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Fahrbericht McLaren 765 LT: Ferrari im Fegefeuer

Fahrbericht McLaren 765 LT
Ferrari im Fegefeuer
Der McLaren 765 LT geht im Oktober zu Preisen ab 326.560 Euro in den Handel.
© Foto: McLaren

McLaren steht am Scheideweg. Doch bevor die Briten einen Neuanfang wagen, bündeln sie noch einmal Genie und Wahnsinn und krönen ihre Super Series mit einem neuen Longtail-Modell. Das ist so heiß, dass es buchstäblich Feuer spuckt. Und manch ein Ferrari-Fahrer wird sich daran verbrennen.

Von Benjamin Bessinger/SP-X

Der McLaren F1 war der König der Überholspur und der "Longtail" seine Krönung. Denn kein anderer Supersportwagen der Neunziger war so scharf und schnell wie die für den LeMans-Einsatz gebaute Hardcore-Version und der zur Homologation aufgelegte Straßen-Zwilling. Das ist jetzt bald 30 Jahre her und seit geraumer Zeit schreiben die Briten an dieser Legende weiter: Erst mit dem 675 LT von 2015, dann mit dem 600 LT aus dem letzten Jahr und nun mit dem 765 LT, der im Oktober zu Preisen ab 326.560 Euro in den Handel geht. Das ist nicht nur der bislang mit Abstand stärkste und schnellste Longtail, das Original aus den Neunzigern eingeschlossen. Vor allem ist er so etwas wie das Kondensat dessen, was McLaren bislang erreicht hat. Denn kurz bevor bei den Briten mit einem neuen Karbon-Chassis, dem ersten Hybrid-Antrieb und ausreichend frischem Geld hoffentlich eine neue Ära beginnt, krönt er quasi als "Best-Of" die bestehende Plattform und mit ihr die so genannte Super Series. Selbst der viel gelobte 720S, der dem Longtail als Basis dient, wirkt im direkten Vergleich fast handzahm und friedfertig.

Aber es sind auch deutlich mehr als das mächtig nachgeschärfte Design und die von 720 auf notabene 563 kW / 765 PS angehobene Leistung des 4,0 Liter großen V8-Turbos, die hier den Unterschied machen. Der Longtail ist gewaltige 80 Kilo leichter als der ohnehin schon schlanke 720S, jede Sehne ist zum Bersten gespannt und die Sinne sind scharf wie bei einem Raubtier vor dem Angriff.

Alle Nerven gespannt und Sinne geschärft

Und zu fühlen gibt es einiges: Wenn der Startknopf den 4,0 Liter großen V8-Motor im Nacken zündet, sind beim Fahrer und seinem Wagen alle Nerven gespannt und alle Sinne geschärft. Wenn 765 PS und bis zu 800 Nm das kaum mehr als 1,2 Tonnen schwere Fliegengewicht dem Horizont entgegenschleudern, schwappt eine Springflut von Adrenalin durch den Körper und bis nach gerade einmal 2,8 Sekunden Tempo 100 erreicht ist, ist das Kleinhirn schon darin versunken. Man erlebt es deshalb wie im Rausch, wenn der McLaren weiter Fahrt aufnimmt, nach atemlosen 7,0 Sekunden die 200er-Marke reißt und ohne Unterlass weiterstürmt, bis einen der Mut verlässt, die Moral doch noch die Oberhand gewinnt oder man tatsächlich die Spitze von 330 km/h erreicht. Zwick mich, ich glaub ich träume!

Obwohl der Longtail die Konkurrenz von Ferrari & Co mit den Flammen, die bisweilen aus seinen vier Titanendrohren schlagen, förmlich ins Fegefeuer schickt, so chancenlos wie Ferrari 488 Pista oder Lamborghini Aventador SVJ gegen ihn sind, muss man kein Dompteur sein, um dem Wagen Herr zu werden. Im Gegenteil: Perfekt abgestimmt und mit einer eindrucksvoll präzisen Lenkung gesegnet, fährt man den 765 LT selbst dann noch mit dem kleinen Finger, wenn man längst schon das Messer zwischen den Zähnen hat. Erst wenn man im radikal reduzierten Cockpit die beiden Schalter für Handling und Powertrain in den Trackmode dreht und das jetzt dreistufige ESP ganz ausschaltet, sollte man vielleicht besser doch beide Hände an das griffige Lenkrad nehmen. Denn auch 25 Prozent mehr Abtrieb, Pneus mit der Haftkraft von Pattex sowie die Bremsen des irrwitzigen Senna können nur begrenzt verhindern, dass man nicht irgendwann doch den Abflug macht.

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McLaren 765LT (2021)
McLaren 765LT (2021)

So spektakulär die Fahrleistungen sind und so hemmungslos der McLaren den Reiz des Rasens auch auslebt – fehlt dem Langtail das große Drama, das Spektakel das andere Sportwagen mit so viel Power und Speed machen. Er ist laut, aber er lärmt nicht. Er hat brachiale Kräfte, aber keinen brutalen Charakter. Und er ist bei all seiner Potenz kein testosterongetränkter Poser, der nur für den schönen Schein gebaut ist. Stattdessen bietet er trotz der engen Karbonschalen, der noch einmal abgesenkten Trimmlage und dem spürbar versteiften Fahrwerk genügend Restkomfort für die langen Transferfahrten zwischen den Rennstrecken und wird so tatsächlich zu einem Typen für alle Tage. Ein Ferrari ist eine versnobte Diva dagegen und ein Lamborghini eine zickige Furie. Der McLaren dagegen ist Profi durch und durch: Kühn, kühl und kalkulierbar und trotzdem charmant und herzerwärmend.

Motor thront unter neuer Abdeckung

Dabei geht es den Briten aber nicht nur um den profunden Antritt, sondern auch um den perfekten Auftritt. Deshalb haben nicht nur die Ingenieure den Longtail nachgeschärft. Auch die Designer haben noch einmal zugelangt und den 720S vor allem an jener Partie überarbeitet, die andere Verkehrsteilnehmer am häufigsten sehen werden: dem Heck. So thront der Motor jetzt unter einer neuen Abdeckung mit auffälligen Kühllöchern, die Heckschürze besteht fast nur noch aus feinem Lochblech und aus der offenen Konstruktion glühen einem die vier blau angelaufenen Titan-Posaunen entgegen. Dazu gibt’s innen als absoluten Clou ein beleuchtetes Schaufenster, durch das der Schulterblick des Fahrers direkt aufs Triebwerk fällt. Nur länger ist der Longtail dabei, vom neun Millimeter größeren Spoiler einmal abgesehen, nicht geworden. Denn die knapp fünf Zentimeter, die den Unterschied vor allem ausmachen und den Namen rechtfertigen, gehen allein auf das Konto des neuen Frontsplitters, der scharf und spitz wie die Klinge eines Rasenmähers aus dem Bug ragt.

Zwar ist der Longtail mit einem Grundpreis von 326.560 Euro eine extrem teure Angelegenheit. Aber Geld darf bei diesem Vergnügen keine Rolle spielen. Denn die 765 Exemplare, die McLaren vom Longtail bauen will, sind schon fast alle verkauft. Und selbst wenn die Briten halbwegs heil durch die Krise kommen, wird es auf dem neuen Chassis und mit dem neuen Hybrid-Antrieb so ein Auto ganz sicher nicht mehr geben.


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