In den besseren Kreisen dieser Welt ist Protzen tabu. Der Geldadel spricht leise, trägt Maßanzug statt Logoshirt und reist lieber im Privatjet als in der First Class. Diese Haltung möchte auch die Maybach S‑Klasse verkörpern. Sie will kein Spielzeug für Neureiche sein, sondern ein Statement für Superreiche, die ohnehin gesehen werden.
Evolution statt Revolution
Mercedes hat seinen Häuptling aller Luxuslimousinen jetzt umfassender überarbeitet als je zuvor. 2.700 Teile sind neu, über 50 Prozent des Fahrzeugs wurden angefasst und aktualisiert. Trotzdem scheint sich auf den ersten Blick wenig verändert zu haben. Die Maybach S‑Klasse ist nach wie vor ein Sinnbild für Opulenz, verschwenderischen Luxus und edle Größe. Von der langen S‑Klasse distanziert sich das Maybach-Pendant noch einmal um 18 Zentimeter, die Beinfreiheit im Fond ist 14 Zentimeter üppiger, das beeindruckende Gesamtmaß beträgt 5,48 Meter.
Der "Zwirn" sitzt perfekt wie zuvor, doch wie bei einer Villa in bester Lage steckt die eigentliche Pracht im Detail. Der Kühlergrill wächst um 20 Prozent, trägt nun eine beleuchtete Kontur und wirkt noch imposanter. Das neue Superlicht "Digital Light" mit 25.000 Dioden pro Scheinwerfer hat eine um 40 Prozent höhere Lichtausbeute und leuchtet bis zu 600 Meter weit. Kugelgelagerte Radnaben sorgen dafür, dass der Stern stets aufrecht steht. Die imposante Motorhaube ziert künftig eine Finne, roségoldene Akzente in den Scheinwerfern sorgen für eine Prise Juwelierkunst. Selbst der Maybach-Schriftzug leuchtet jetzt dezent im Grillrahmen. Auf Wunsch werden – in Ländern, wo es erlaubt ist – auch das Emblem an der C‑Säule und der klassische Stern auf der Motorhaube illuminiert. Statussymbolik für Menschen, die Status schon im Familiennamen tragen.
Erste Klasse im Fond
Wer sich für den Tycoon aller S‑Klassen interessiert, wird allerdings selten selbst hinter dem Steuer sitzen. Wofür gibt es schließlich Personal? Entscheidend ist daher die Frage: Wie reist es sich im Fond? Bereits beim Öffnen der optionalen automatischen Komforttüren beginnt die Luxusreise. Die Tür unseres Testwagens gleitet lautlos auf, der Maybach-Schriftzug wird auf den Boden projiziert. Man steigt nicht ein – man betritt eine andere Welt. Ein Luxus-Habitat, das wir sonst nur aus edlen Biotopen vom Schlage eines Rolls-Royce Ghost oder Bentley Flying Spur kennen. Die mit schwarzem Klavierlack belegte Mittelkonsole in Schiffsdeckoptik erinnert an eine Business-Lounge.
Dort finden die versilberten Champagnerkelche von Robbe & Berking ihren festen Platz, dahinter wartet ein Kühlfach auf den passenden Jahrgang. Elektrisch verstellbare Luftdüsen fächern per Fernbedienung eine kühle Brise zu, die beiden Ottomane mit ausfahrbaren Fußstützen massieren nun auch gestresste Waden. So lässt sich die Fahrt zum Opernball oder zum nächsten Davos-Termin mit perfekt temperiertem Schaumwein stilecht verkürzen. Auf Wunsch auch zu fünft – dann ersetzt eine Bank die hinteren Chefsessel.
Digitale Concierge-Welt
Überhaupt fühlt man sich im Innenraum wie im Epizentrum des Jetsets. Auf Wunsch erzeugen offenporige Hölzer, neue Stoffe und raffinierte Lichtinszenierungen eine gediegene Atmosphäre für Eliten. Erstmals bietet Maybach ein lederfreies Interieur an. Aufwendige Steppungen und grundsätzlich doppelte Ziernähte treffen zwar nicht jedermanns Geschmack, kreieren aber ein Ambiente, bei dem sofort klar ist: Billig ist hier gar nichts.
Zwei 13,1‑Zoll-Bildschirme im Fond ermöglichen den Zugriff auf Entertainment‑, Komfort‑ und Fahrzeugfunktionen. Die Ambientebeleuchtung reagiert sogar auf Sprachbefehle – unaufdringlich, nicht peinlich. Wie eine Lichtregie bei einer exklusiven Gala. Während die Maybach-Welt hier drinnen zeitlosen Luxus liefert, zieht – ganz dezent – die Zukunft mit ein. Erstmals bietet das neue Betriebssystem MB.OS seine Dienste auch für die Edel-Tochter von Mercedes an. Was technisch klingt, verändert das Nutzererlebnis grundlegend. Die vierte Generation des MBUX-Systems arbeitet schneller, intelligenter und persönlicher. Der neue Virtual Assistant greift auf künstliche Intelligenz von Microsoft, Google und ChatGPT zurück. Er versteht komplexere Zusammenhänge, erinnert sich an frühere Gespräche und entwickelt sich zum perfekten digitalen Concierge.
Souveräne Kraftentfaltung
Unter dem aufwendig veredelten S‑Klasse-Blech hat Mercedes ebenfalls kräftig investiert. Die Motorenpalette wurde umfassend modernisiert und elektrifiziert. Neuer Chef-Beschleuniger ist der S 680 mit weiterentwickeltem Motor und einem 17‑kW-Startergenerator. Die Kombination liefert bis zu 467 kW / 635 PS und über 1.000 Newtonmeter Systemdrehmoment. Die Kraftentfaltung erfolgt mit jener Selbstverständlichkeit, mit der ein Butler den Champagner nachschenkt. Mit 4,0 Sekunden auf 100 km/h ist der S 680 nun der spurtschnellste Maybach. Power ist jederzeit vorhanden, das Glas immer mindestens halbvoll. Und ja: Beim vollen Beschleunigen hört man den Achtzylinder sonor grollen. Das wollen die Kunden – heißt es.
Alternativ gibt es den S 580 mit ebenfalls modernisiertem Achtzylinder und Mildhybrid (395 kW / 537 PS) sowie den Plug‑in-Hybriden S 580 e (430 kW / 585 PS). Letzterer schafft rund 100 Kilometer rein elektrisch und dürfte insbesondere in Metropolen interessant sein, in denen Luxus zunehmend geräuschlos vorfahren soll. Auf einigen Märkten wie China, USA, Südkorea oder in den Golfstaaten bleibt dagegen der legendäre Zwölfzylinder im Programm.