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Goslar Institut: "Big Data in der Mobilität"

Coronabedingt fand die diesjährige Diskussionsveranstaltung des Goslar-Institut zum Thema "Big Data in der Mobilität" wieder virtuell statt. Moderatorin Carola Ferstl schaltete sich "ihre" Experten per Bildschirm zu.
© Foto: Goslar Institut

Eine neue Studie des Goslar Institiuts zeigt, dass Verkehrsteilnehmern durchaus bewußt ist, viele Mobilitätsdatenspuren zu hinterlassen. Unterschätzt werden aber – gerade von Autofahrern – die vielfache Vernetzung und auch die schiere Zahl der "nach außen" verteilten Daten.


Datum:
07.03.2022
Lesezeit: 
14 min
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Der moderne Mensch hinterlässt immer mehr digitale Fußabdrücke. Ob beim Surfen im Netz oder beim Absenden einer Mail: Jedes Mal, wenn wir zu Smartphone und Laptop greifen, Apps nutzen oder via Internet einkaufen, hinterlassen wir digitale Spuren.

Zeitgemäße Autos mit ihren elektronischen Assistenten generieren ebenfalls immer mehr Daten – nicht nur zur Position und Bewegung des Fahrzeugs, sondern auch zu dessen technischen Daten, zum Fahrer selbst, etwa seine Aufmerksamkeit bzw. Müdigkeit betreffend, sowie zur jeweiligen Umgebung. Diesen Daten wohnt ein großes Potenzial zur Vernetzung inne, die derzeit nach Expertenmeinung erst noch in den Anfängen steckt. Nach Ansicht der Fachleute ist jedoch davon auszugehen, dass in Zukunft immer mehr solcher sogenannter Mobilitätsdaten untereinander sowie mit externen Kontextdaten verknüpft und für immer mehr unterschiedliche Zwecke genutzt werden.

In einer neuen, von der HUK-COBURG geförderten Studie zum Thema "Big Data in der Mobilität" für die Studiengesellschaft für verbrauchergerechtes Versichern e.V., das Goslar Institut, zeigte sich ein breites Bewusstsein der Verkehrsteilnehmer, viele Mobilitätsdatenspuren zu hinterlassen. Doch die Menge und Vernetzung dieser Daten wird unterschätzt, insbesondere beim Auto, erklärten die Verfasser der neuen Studie beim diesjährigen Goslar Diskurs.

Die inzwischen schon traditionelle Diskussionsveranstaltung fand wegen der Corona-Pandemie auch in diesem Jahr wieder rein virtuell statt. Die zugrundliegende Studie basiert auf einer mehrwöchigen Onlinecommunity, in der eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern und ihre Datenspuren über mehrere Wochen hinweg detailliert beobachtet und analysiert wurden. Mit einbezogen wurden mehrere Diskussionsrunden mit hochrangigen Experten aus Politik, Wirtschaft, Medien, Verbänden und der Wissenschaft, sowie auf einer ergänzenden Medienanalyse zum Thema Daten und Mobilität.

Vom Kopf auf die Füße

Im Vergleich mit der ersten, gleichfalls von der HUK-COBURG geförderten Studie des Goslar Instituts zur "Big-Data-Debatte" von 2019 stellen die Verfasser nun jedoch fest, dass inzwischen nicht mehr ein überwiegend "düsterer Blick" auf Big Data in der Mobilität vorherrscht, wie die Mitautorin der Untersuchung, Prof. Dr. Susanne Knorre von der Hochschule Osnabrück, berichtet. Vielmehr sei der Blick nun vor allem auf die Chancen gerichtet, teilt Knorre als ein wesentliches Resultat der neuen Studie mit. "Damit dreht sich die Datenschutzthematik vom Kopf auf die Füße", sagte die Professorin der Hochschule Osnabrück beim Goslar Diskurs. Jetzt werde zuerst danach gefragt, was man mit den vorhandenen Daten machen könne und welcher gesellschaftliche sowie individuelle Nutzen entstehe. Danach erst werde geprüft, wie dieser Nutzen datenschutzkonform zu realisieren ist. Insofern sei ein Perspektivwechsel zu beobachten, meint die Wissenschaftlerin.

