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Dirk Steeger: "Es geht nicht ums Traumauto, sondern ums Fortbewegungsmittel"

Dirk Steeger
"Es geht nicht ums Traumauto, sondern ums Fortbewegungsmittel"
Dirk Steeger ist Geschäftsführer des Autohauses Gotthard König.
© Foto: Autohaus G. König
Zum Themenspecial Corona-Krise

Mit einem Kurzzeitleasing-Angebot hat Autohaus König auf die Corona-Krise reagiert. Kurzarbeit und Kostensenkungen sollen im Unternehmen Liquidität sichern. Seit Mittwoch sind auch die Betriebe in Berlin und Brandenburg wieder geöffnet.

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Von Online-Redakteur Andreas Heise

Ob Kontaktbeschränkungen, Mundschutzpflicht oder Ladenöffnung - in der Corona-Krise wird in Deutschland immer wieder eine einheitliche Linie vermisst. So auch im Autohandel, wo die Verkaufsräume seit 20. April wieder öffnen dürfen - jedoch nicht überall. In Bayern ist die Wiederöffnung erst ab 27. April gestattet. Und in Berlin konnte sich der Senat in der vergangenen Woche nicht auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen. Ergebnis: Die Showrooms waren bis zum gestrigen Dienstag geschlossen. Das Gleiche galt für Brandenburg. Seit Mittwoch haben Kunden nun wieder Zutritt.

"Für die Verzögerungen habe ich natürlich null Verständnis", erklärt Dirk Steeger, Geschäftsführer vom Autohaus Gotthard König, gegenüber AUTOHAUS. Rund 30 von insgesamt 52 Standorten der Mehrmarkengruppe seien betroffen gewesen. Grundsätzlich habe er die bisherigen Beschränkungen für den Autohandel schwer nachvollziehen können, da es in Autohäusern beispielsweise im Vergleich zu Baumärkten deutlich weniger Publikumsverkehr gebe.

Bis auf reine Verkaufsstellen, von denen es beim Autohaus König nur wenige gebe, habe man seit Beginn der Corona-Krise alle Standorte offen gelassen. "In der Werkstatt kam uns natürlich zugute, dass Niederlassungen und Ketten wie ATU geschlossen hatten", resümiert Steeger. So bewege sich die Auslastung auf stabilem Niveau, auch wenn der Umsatz, der durch interne Reparaturaufträge generiert werde, langsam zurückgehe. "Ich glaube nicht, dass die Kunden auf ihre Mobilität verzichten wollen – im Gegenteil. Sie kommen auch weiter in die Werkstatt", gibt sich der Branchenprofi optimistisch.

Etwas anders gestaltet sich das Bild im Vertrieb. Hier rechnet der König-Geschäftsführer, dass die Verkaufszahlen bis ins vierte Quartal hinein 30 bis 35 Prozent unter Vorjahresniveau liegen werden. "Ich glaube, dass die Zahl der Kunden im Autohaus auf einem niedrigen Niveau bleibt – die Kauflust wird in der nächsten Zeit nicht sehr groß sein." Wobei Steeger darin, dass öffentliche Verkehrsmittel wegen der Ansteckungsgefahr derzeit eher gemieden werden, auch eine Chance für den Autohandel sieht. Hier besonders bei den älteren Autokäufern, die zur Corona-Risikogruppe, aber auch gleichzeitig zur Stammkundschaft im stationären Handel zählten. "Es werden aber aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit preiswerte, kleine Fahrzeuge in den Fokus rücken", prognostiziert er. Da gehe es nicht ums Traumauto, sondern ums Fortbewegungsmittel. Premium-Marken könnten es demnach schwerer haben.

Durch Kurzzeitleasing viele Leads und Kaufanträge generiert

Um denen Bedürfnissen derer, die sich ein Auto anschaffen wollen, entgegen zu kommen, hat die Berliner Autohandelsgruppe in der Corona-Krise ein Kurzzeitleasing-Angebot geschaffen. Für 77 Euro monatlich gibt es einen Renault Twingo oder einen Fiat 500, bei einer Vertragslaufzeit von zwölf oder 24 Monaten. Eine Anzahlung oder Überführungskosten entfallen. Steeger: "Der Kunde soll das Gefühl haben, dass er nicht viel mehr ausgibt als für eine Monatskarte im ÖPNV." Die Aktion werde hauptsächlich online beworben und laufe voraussichtlich noch bis Mai. "Das hat den Umständen entsprechend gut funktioniert, auch wenn wir eigentlich weiterhin vom analogen Geschäft leben. Wir haben daraus sehr viele Leads generiert, aber auch viele Kaufanträge geschlossen."

