Der wegen des Verdachts auf Korruption und Einflussnahme in Frankreich angeklagte Ex-Autoboss Carlos Ghosn ist zu Prozessbeginn in Paris nicht vor Gericht erschienen. Für den in den Libanon geflohenen 72-Jährigen erschien auch kein Anwalt vor Gericht. Dem Ex-Renault-Nissan-Chef wird vorgeworfen, zwischen 2010 und 2012 ohne erkennbare Gegenleistung 900.000 Euro von einer niederländischen Tochterfirma der Renault-Nissan-Allianz an die mitangeklagte französische Ex-Kulturministerin Rachida Dati (60) gezahlt zu haben. Der Verdacht ist, dass die Zahlungen mit einer Lobbytätigkeit im Europaparlament für den Autokonzern zusammenhängen könnten. Dati war in diesem Zeitraum Abgeordnete des Europaparlaments. Ghosn werfen die Ermittler Machtmissbrauch und Korruption vor, Dati Bestechlichkeit. Beide wiesen die Vorwürfe zurück. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft sowie hohe Geldstrafen. Dati nahm zu Prozessbeginn auf der Anklagebank Platz. Nach längerer Beratung entschied das Gericht, den Prozess trotz der Abwesenheit Ghosns wie geplant auch gegen ihn zu führen.
Ghosn wird in Abwesenheit der Prozess gemacht
Ghosn hatte in einem Anwaltsschreiben eine Vertagung beantragt, weil er die Vorladung zu dem Prozess in Beirut angeblich nicht fristgerecht erhalten habe. Die Anwälte von Antikorruptionsverbänden, die an dem Verfahren beteiligt sind, warfen Ghosn vor, die französische Justiz an der Nase herumzuführen, und forderten, ihm in Abwesenheit den Prozess zu machen. Dies forderten auch die Staatsanwaltschaft sowie die Rechtsvertreter Datis. Dem folgte das Gericht später.
Flucht in den Libanon
Der Architekt des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubishi war am 19. November 2018 in Tokio unter anderem wegen Verstoßes gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Im April 2019 wurde er unter strengen Auflagen gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen. Ende Dezember desselben Jahres floh Ghosn auf abenteuerliche Weise, in einer Kiste versteckt, per Privatjet über die Türkei nach Beirut. Er ist unter anderem libanesischer Staatsbürger. Ghosn hat die Vorwürfe gegen ihn in Japan mehrfach zurückgewiesen. Den französischen Behörden warf er Justizhetze vor. Er sieht sich als Opfer einer Verschwörung, die eine engere Anbindung von Nissan an Renault verhindern sollte. Der Libanon liefert seine Staatsbürger nicht aus.