Verschleiß im Vergleich: Ein Bauteil ist die Schwachstelle

21.08.2026 16:37 Uhr | Lesezeit: 3 min
Hochvoltbatterie Volvo
Bei Reparaturen am E-Auto sind besondere Vorsichtsmaßnahmen nötig.
©Foto: Volvo

Wenig Wartung, kaum Verschleiß: Das Elektroauto hat viel weniger bewegliche Teile und kaum Flüssigkeits-Kreisläufe – das verspricht kostensparenden Betrieb. Was für Motor und Hochvolt-Akku gilt, ist jedoch an anderer Stelle des Stromers nicht so günstig. Und eine ganz klassische Pannenursache hat das E-Auto mit dem Verbrenner gemein.

Stromer versprechen ein langes sorgenfreies Auto-Leben; und sie halten das Versprechen: Eine Langzeit-Analyse von rund 30 Millionen britischen Hauptuntersuchungen zeigt beispielsweise, dass Elektroautos im Schnitt 18,4 Jahre alt werden; deutlich länger als Benziner. Die durchschnittliche Gesamtlaufleistung liegt bei 200.000 Kilometern, über dem Benziner-Schnitt von 187.000 Kilometern. Dieselfahrzeuge halten mit 257.000 Kilometern allerdings noch länger. Aber deren Wartung ist wegen Motoren mit zehnmal mehr Bauteilen und komplexer Getriebe, Abgasanlagen sowie Öl- und Kraftstoffkreisläufe prinzipiell viel aufwändiger.

Die verbreitete Annahme, ein Elektromotor verschleiße nicht, ist aber aus ingenieurwissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Der Verschleiß findet lediglich auf einer anderen physikalischen Ebene statt. Forschende kategorisieren die Hauptbelastungen unter dem Kürzel TEAM: Thermal, Electrical, Ambient und Mechanical. Besonders kritisch ist die Isolation der Wicklungen hauchfeiner Drähte im Stator. Durch extrem schnelle Spannungsanstiege können Spitzen von bis zu 1.800 Volt entstehen; und Teilentladungen, die die Isolationsmaterialien schleichend mürbe machen und letztlich zu Kurzschlüssen führen können.

Weiterer Schwachpunkt: Wälzlager

Ein weiterer Schwachpunkt sind die Wälzlager. Elektrische Erosion sorgt dafür, dass sich feine Rillen in die Laufflächen fressen. Das Lager versagt im Extremfall. Und die Permanentmagnete im Rotor können ihre Magnetkraft verlieren, wenn die Betriebstemperatur dauerhaft zu hoch liegt. Das verstärkt Vibrationen und belastet die Lager zusätzlich. Das thermische Management ist deshalb keine Komfortfunktion, sondern eine Überlebensfrage für den Motor.

Zwei Motoren, doppelte Sorgen - beim Plug-in-Hybriden müssen Verbrenner-Komponenten oft Schwerstarbeit leisten. Vor allem, wenn der Mensch am Steuer es plötzlich eilig hat. Dann springt der Verbrenner aus dem Kaltstand an und muss sofort unter Volllast arbeiten. Da Motorblock und Schmiermittel dann noch Umgebungstemperatur haben, ist die Schmierung in den Gleitlagern noch nicht stabilisiert. Das Öl ist dickflüssig, erreicht kritische Schmierstellen verzögert. Anlaufverschleiß ist die Folge.

Besonders tückisch: Der Hybrid-Controller schaltet den Motor oft wieder ab, sobald die Last sinkt — bevor er seine optimale Betriebstemperatur von rund 90 Grad Celsius erreicht hat. Es entstehen Dutzende solcher "Mikro-Kaltstarts" pro Woche. Kraftstoff und Kondenswasser gelangen dabei in das Kurbelgehäuse. Bei einem konventionellen Verbrenner verdampfen diese Fremdstoffe, sobald das Öl dauerhaft über 100 Grad Celsius erhitzt wird. Im Hybrid sammeln sie sich im Ölsumpf. Kraftstoff, der monatelang im Tank eines selten betriebenen Plug-in-Hybriden verbleibt, oxidiert zusätzlich und begünstigt Ablagerungen an den feinen Bohrungen der Einspritzdüsen. Die Injektoren sprühen dann nicht mehr als feiner Nebel, sondern in Tropfenform — Rußbildung und Kraftstoffeintrag ins Öl nehmen weiter zu.


