Blindflug und die Mär des Multitaskings: Mit Sophie unterwegs zum Kindergarten und im Mietwagen

26.10.2026 17:28 Uhr | Lesezeit: 6 min
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Warteten vergangene Woche in Ismaning mit neuesten Studienergebnissen des AZT Automotive zum Thema "Swipe.Tap.Crash" auf, womit sinnbildlich das "Wischen" und Tippen" auf einem Smartphone während der Fahrt gemeint ist, bis es schließlich zu einem Unfall kommt: Allianz-Schadenvorständin Lucie Bakker und Frank Sommerfeld, CEO Allianz Versicherungs-AG.
©Foto: Walter K. Pfauntsch

Um die tatsächlichen Gefahren von Ablenkungen am Steuer auf dem Allianz Motor Day noch "plastischer" zu machen, gingen Frank Sommerfeld, CEO der Allianz Versicherungs-AG und seine Vorstandskollegin Lucie Bakker mit dem internationalen Medienpublikum auf eine gemeinsame Autofahrt mit der fiktiven Figur namens Sophie.

Der Alltag der 32-jährigen Softwareentwicklerin und Mutter sollte exemplarisch zeigen, wie schnell kritische Situationen entstehen können. Überzeugend wurde zunächst verdeutlicht, dass Multitasking ein Mythos ist. Menschen können zwar zwischen zwei Aufgaben sehr schnell hin und her wechseln, aber nicht gleichzeitig zwei konzentrierte Tätigkeiten ausführen – es sei denn, eine läuft unbewusst ab wie das Gehen.

Bei kritischen Situationen, besonders beim Autofahren, ist dieses schnelle Wechseln dagegen fatal, da keine Reaktionszeit zum Sagen von "Halt, einen Moment" bleibt. Entsprechend besorgniserregend fielen die Statistiken sus: 62,8 Prozent der Bevölkerung nutzen ihr Mobiltelefon, während sie andere Dinge tun; bei 16- bis 30-Jährigen sind es 33,1 Prozent, und persönliche Erfahrungen deuten darauf hin, dass bei Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren die Quote sogar bei 100 Prozent liegt.

Sophies Fahrt zum Kindergarten

Die erste Szene zeigt Sophie bei einer morgendlichen Fahrt zum Kindergarten. Bei 50 km/h wendet sie sich ihrem weinenden Sohn zu und hilft ihm drei Sekunden lang – dies entspricht 41,7 Metern Blindfahrt. Danach sucht sie zwei Sekunden lang nach einem Lied auf dem Touchscreen, was weitere 27,8 Meter bedeutet. Insgesamt fährt Sophie etwa 69,5 Meter blind, bevor sie ihren Sohn sicher abliefert. Dabei hatte sie Glück: Ein Ball rollt auf die Straße, aber Sophie bemerkte es rechtzeitig und bremste ab.

Die Statistik der Ablenkung

Naturalistisches Fahrdatenverhalten aus den USA zeigt, dass Fahrer in 52 Prozent aller alltäglichen Fahrsituationen in irgendeiner Weise abgelenkt sind – und meistens passiert nichts. Dies schafft jedoch eine gefährliche Illusion von Kontrolle. Wenn Ablenkung auf einen kritischen Moment trifft, ändert sich das Bild fundamental. Die Forscher des Allianz Zentrum für Technik schätzen, dass Ablenkung bei mindestens 30 Prozent aller Unfälle eine Rolle spielt oder diese verursacht. Allerdings wird in offiziellen Polizeiberichten Ablenkung nur in 1,4 Prozent der Fälle als Hauptursache erfasst – auch, weil sich der eigentliche Unfallgrund oft nur schwer nachweisen lässt und stattdessen häufig "nicht angepasste Geschwindigkeit" oder ähnliche Gründe benannt werden. Bei detaillierter Analyse finden Unfallforscher jedoch in fünf Prozent deutliche Zeichen von Ablenkung und in bis zu 13 Prozent mögliche Anzeichen. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher.

