Messe Power2Drive: Mein Kraftwerk auf Rädern

25.06.2026 11:05 Uhr | Lesezeit: 3 min
Aussteller auf der Power2Drive Europe 2026 in München zeigten, wie aus der Autobatterie ein mobiles Kraftwerk wird, das Strom nicht nur aufnimmt, sondern bei Bedarf auch wieder abgibt.
© Foto: Rocco Swantusch

Neue Ideen und Produkte zum bidirektionalen Laden verwandeln die Autobatterie in ein Notstromaggregat oder einen mobilen Speicher fürs eigene Haus oder fürs öffentliche Netz – vorausgesetzt, Auto, Wallbox, Zähler und Stromversorger passen zusammen.

Ein Stromausfall am Abend trifft die meisten Haushalte unvorbereitet: Der Kühlschrank verstummt, der Router blinkt nicht mehr, die Heizungspumpe steht still. Genau in solchen Momenten soll künftig ein Elektroauto aushelfen – und mit neuer Technik sogar zum aktiven Teil des öffentlichen Netzes werden. Möglich macht das die Technik des bidirektionalen Ladens, die auf der Power2Drive Europe 2026 in München im Mittelpunkt standen. Aussteller zeigten dort, wie aus der Autobatterie ein mobiles Kraftwerk wird, das Strom nicht nur aufnimmt, sondern bei Bedarf auch wieder abgibt. Aus dem reinen Verbraucher Auto wird so ein aktiver Teil der eigenen Stromversorgung – und damit lässt sich sogar Geld verdienen.

Das Prinzip lässt sich mit einer Powerbank vergleichen, die nicht nur das eigene Handy lädt, sondern auch ein zweites Gerät versorgt – nur mit deutlich mehr Kapazität. Ein moderner Elektrowagen speichert oft 50 bis 100 Kilowattstunden, ein durchschnittlicher deutscher Haushalt verbraucht am Tag nur einen Bruchteil davon. Auf der Power2Drive zeigte beispielsweise der Hersteller Hager Energy mit seinem Hausspeichersystem "one" und der passenden Wallbox "edsn", wie schnell diese Reserve nutzbar wird: Bei einem Stromausfall schaltet die Technik in weniger als 20 Millisekunden auf Inselbetrieb um, schneller als ein Lichtschalter merklich flackert. Die Steuerungssoftware zieht Strom aus dem Auto, wenn der Tarif teuer ist, und lädt ihn nach, wenn er günstig ist. So wird die Autobatterie nebenbei zur Geldsparmaschine.

Bidirektionales Ladegerät "Quasar 2"

Wie groß der Effekt sein kann, zeigt ein paar Meter weiter ein Experte des spanischen Herstellers Wallbox Chargers. Dessen bidirektionales Ladegerät "Quasar 2" erreicht einen Wirkungsgrad von über 97 Prozent in beide Richtungen, weil das System direkt auf die Hochvoltbatterie zugreift und stromfressende Umwege über den fahrzeuginternen Lader spart. Ein Kia EV9 mit seiner 99,8-Kilowattstunden-Batterie könnte damit ein Wohnhaus mit einem Tagesverbrauch von 25 Kilowattstunden rund drei Tage lang komplett versorgen – ganz ohne Strom aus dem Netz.

Seit Jahresbeginn 2026 ist die Rechtslage in Deutschland für die Energie-Akrobatik deutlich klarer geworden. Rückgespeister Strom wird nun nicht mehr doppelt mit Netzentgelten belastet – bislang hatte genau das viele Haushalte abgeschreckt. Und eine neue VDE-Norm schreibt seit März 2026 zudem erstmals verbindliche Sicherheitsstandards für die Zertifizierung von Fahrzeug und Wallbox vor.

Technisch braucht es dafür aber stets Zubehör, das nicht jedes Auto und nicht jede Wallbox bietet: Nur Fahrzeuge mit einem speziellen, werkseitig freigeschalteten Onboard-Lader können überhaupt Strom zurückgeben, eine Nachrüstung ist nicht möglich, und die passende Wallbox muss ein zertifizierter Elektriker einbauen und beim Netzbetreiber anmelden. Kein Wunder, dass auf der Messe in München immer mehr Anbieter mit Komplettlösungen punkten wollten, die von Einrichtung über Wartung und Lademanagement bis zum Inkasso beim Stromverkauf alle Leistungen aus einer Hand bieten.


Power2Drive Europe 2026: Messe-Impressionen

Power2Drive Europe Bildergalerie

Auto mit Sonnenstrom laden

Die Hardware der Autobesitzer ist nämlich immer öfter eigentlich schon bereit. Laut Verband der Automobilindustrie sind bereits mehr als 30 in Deutschland erhältliche Pkw-Modelle dafür vorbereitet, und Geschäftsführer Marcus Bollig bezeichnet die Vorteile für Verbraucher als "enorm". Wer den eigenen Strom nur ins eigene Haus leiten will, kommt schneller ans Ziel als jene, die ins öffentliche Netz einspeisen wollen, denn erst rund drei Prozent der Stromanschlüsse in Deutschland verfügen bislang über das dafür nötige intelligente Messsystem.