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Aber auch der reine Stromer hat seine Verschleißprobleme: Abseits des Antriebsstrangs sorgen das hohe Gewicht und die spezifischen Drehmomentkurven von Elektroautos für überproportionalen Verschleiß an mechanischen Komponenten. Elektroautos verbrauchen Reifen mit einer Rate, die bis zu 30 Prozent über der von Verbrennern liegt. Das unmittelbar beim Anfahren verfügbare maximale Drehmoment erzeugt an der Kontaktfläche zwischen Gummi und Asphalt einen Mikroschlupf. Selbst wenn die Traktionskontrolle ein Durchdrehen verhindert, trägt jede Beschleunigung eine hauchdünne Gummischicht ab. Die Traktionsbatterie wiegt zwischen 300 und 650 Kilogramm — diese Last drückt bei Kurvenfahrten die Reifenflanken nach außen und führt zu ungleichmäßiger Abnutzung der Schultern.

Das Fahrwerk trägt zudem eine permanente Last, die einem vollbesetzten Verbrenner entspricht — noch bevor ein einziger Passagier einsteigt. Gummibuchsen, Querlenker und Koppelstangen unterliegen beschleunigter Materialermüdung. Der TÜV-Report 2026 zeigt, dass beispielsweise Tesla Model 3 und Model Y überdurchschnittlich oft durch Defekte an der Achsaufhängung auffallen, teils bereits unter 80.000 Kilometern Laufleistung.

Kurios: Bremsen, die schlicht nicht benutzt werden

Eines der kuriosesten Probleme bei Elektroautos ist nicht die Abnutzung, sondern das Gegenteil: Bremsen, die schlicht nicht benutzt werden. Elektrofahrzeuge generieren bis zu 90 Prozent ihrer Verzögerung über die Rekuperation des Elektromotors. Die mechanischen Reibbremsen aus Stahlguss rosten deshalb, weil sie nicht regelmäßig durch Bremsbeläge freigeschliffen werden. Im Winter, mit Feuchtigkeit und Streusalz, entsteht tiefer Rostfraß. Der beeinträchtigt nicht nur die Bremsleistung in Notsituationen, sondern führt regelmäßig zum Nichtbestehen der Hauptuntersuchung. Einige Hersteller wie Volkswagen kehren deshalb an der Hinterachse zur Trommelbremse zurück — gekapselt und korrosionsgeschützt.

Trotz all dieser Belastungen schneiden Elektroautos in der Gesamtbilanz bei den Wartungskosten besser ab. Der ADAC ermittelte, dass die Inspektionskosten für Elektroautos im Schnitt rund ein Drittel unter denen vergleichbarer Verbrenner liegen. Bei BMW beträgt der Vorteil bis zu 58 Prozent, bei Mercedes 45 Prozent, bei Volkswagen 44 Prozent. Der Grund ist einfach: Kein Motoröl, keine Zündkerzen, kein Zahnriemen, keine Abgasanlage.

Elektroautos sind keine Selbstläufer

Elektroautos sind keine Selbstläufer, die ewig ohne Aufmerksamkeit funktionieren. Reifen regelmäßig vermessen, Bremsen gezielt freischleifen, im Plug-in-Hybrid mindestens einmal monatlich eine längere Fahrt absolvieren, damit der Verbrennungsmotor auf Betriebstemperatur kommt — wer das beherzigt, kommt dem langen Leben seines Autos tatsächlich ein Stück näher.

Und wer nun erleichtert aufatmet, weil der große Hochvoltakku offenbar gar nicht das Sorgenkind ist, den holt die ADAC-Pannenstatistik unsanft auf den Boden zurück: Die meisten E-Auto-Pannen gehen auf eine defekte oder entladene 12-Volt-Starterbatterie zurück — jenes kleine, billige Bauteil, das schon den Verbrenner zuverlässig lahmgelegt hat, seit es ihn gibt. Und "Elektroautos haben häufig Pannen aufgrund von Problemen mit der Bordelektronik", so die Experten. Dies liege unter anderem daran, dass die 12-Volt-Batterie, die das Bordnetz versorgt, anfällig ist und oft schneller entladen wird. Die Pannenforscher vermuten, dass die Nutzer ihre Fahrzeuge per App deutlich häufiger "aufwecken" als von den Herstellern vermutet. Ganz viel Elektronik ist eben auch keine Lösung.