Generell sei die Handelsgruppe seit vielen Jahren im Internet stark vertreten und setze auf Online-Shops und -Plattformen samt volldigitalem Bestellprozess. "Durch unsere Online-Lösungen konnten wir in den letzten Wochen ein Grundrauschen sichern. Wir sind zu einem gewissen Grad gewohnt, aus geschlossen Häusern zu verkaufen – deswegen hat uns die Corona-Pandemie glücklicherweise auch nicht mit voller Wucht getroffen", erläutert Steeger.

Das Kurzzeitleasing stelle kein Geschäftsmodell dar, um langfristig hohe Erträge zu erwirtschaften. Es sei aber eine passende Möglichkeit, den Abverkauf von Bestandsfahrzeugen zu fördern und für Bewegung im Vertrieb zu sorgen, auch im Sinne der rund 200 Verkäufer des Unternehmens. "Wenn ein Autohändler glaubt, dass er morgen Ware braucht, dann sollte er das nicht tun – genauso wenn er damit rechnet, dass morgen die Abwrackprämie kommt", gibt Steeger zu bedenken. Grundsätzlich geht er davon aus, dass man die verfügbaren Fahrzeuge in den nächsten Monaten nicht verschleudern müsse, wenn die Kunden einmal verstanden hätten, dass Neuwagen Mangelware seien.

Auch zu staatlichen Kaufanreizen, wie sie bereits mehrfach in den letzten Tagen gefordert wurden, hat der Geschäftsführer eine klare Meinung: "Es ist unabdingbar , Kaufanreize à la Umweltprämie für Privatpersonen zu schaffen, um den Absatz anzukurbeln. Dieses kann und muss auch unter umweltpolitischen Aspekten für alle Antriebsformen erfolgen." Dieses müsse schnell gehen, damit die Käufer nicht zusätzlich zur jetzigen Kaufzurückhaltung in eine Warteposition gingen und der Schaden noch größer werde.

30 Prozent der Mitarbeiter in Kurzarbeit

Wie er die aktuelle Lage des Unternehmens bewerte? "Wir sind solide aufgestellt. Aber auch wenn wir jetzt die letzten Häuser wieder aufmachen, werden wir am nächsten Tag nicht im Geld ersticken", gibt sich Steeger realistisch. Einen KfW-Kredit über 800.000 Euro habe sein Unternehmen bewilligt bekommen. "Aber auch nur, weil der Staat mittlerweile mit 100 Prozent haftet. Ansonsten haben es Autohändler generell schwer mit Krediten", betont er.

Um die Zahlungsfähigkeit zu sichern, habe das Autohaus König eingeführt – rund 30 Prozent der Mitarbeiter seien aktuell betroffen. "Wir haben alles auf den Prüfstand gestellt und unter anderem personelle Konsequenzen im Marketing, in der zentralen Verwaltung, Disposition und Buchhaltung getroffen." Zudem habe die Autohandelsgruppe auslaufende Arbeitsverträge erst einmal nicht verlängert und das Budget für Werbemaßnahmen eingefroren.

Steeger sieht in der Corona-Krise nun den passenden Zeitpunkt, um über Arbeitsläufe und Optimierungspotenzial im Betrieb nachzudenken. "Neben der Digitalisierung geht es auch um Rationalisierung. Die Krise bewirkt, dass man sich nun traut, Dinge im Unternehmen durchsetzen, die vorher eher undenkbar gewesen sind." Das sei auch eine Chance.

Das Autohaus Gotthard König ist der größte Renault- und Dacia-Partner in Deutschland. Seit 2016 sind die Berliner auch offizieller Vertragshändler für die Marken Jeep und Fiat. Anfang 2017 kam Alfa Romeo hinzu. An aktuell 52 Standorten in Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen arbeiten 950 Beschäftigte.


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