Wer eine eigene Solaranlage besitzt, lädt das Auto tagsüber mit eigenem Sonnenstrom und holt ihn abends wieder ins Haus. Genau diese Verbindung nutzt Kostal Solar Electric, so Geschäftsführer Frank Henn. Der Fachmann verweist auf seine neue Wallbox-Generation Enector G2, die zusammen mit einem Batterie-Wechselrichter und schwankenden Stromtarifen ein automatisches Energiemanagement ermöglicht.

Nicht jeder Stromer steht aber immer zu Hause an einer fest montierten Wallbox, sondern auch mal an der Dienstwohnung oder beim Ferienhaus. Das Fraunhofer-Institut IAF und der Projektpartner Ambibox haben dazu einen mobilen Lader entwickelt, der nur 5,7 Kilogramm wiegt und gerade einmal 8,3 Liter Volumen braucht. Er passt locker in den Kofferraum und lässt sich über den üblichen CCS-Stecker an fast jedes Fahrzeug anschließen. Möglich macht das ein neuer Halbleiter aus Galliumnitrid, der kompakter und sparsamer ist als die bisherige Siliziumtechnik, so Michael Basler vom Fraunhofer IAF zum Ansatz seiner Innovation – auf gut Deutsch: Bessere Technik soll nicht automatisch teurer werden.

"Mega Satellite"-Lösung

Drei Beispiele, drei Lösungen – ein gemeinsames Ziel: Das Auto so selbstverständlich zum Stromlieferanten zu machen, wie es heute schon ein Stromabnehmer ist. Während private Haushalte dabei aber vor allem an Komfort und Notstrom denken, geht es im Schwerlastverkehr um große Energiemengen in kurzer Zeit. Der finnische Anbieter Kempower stelltr in München seine "Mega Satellite"-Lösung vor, ausgelegt für Megawatt-Ladesysteme an Lkw-Rastplätzen.

Für Speditionen zählt am Ende aber vor allem die Verlässlichkeit der Technik, und genau darauf zielt das Unternehmen Heidelberg Amperfied mit seinem Servicemodell UptimePRIME ab: Die Tochter des Druckmaschinen-Konzerns verspricht eine Überwachung der Ladesäulen in Echtzeit und einen technischen Support rund um die Uhr. „Verfügbarkeit ist der entscheidende Erfolgsfaktor jeder Ladeinfrastruktur“, sagt Geschäftsführer Robin Karpp. Fällt eine öffentliche Wallbox aus, verärgert das einen einzelnen Autofahrer – fällt ein Lkw-Lader aus, gerät gleich eine ganze Lieferkette ins Stocken.

Gerade in Städten sorgt die Ladeinfrastruktur oft für Verdruss, weil dort viele Autofahrer keine eigene Garage mit Stromanschluss besitzen. Besonders in Mehrfamilienhäusern mit gemeinsamer Tiefgarage ist die Nachrüstung oft aufwendig, weil jeder einzelne Stellplatz verkabelt werden muss. Frank Nagengast vom Elektrotechnik-Unternehmen Wieland Electric zeigte in München ein Flachkabelsystem, das Ladepunkte ohne große Umbauten in bestehende Tiefgaragen einzieht. Für Mieter könnte das mittelfristig bedeuten, dass auch sie ohne eigenes Haus von Solarstrom und Rückspeisung profitieren. Und für Eigentümergemeinschaften oder Genossenschaften, dass sie mit einer gemeinsamen Lade-Infrastruktur die Kosten und Stromspitzen im Griff behalten.

ABB präsentierte dazu auf der Messe ein modulares Lademanagement-System, das bei mehr Nutzern besonders leicht ausgebaut werden kann. Die komplette Anlage wird dabei vom Anbieter eingerichtet, überwacht und gepflegt. "Der Fokus verlagert sich von der reinen Hardware-Erweiterung hin zur Wirtschaftlichkeit, Zuverlässigkeit und dem bidirektionalen Austausch von Energie", erklärt dazu Michael Bültmann, Geschäftsführer von ABB E Mobility. Der Elektroautofahrer trägt mit seinem rollenden Speicher so zur Energiewende bei – und kann dabei sogar Strom verkaufen: an den Nachbarn ohne Ladesäule, Besucher mit Stromer oder das öffentliche Netz.

Ob am Ende tatsächlich Strom aus der eigenen Garage kommt, hängt von mehreren Zahnrädern ab, die ineinandergreifen müssen: vom richtigen Fahrzeugmodell, der passenden Wallbox und etwas Geduld mit Netzbetreibern und Behörden. Sicher ist nur: Beim nächsten Stromausfall im Straßenzug muss nicht mehr automatisch jeder Haushalt zur Kerze greifen. Vielleicht steht in der Nachbargarage schon das kleine Kraftwerk auf Rädern, von dem auf der Power2Drive so viel die Rede war – und wartet nur darauf, dass jemand den Strom aus dem Akku fließen lässt.


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