"Ständige digitale Begleiter"

Digitale Services in der Mobilität sind für Menschen unterdessen sehr wichtig geworden, wie Prof. Horst Müller-Peters von der Technischen Hochschule Köln als weiteres Ergebnis der Erhebungen im Rahmen der neuen Studie mitteilte. Man will diese Dienste nicht mehr missen, so der Mitautor der Untersuchung. Denn sie seien zu einem ständigen Begleiter geworden, der in Form der Verkehrsassistenzsysteme einen Zugewinn an Sicherheit biete, aber auch an Komfort und Entspannung. "Vor allem geben uns die digitalen Services mehr Freiheit sowie Kontrolle und erweitern dadurch unseren Möglichkeitsraum erheblich", stellte Prof. Müller-Peters beim Goslar Diskurs fest.

Auch er betont, dass sowohl bei Verkehrsteilnehmern als auch Experten beim Blick auf Mobilitätsdaten der Nutzen der Daten im Vordergrund steht. Denn die digitale Vernetzung im Verkehr bedeute einen Gewinn an Nachhaltigkeit, an Effizienz, an Autonomie, an Sicherheit und auch an Bequemlichkeit, begründet der Experte die Einschätzung der Bürger und Experten. Im Vergleich dazu rücken die Bedenken in Bezug auf den Datenschutz in den Hintergrund. Allerdings bestehen nach wie vor Befürchtungen um die Sicherheit der Daten und darüber, dass die Daten unmittelbar gegen den Verkehrsteilnehmer verwandt werden könnten, erläutert der Professor.

Mehrheit sieht Vorteile in der Vernetzung

Insgesamt wird in der neuen Studie des Goslar Instituts deutlich, dass bei allen an Mobilität beteiligten Gruppen überwiegend die Vorteile der Vernetzung im Verkehr wahrgenommen werden. Im Rahmen der Analyse kartierten die Wissenschaftler, welche Daten wo und in welcher Menge anfallen sowie welche "Macht" (Prof. Müller-Peters) – im Positiven wie im Negativen – diese Daten haben, wenn sie untereinander und mit Kontextdaten, also Informationen von dritter Seite, verknüpft werden. Letzteres können demnach etwa Auskünfte zum Standort oder zum Wetter sein. Aus dieser Datenstruktur können neue umfassende Services geschaffen werden, die den Verkehrsteilnehmern zum Vorteil gereichen. Diese Sichtweise hat sich bei den Nutzern der Dienste inzwischen durchgesetzt, wie die Studie ausweist.

Breite Datenspur

Allen Studienteilnehmern ist dabei bewusst, dass sie eine relativ breite Datenspur hinterlassen in Form von Standortdaten, Bewegungsdaten oder auch Kommunikationsdaten. Von der schieren Menge dieser Daten waren die Teilnehmer allerdings doch überrascht, wie die Verfasser der Untersuchung feststellten, ebenso wie von den Möglichkeiten, die sich durch die Verknüpfung dieser Informationen ergeben. Letztlich ist den Wenigsten demnach bewusst, wie breit tatsächlich die Datenspur ist, die wir alle hinterlassen.

Vom "Krümelmonster" bis zum "diskreten Auto"

Dabei reichen die Wahrnehmungen der befragten Studienteilnehmer von "Ich verteile Daten wie das Krümelmonster Krümel" bis zu "Ich denke, dass ich mit dem Auto nur wenige Datenspuren hinterlasse". Ein weiterer Tenor der Befragten ging in die Richtung "Ich hoffe, dass mein Auto diskret ist."

Worum aber handelt es sich bei den angesprochenen Mobilitätsdaten konkret? Zum einen um technische Daten zum Fahrzeug, wie Prof. Dr. Nadine Gatzert von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg erläutert. Die Wirtschaftsmathematikerin ist ebenso wie Prof. Dr. Fred Wagner von der Universität Leipzig an der Erstellung der neuen Studie "Big Data in der Mobilität" für das Goslar Institut beteiligt. "Wir alle generieren laufend sehr viele Mobilitätsdaten", stellt Prof. Gatzert fest, nicht nur durch die Nutzung von modernen Fahrzeugen, sondern auch von Smartphones, Apps, sogenannten Sharing Services, öffentlichen Verkehrsmitteln und ebenfalls Fitness-Armbanduhren.