Eine Befragung von Fahrern in neun Ländern – Deutschland, UK, Italien, Spanien, Frankreich, Schweiz, Österreich, Brasilien und Australien – ergab, dass in 73 Prozent aller Fälle die Befragten angaben, dass Ablenkung definitiv oder möglicherweise eine Rolle in einem selbst verursachten Unfall in den letzten drei Jahren gespielt hatte. In Italien betrug dieser Anteil sogar 87 Prozent. Telemetriedaten aus den USA zeigen, dass in 34 Prozent der Unfälle der Fahrer in der Minute vor dem Unfall sein Telefon benutzte.

Das Risiko von Sekundenbruchteilen

Ein wichtiger Aspekt ist das Verständnis von Zeit und Entfernung: Bei 100 km/h entsprechen zwei Sekunden 55,6 Metern – eine beträchtliche Distanz, die blind zurückgelegt wird. Wenn die Augen zwei Sekunden von der Straße abgelenkt sind, erhöht sich das Unfallrisiko um den Faktor zwei. Bei vier Sekunden verstärkt sich die Gefahr erheblich. Die EU hat darauf reagiert und fordert seit Juli 2026 für alle neuen Fahrzeugmodelle und seit Juli 2024 für neue Fahrzeugtypen Warnsysteme gegen Fahrerablenkung – allerdings reagieren diese erst nach 3,5 Sekunden, was in einer Notsituation bereits zu spät sein kann.

Das Beispiel des Mietwagens

Später am Tag muss Sophie einen Firmenwagen aus der Flotte fahren – ein Auto, das sie noch nie gefahren hat. Bei 120 km/h und starkem Regen möchte sie die Scheibenwischer schneller einstellen, findet aber keinen Schalter oder Hebel. Sie muss also zum Touchscreen greifen, das Menü navigieren und vier Sekunden lang nach der Wiper-Einstellung suchen. Dies entspricht 133 Metern Blindfahrt und demonstriert ein Designproblem: Tesla beispielsweise entfernte die Schalter aus dem Model 3 im Jahr 2023, war dann aber gezwungen, sie zwei Jahre später nach massiven Kundenbeschwerden wieder einzubauen.

Die Stau-Situation

Am Abend sitzt Sophie in einer Stop-and-Go-Situation im Feierabendverkehr. Bei 8 km/h greift sie nach ihrem Telefon – drei Sekunden, um eine Nachricht zu schreiben. In diesem Moment bremst das Auto vor ihr ab. Sophie bemerkt es nicht, aber ihr Fahrzeug erkennt die Situation und bremst automatisch ab, da sie den Stop-and-Go-Assistenten aktiviert hat. Dies rettete sie vor einem Unfall.

Umfragen zeigen, dass 50 Prozent aller Befragten ihr Telefon in Stop-and-Go-Situationen nutzen würden, und 27 Prozent geben zu, dies gelegentlich oder häufiger zu tun. Die geringe Geschwindigkeit vermittelt einen falschen Eindruck von Sicherheit. Allerdings ist das automatische Notbremsen erst seit 2024 für alle Neuwagen verpflichtend und funktioniert nur ab 10 km/h – Sophies Fahrzeug war mit einem adaptiven Tempomat ausgestattet, der automatisch bremst und anhält, was nur in 12 Prozent der Fahrzeuge von 2023 installiert war. Ein solches System hilft jedoch nur, wenn der Fahrer es aktiv einschaltet.

Fazit

Der Vortrag machte deutlich, dass Ablenkung ein unterschätztes Risiko ist, das systematisch unterschätzt wird, da es in den meisten Fällen zu keinem Unfall führt. Sophie ist nicht leichtfertig – sie tut das, was die meisten Menschen täglich tun. Doch die Kombination aus Ablenkung und kritischen Momenten ist gefährlich. Technische Systeme wie Notbremsung und adaptive Tempomaten können helfen, aber sie sind nicht flächendeckend vorhanden, und ihre Wirksamkeit hängt davon ab, dass Fahrer sie bewusst nutzen.

HASHTAG


#Ablenkungsunfälle

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