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KOMMENTARE

Reinhold Stoehr

23.08.2026 - 14:23 Uhr

18,4 Jahre Lebensdauer und „einfaches Kühlsystem“ – zwei Aussagen, die man genauer betrachten sollte Die Aussage, Elektroautos würden im Durchschnitt 18,4 Jahre alt, klingt zunächst beeindruckend. Allerdings stellt sich die Frage, was diese Zahl tatsächlich aussagt und auf welcher Datengrundlage sie beruht. Die häufig zitierte Zahl von 18,4 Jahren stammt aus einer britischen Studie, die rund 300 Millionen Daten aus Hauptuntersuchungen ausgewertet und daraus die Lebensdauer verschiedener Antriebsarten statistisch abgeschätzt hat. Die Studie selbst weist darauf hin, dass die Langlebigkeit von Elektrofahrzeugen bisher vergleichsweise wenig untersucht ist. Die 18,4 Jahre sind daher nicht einfach das Ergebnis einer 18,4 Jahre langen Beobachtung einer heutigen Generation von Elektrofahrzeugen. Vielmehr handelt es sich um eine statistische Prognose auf Basis vorhandener Fahrzeug- und Prüfdaten. Und genau hier sollte man kritisch nachfragen: Wie belastbar ist eine Aussage über eine durchschnittliche Lebensdauer von 18,4 Jahren bei einer Antriebstechnologie, deren heutige Generation erst seit relativ wenigen Jahren in größerem Umfang auf dem Markt ist? Man kann daraus durchaus ableiten, dass moderne Elektrofahrzeuge eine erfreulich hohe Zuverlässigkeit erreichen können. Man sollte daraus aber nicht den Eindruck erwecken, die tatsächliche Lebensdauer heutiger Elektrofahrzeuge sei bereits empirisch über 18 Jahre nachgewiesen. Auch beim Thermomanagement lohnt sich ein genauerer Blick Noch problematischer finde ich die Aussage, Elektroautos hätten kein aufwändiges Kühlsystem. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Elektrofahrzeug hat zwar keinen klassischen Verbrennungsmotor mit seinem großen Motorkühlkreislauf. Dafür müssen heute mehrere thermisch sehr unterschiedliche Systeme miteinander koordiniert werden: die Hochvoltbatterie, der Elektromotor, die Leistungselektronik und der Innenraum. Die Batterie muss je nach Betriebszustand sowohl gekühlt als auch beheizt werden. Gleichzeitig müssen Elektromotor und Leistungselektronik in ihrem optimalen Temperaturbereich gehalten werden. Bei modernen Fahrzeugen kommt zusätzlich die Wärmepumpe hinzu. Dadurch werden Kältemittelkreislauf und Kühlmittelkreisläufe miteinander gekoppelt. Je nach Betriebszustand können Wärmequellen und Wärmesenken unterschiedlich miteinander verbunden werden. Wärmetauscher, Pumpen, Ventile, Expansionsventile und Steuerungen müssen dabei zusammenspielen. Fachliteratur beschreibt deshalb ausdrücklich die hohe Komplexität des Thermomanagements moderner Elektrofahrzeuge. Das ist technisch durchaus anspruchsvoll. Und genau deshalb stellt sich bei einem 10, 12 oder 15 Jahre alten Fahrzeug eine ganz andere Frage als nur die nach dem Verschleiß von Elektromotor und Batterie: Wie zuverlässig und reparaturfreundlich ist dieses komplexe Thermomanagementsystem nach vielen Jahren? Denn nicht nur der Elektromotor oder die Batterie können ausfallen. Auch Pumpen, Ventile, Sensoren, Wärmetauscher, Kältemittelkreislauf, elektrische Stellglieder oder die Steuerung können zum Problem werden. Je stärker die einzelnen Systeme miteinander vernetzt sind, desto größer können bei einem Fehler auch die Diagnose- und Reparaturanforderungen werden. Deshalb halte ich es für zu einfach, die Langlebigkeit eines Elektroautos allein mit der geringeren Zahl mechanisch bewegter Teile zu begründen. Ein Elektroauto hat sicherlich Vorteile hinsichtlich Verschleiß und Wartung bestimmter Komponenten. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass das gesamte Fahrzeug über seine Lebensdauer einfacher oder kostengünstiger zu reparieren sein muss. Eine statistisch prognostizierte Lebensdauer von 18,4 Jahren ist deshalb interessant – aber noch lange kein Beweis dafür, dass heutige Elektrofahrzeuge tatsächlich 18,4 Jahre problemlos und wirtschaftlich betrieben werden können. Genau das wird sich erst zeigen, wenn diese Fahrzeuge tatsächlich 15, 18 oder 20 Jahre im realen Straßenbetrieb hinter sich haben. Also bitte, dieser Artikel ist für den…..


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