Auto mit seinen Kameras und Sensoren komplett unterschätzt

Als Datensammler noch weniger bekannt als das Smartphone ist das Auto. Das macht die Auswertung von Antworten der für die Studie Befragten deutlich. "Das Fahrzeug wird bislang vergleichsweise unterschätzt", konstatiert Prof. Gatzert. Da man vergisst, was über die Kameras und Sensoren der technischen Assistenzsysteme alles an Mobilitätsdaten aufgezeichnet wird sowie zum Fahrerprofil selbst.

Besonders spannend in diesem Zusammenhang ist die Frage, wer auf diese Daten zugreifen dürfen soll. "Da sind die Verbraucher wählerisch, zeigen ein Bewusstsein dafür, dass es um ihre Daten geht und wollen für ihre Herausgabe einen Vorteil genießen", betont Prof. Müller-Peters. Benefits also, wie sie etwa die Telematiktarife der Kfz-Versicherer bieten.

Geringe Transparenz

Aber ist es tatsächlich so, dass nur die Daten zur weiteren Nutzung frei sind, von denen die Verbraucher dies wollen? Oder verteilt man vielmehr Daten auch dann, wenn man gar nicht damit rechnet? So wie das zuvor zitierte Krümelmonster? Laut Prof. Gatzert ist dies in den meisten Fällen so, weil die entsprechenden Freigaben in Smartphone, Apps und auch Autos nicht entsprechend blockiert werden. Die Expertin bemängelt in diesem Zusammenhang, dass die Transparenz bei solchen Datenfreigaben vielfach noch deutlich zu gering ist. Das heißt, für die Nutzer solcher Geräte, insbesondere aber der Autos, ist es oft schon sehr schwierig, die Einstellmöglichkeiten zur Datennutzung überhaupt zu finden. Zudem hat sich in der Community gezeigt, dass die Beschäftigung mit den eigenen Datenspuren unangenehm ist und wenig Nutzen verspricht.

Dies führt demnach dazu, dass man unbewusst mehr Daten weitergibt als einem bewusst oder lieb ist. Auch das macht die aktuelle Studie des Goslar Instituts zu den "Big Data in der Mobilität" deutlich. Überraschend sei für viele Studienteilnehmer nicht nur die Menge und Breite der Daten gewesen, die ein modernes Auto generieren kann, sondern ebenfalls zu erfahren, welche Möglichkeiten sich aus der Verknüpfung der reinen Mobilitätsdaten mit zusätzlichen Informationen zum persönlichen Alltag ergeben, berichtet Prof. Müller-Peters. Denn daraus lassen sich auch Rückschlüsse auf Lebensgewohnheiten, soziale Strukturen oder gar auf die Persönlichkeitsstruktur des Fahrers ziehen.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich zwangsläufig die Fragestellung, wem die Verbraucher die Nutzung ihrer Mobilitätsdaten anvertrauen wollen? Hierzu zeigten die Studienteilnehmer eine sehr pragmatische Einstellung, indem sie für ihre Daten im Gegenzug den größtmöglichen Nutzen für sich erzielen wollen: in Form von Sicherheit, Komfort, kurz bestmöglicher Mobilität, wie Prof. Knorre erläutert. Dabei gebe es die eindeutige Erwartung an die Unternehmen, die mit den Daten der Verkehrsteilnehmer arbeiten wollen, dass sie kurz und präzise vermitteln, was mit den betreffenden Mobilitätsdaten geschehen soll, fügt die Professorin für Kommunikationsmanagement hinzu. Unter dieser Voraussetzung bestehe die Bereitschaft, die eigenen Daten abzugeben bzw. zu teilen, berichtet die Wissenschaftlerin. In diesem Ergebnis der neuen Studie sieht sie grundsätzlich eine Bestätigung der Untersuchung des Goslar Instituts von 2019 zur "Big Data Debatte".

