Als Mercedes vor etwas über vier Jahren seinen EQS zu den Händlern schickte, galt die eigenwillig gestylte Luxuslimousine noch als eines der fortschrittlichsten Elektroautos am Markt, wenn nicht gar als das modernste überhaupt. Zudem war der EQS das erste BEV (Battery Electric Vehicle) von Mercedes, das auf einer eigens dafür entwickelten Plattform basierte. Die EVA2 (Electric Vehicle Architecture) sollte Entwicklern und Designern völlig neue Freiräume ermöglichen, die man mit einer auf E-Antrieb umgebauten S-Klasse niemals hätte erreichen können.
Doch die Rechnung ging nicht so auf, wie sich das die Marketing-Strategen von Mercedes vorstellten. Der EQS verkaufte sich mehr schlecht als recht. Besonders in China, dem mit Abstand größten Markt für E-Autos, hatte man sich deutlich mehr Zuspruch erwartet. Kritiker gaben sowohl dem One-Bow-Design (bogenförmige Silhouette) als auch der 400-Volt-Architektur die Hauptschuld. Letztere hat vor allem bei der Ladegeschwindigkeit das Nachsehen gegenüber den heutigen, in dieser Klasse gebräuchlichen 800 Volt.
Wenn Mercedes nun in diesem Sommer seinen "neuen" EQS auf die Straße bringt, wird man optisch nur marginale Unterschiede sehen. Zu erkennen sind sogenannte Powerdomes (längliche Wölbungen) auf der Haube sowie Stern-Signets im Tagfahrlicht. Den aufrechtstehenden traditionellen Mercedes trägt der EQS ja bereits seit einem kleineren Facelift im vorigen Jahr. Jetzt allerdings ist das Markenzeichen beleuchtet.
Mercedes-Benz EQS (2027)
Wesentlich größeres Augenmerk hat man auf technische Updates gesetzt, um den Luxus-Stromer in seinem Umfeld wieder an die Spitze zu setzen. Mercedes sagt, mehr als ein Viertel aller Teile seien neu entwickelt, überarbeitet und verfeinert. Dickster Brocken dabei war es, die EVA2-Architektur auf 800 Volt umzustellen. Zudem wurden Antriebsteile neu entwickelt, an der Hinterachse sitzt jetzt ein Zweiganggetriebe, das bei zirka 120 km/h hochschaltet, die Batterie erhielt eine optimierte Zellchemie.
In Summe macht der EQS einen deutlichen Reichweitensprung nach vorn. Wies er bei seinem Debüt noch einen maximalen Wert von 780 Kilometern (gilt für die Version EQS 450+) aus, sind es jetzt 925 Kilometer. Kein anderes deutsches Elektroauto schafft diese Strecke mit einer Füllung. Theoretisch ließe sich so nonstop von München nach Paris oder von Hamburg nach Zürich fahren.
Elektrokomfort heißt nicht nur geräuschloses und gediegenes Reisen, sondern auch schnelles Laden. Dank der nun 800-Volt können in zehn Minuten bis zu 320 "frische" Kilometer nachgeladen werden. Erreicht wird dies mit einer Ladeleistung von bis zu 350 kW.
Die von 118 auf 122 kWh vergrößerte Batterie kann zudem ihren Strom direkt ins öffentliche Netz (Vehicle-to-Grid) oder an das eigene Zuhause (Vehicle-to-home) abgeben. Auch damit schließt Mercedes zu gängigen Standards auf.
Neue Standards dagegen wollen die Stuttgarter mit einer revolutionären Lenkung setzen. Gegen Aufpreis kann der EQS-Kunde eine sogenannte Steer-by-Wire-Technologie wählen. Bei ihr gibt es keine mechanische Verbindung mehr zwischen Lenkrad/Lenksäule und den Rädern. Die Lenkbefehle erfolgen elektronisch über Kabel (wire). Integriert ist zudem eine 10-Grad-Hinterachslenkung. Für Steer-by-Wire verspricht Mercedes ein nie gekanntes Fahrerlebnis. Optisch präsentiert sich die neue Technik durch ein Steuerrad, das mehr einer liegenden, eckigen Acht als einem Kreis ähnelt.
Neue Elektroantriebs-Architektur
Parallel zum Update von EVA2 entwickelten die Mercedes-Ingenieure für Fahrzeuge ab Mittelklasse aufwärts eine gänzlich neue Elektroantriebs-Architektur, genannt MB.EA. Integriert wurde eine hochmoderne und vor allem sehr leistungsfähige Software, die als Mercedes-Benz Operating System (MB.OS) auch in den EQS Einzug halten konnte. Die Kombination mit künstlicher Intelligenz macht sogar komplexe Dialoge mit dem KI-Assistenten möglich und den EQS so schlau wie nie zuvor. OTA (Over The Air) Updates halten das Auto über viele Jahre auf dem modernsten Stand.
In Sachen Komfort dürfte der neue EQS schon jetzt zum Klassenbesten gehören. Neueste Errungenschaft ist ein beheizbares Gurtband. Es soll an kalten Wintertagen schnell wohlige Wärme in den Oberkörper schicken. Vor sieben Jahren hatte Mercedes dieses Feature in dem Experimental-Sicherheitsfahrzeug ESF erstmals vorgestellt.
Anbieten werden die schwäbischen Autobauer ihr Elektro-Flaggschiff in vier unterschiedlichen Versionen. Neues Einstiegsmodell ist der EQS 400. Er startet preislich bei 94.403 Euro und ist über zwölftausend Euro günstiger als der 450+ (Reichweiten-Champion). Darüber rangieren weiterhin der 450 4Matic und die beiden Topmodelle EQS 500 4Matic sowie EQS 580 4Matic.