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Debatte: Diesel-Verunsicherung alarmiert Autobranche

Wegen der wachsenden Kritik am Dieselmotor fürchtet die Autoindustrie um Milliardeninvestitionen und Arbeitsplätze.
© Foto: picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa

Fast jeder dritte Diesel-Fahrer würde beim nächsten Mal lieber einen Benziner kaufen, ergibt eine aktuelle Umfrage. Die Branche betont, die Technologie sei für den Umweltschutz weiter wichtig.

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Der schlechte Ruf der Dieselmotoren könnte Auswirkungen auf das Kaufverhalten haben. Erst vergangene Woche hatte die Deutsche Automobil Treunhand (DAT) in einer Studie ein gewisses Maß an Verunsicherung festgestellt. Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der Targobank zeigt nun, dass ein großer Teil der Diesel-Fahrer angesichts der hohen Feinstaubbelastung durch Dieselmotoren und drohender Fahrverbote über einen Umstieg auf andere Motortypen nachdenkt. Nur noch zwei von fünf Diesel-Fahrern planen demnach beim nächsten Autokauf die erneute Anschaffung eines Diesels. Der Rest will wechseln oder ist unsicher.

Wegen der wachsenden Kritik am Dieselmotor fürchtet die Autoindustrie um Milliardeninvestitionen und Arbeitsplätze. Daher betonen VW, Daimler und BMW den geringen Kraftstoffverbrauch und den geringen CO2-Ausstoß von Dieselmotoren. "Der saubere Diesel hat noch eine lange Zukunft vor sich", sagte der BMW-Vorstandsvorsitzende Harald Krüger der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Der Chef der VW-Tochter Seat, Luca de Meo, sagte dem "Focus" (Samstag): "Wenn wir die CO2-Emissionen verringern wollen, werden wir kurz und mittelfristig kaum an Dieselmotoren vorbeikommen." VW-Sprecher Nicolai Laude sagte, mit der neuen Abgastechnik sei auch "die Stickoxidfrage bei Neufahrzeugen gelöst". Der Chef des Branchenverbands VDA, Matthias Wissmann betonte, Hersteller und Zulieferer arbeiteten "mit Hochdruck an der weiteren Verbesserung der Dieseltechnologie".

Nach einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger dürfte der Diesel-Anteil bei Mittel- und Oberklasseautos in Europa bis 2030 auf ein Drittel, bei Kleinwagen sogar gegen Null sinken. Heute ist jeder zweite Neuwagen in Europa ein Diesel. Die großen Autobauer investieren nach wie vor Milliarden in die Technologie. Heutige Diesel-Autos überschreiten laut Umweltbundesamt den EU-Grenzwert auf der Straße um ein Vielfaches. Die Verkehrsminister der Bundesländer fordern daher rasch wirksame Gegenmaßnahmen. In Stuttgart und München drohen von 2018 an Fahrverbote für ältere Diesel.

Politiker und Branchenvertreter kritisierten die Pläne. "Es kann nicht sein, dass Pendler und Handwerker für die Versäumnisse der Autoindustrie bestraft werden", sagte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) dem "Kölner Stadt-Anzeiger" und dem "Express" (Montag).

Angst um Arbeitsplätze

VDA-Chef Wissmann forderte die Verantwortlichen im Autoland Baden-Württemberg auf, sich zu erinnern, "auf welcher industrieller Basis Wohlstand und Beschäftigung fußen". In dem Bundesland sind unter anderem die Autobauer Daimler und Porsche sowie zahlreiche Zulieferer wie Bosch ansässig.

Zahlreiche Arbeitsplätze hängen am Diesel - allein bei Bosch sind es rund 50.000. "Die Zulieferindustrien sehen die Debatte sehr kritisch", sagte der Sprecher ihrer Arbeitsgemeinschaft, Christian Vietmeyer. "Das Anprangern der Dieseltechnologie ist für den Umweltschutz nicht hilfreich." Privatkunden entschieden oft auch emotional.

Elektroautos (noch) keine Alternative

Fast jeder dritte Dieselfahrer kündigte bei der Forsa-Befragung an, er werde beim nächsten Mal voraussichtlich einen Benziner kaufen. Reine Elektroautos werden dagegen bislang kaum als Alternative in Betracht gezogen - nicht zuletzt wegen der geringen Reichweite und der hohen Kosten.

Doch die Industrie setzt zunehmend auch auf die E-Autos. "Allein in diesem Jahr wollen wir 100.000 elektrifizierte Autos auf die Straße bringen", sagte BMW-Chef Krüger der "F.A.S.". Zugleich betonte er: "Elektromobilität ist eine lange Reise." Krüger warnte vor einem Wegfall der staatlichen Subventionen und verwies auf Erfahrungen aus den Niederlanden: "Kaum ist die Förderung weg, nehmen viele Kunden wieder einen Benziner oder Diesel." NRW-Regierungschefin Kraft kündigte an, die Umstellung auf Busse mit Elektroantrieb zu fördern.

