Dekaden zu neuem Leben erwachen. Das hat bei perfekter Ausführung auch seinen satten sechsstelligen Preis.


Genfer Salon 2013 - Sportboliden

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