Autohersteller hüten "ihren" Datenschatz

Doch die Entscheidungsbefugnis der Verbraucher ist eingeschränkt, weil die Automobilhersteller den "Datenschatz", wie Fachleute die Mobilitätsdaten der Autofahrer bezeichnen, allein für sich reklamieren. Diese Einstellung widerspreche den legitimen Ansprüchen anderer Beteiligter, wie etwa von Verkehrsunternehmen oder Wissenschaft, aber auch von Versicherungen oder Marken-unabhängigen Dienstleistungsanbietern, macht Prof. Knorre deutlich. Deshalb plädiert sie für Lösungen, die den unterschiedlichen Ansinnen gerecht werden. In dem Zusammenhang müsse auch mehr über die gemeinsame Nutzung von Mobilitätsdaten nachgedacht werden, leitet die Professorin als Forderung aus der aktuellen Studie ab, etwa um Verkehrsträger-übergreifende Mobilitätslösungen finden zu können.

Auf einen solchen Perspektivwechsel, weg von der ausschließlich rechtlichen Betrachtungsweise, zielt die neue Studie des Goslar Instituts zu "Big Data in der Mobilität" ab. Denn eine pragmatische Diskussion über die vielen verschiedenen legitimen Ansprüche an die Mobilitätsdaten sei zielführender, postuliert Prof. Knorre.

Gemeinsam ließen sich die großen Vorteile von Big Data in der Mobilität besser nutzen, wie insbesondere ein Gewinn an Verkehrssicherheit, besserer Klimaschutz und Zuwächse bei der Wirtschaftskraft, erklärt auch Prof. Gatzert. Sie wünscht sich für die Wissenschaft ebenfalls mehr Zugang zu vernetzten Daten, um disziplinübergreifend besser forschen zu können. Bislang werde der gesellschaftliche Nutzen von Big Data für einen nachhaltigeren, klimafreundlicheren und zugleich sichereren Verkehr der Zukunft jedoch blockiert durch die divergierenden Eigeninteressen der unterschiedlichen Anspruchsgruppen, kritisiert auch Prof. Müller-Peters. Er spricht sich zur Auflösung dieses Konfliktes für mehr Flexibilität auch aufseiten des Gesetzgebers aus.

Für leichteren Zugang könnte aus Sicht der Wissenschaftler ebenfalls eine "Incentivierung" der Mobilitätsdaten beitragen, die den Verbrauchern zu der Möglichkeit verhilft, für die Weitergabe ihrer Daten einen direkten Vorteil zu erhalten. Denn auch bei den Verbrauchern bestehe grundsätzlich der Wunsch, Mobilitätsdaten zu teilen, unter der Voraussetzung eigener Entscheidungsfreiheit über die Verwendung dieser Informationen, zitierte Prof. Gatzert aus der neuen Studie.

Nutzenperspektive

Big Data sollte immer aus der Nutzenperspektive beurteilt werden, fasst die Wissenschaftlerin die bislang vorliegenden Erkenntnisse aus der neuen Studie des Goslar Instituts zusammen. Um den Kunden den Nutzen von Mobilitätsdaten erklären zu können, ist demnach insbesondere mehr Transparenz notwendig. Und es müsse einen größtmöglichen Schutz vor Daten-Missbrauch geben, damit Verbraucher zum Teilen ihrer Daten bereit sind.

Ein Grün- und ein Weißbuch zur Studie

Die neue Studie des Goslar Instituts zu "Big Data in der Mobilität" wird aus Aktualitätsgründen in zwei Teilen veröffentlicht. Jetzt erscheint ein sogenanntes Grünbuch, das sich auf die "Datenspuren der Verkehrsteilnehmer und Ansprüche der Stakeholder" konzentriert. Mit dem Grünbuch wird zudem ein Raum Mobiler Daten (RMD) geschaffen, wie das Goslar Institut ankündigt. In dem sollen zum einen die Forschungsergebnisse geteilt werden. Zum anderen soll die Wissenschaftsplattform dem Dialog über Big Data in der Mobilität dienen. Der zweite Teil und damit die gesamte Studie, die sich dann auch mit neuen Angeboten und den Nutzenpotenzialen auf Basis von Big Data in der Mobilität (für die Welt von morgen) beschäftigen soll, wird zum Goslar Diskurs Anfang 2023 als Weißbuch veröffentlicht. (kaf)

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