Trotz der staatlichen Kaufprämie für E-Autos bleiben die Fahrzeuge in Deutschland ein Ladenhüter. Aus dem mit 1,2 Milliarden Euro gefüllten Fördertopf waren Mitte April erst 55 Millionen Euro abgerufen worden. Für 2030 plant die Bundesregierung sechs Millionen Elektroautos. In Deutschland fahren derzeit laut Kraftfahrtbundesamt rund 45 Millionen Personenwagen, davon erst 34.000 reine Elektroautos. (dpa)

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KOMMENTARE


Christian Saß

02.05.2017 - 09:34 Uhr

"Dieselmotoren könnte Auswirkungen auf das Kaufverhalten haben" Es ist doch schon soweit! Umfrage hin oder her. Jeder zweite Interessent fragt: "Wie wird es ausgehen mit dem Diesel." Danke VW!


Frank E.

02.05.2017 - 11:43 Uhr

Und es geht nicht nur um die Diesel. Es sind doch heute schon die Abgasgrenzwerte ab 2020 bekannt und auch die Probleme und Verschärfungen bei den Benzinern. Das heißt, der Kunde soll heute noch Fahrzeuge kaufen, die in 2 1/2 Jahren nicht mehr zulassungsfähig wären. Da kauft doch nur noch, wer muss oder wirklich nicht informiert ist (deshalb trifft es die Diesel derzeit wohl härter). Es ist an der Autoindustrie, die neuen Abgaswerte zügig und nachvollziehbar VORAB zu erfüllen, wenn sie die Kunden aus der Dauer-Warteposition in die Autohäuser bekommen will. Auch wenn diese sicherlich aufwendigen Lösungen auch mal zu Lasten der Rekord-Gewinne der Hersteller gehen (zumindest in der Theorie).


MV

02.05.2017 - 13:30 Uhr

Ich glaube nicht das nur VW an dieser Misere schuld ist.Sicherlich hat VW den Löwenanteil daran angestoßen. Schlimmer finde ich das die Bundesregierung darauf herumreitet und das ganze Volk verunsichert, wie immer ohne Lösung.Und noch schlimmer finde ich das Made in Germany so langsam den Bach ruter geht.


D.Buschhorn

03.05.2017 - 09:38 Uhr

Meine Antwort, trotz gegenteiliger Versicherung der Hersteller " unsere Motore sind sauber " keinen Diesel ohne SCR Kat mehr kaufen. Damit ist man zunächst auf der sicheren Seite. Der moderne Diesel lebt noch weiter.


wallibelli (E.Kühlwetter)

03.05.2017 - 16:56 Uhr

Es grenzt schon an Perversion, was sich hierzulande zum Thema Fahrverbote abspielt. So hat Hamburg am Wochenende die ersten Straßen für Diesel unter EURO 6 Norm gesperrt (s.Spiegel online vom 1.5.2017), nicht wissend wie es kontrolliert wird. In Stuttgart sieht der aktuelle Feinstaubalarmplan Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge unter EURO 6 ab 2018 vor auch für DI-Benziner ohne Feinstaub-Partikelfilter ab 2019, sofern die permanenten Überschreitungen an der Messstelle Neckartor bis dahin nicht eingedämmt werden können. Die aktuelle AMS vom 27.4.2017 kommt unter dem Berichtstitel: "Sind Benziner jetzt die erste Wahl?" zu dem Ergebnis, dass bspw. die TSI/TFSI Motoren aus dem VW-Konzern jetzt "Erste Wahl" seien. Ein Tag später liest man in der Autobild: "Nun droht der nächste Umweltgau - DI-Benziner ohne Filter." Fakt ist, dass alle neuen DI-Benziner spätestens ab Ende 2018 lt. der dann gültigen EURO 6c Abgasnorm einen Feinstaub- bzw. Rußpartikelfilter benötigen (ohne Filter stoßen sie das 10fache und mehr von Diesel mit Filter aus). Fakt ist auch, dass der dt. Städtebund und die Umweltverbände sich dafür ausgesprochen haben, bei Einsatz einer Plakettenlösung (Blaue Plakette frühestens ab 2019) nur noch Saugrohr-Benziner und Gasfahrzeuge mit EURO 4/5/6, DI-Benziner mit Filter EURO 6 C sowie Diesel EURO 6 bzw. ab 2019 EURO d (WLTP-Norm mit RDE-Messungen - auf deutsch- nur noch Diesel mit SCR-Technik) in den Umweltzonen fahren sollten. Wenn mich derzeit einer fragt, was man mit eigenem Kapital noch an sicheren Neuwagen kaufen kann, antworte ich ganz einfach und entwaffnend: "Kein Diesel, kein DI-Benziner, vielmehr ein Saugrohrbenziner neu oder gebraucht (s. oben) oder ein Gasfahrzeug." Letzteres wird bei der Wende weg vom Verbrenner eine immer wichtigere Rolle spielen (u.a. als Zugfahrzeug), denn Boote, Wohnwagen, Pferdeanhänger und anderes Gespann am Haken eines E-Autos kann man bis über 2030 hinaus vergessen.


ThomF

03.05.2017 - 21:50 Uhr

Bald ist Wahl in der BRDHoffentlich denken alle dran ...


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