Nach acht Jahren ist Schluss. Die A110, der kleine Zweisitzer, mit dem Alpine ihr Comeback als Sportwagenmarke feierte, wird nicht mehr gebaut. Nur noch einige Klebestreifen auf dem Boden der Montagehalle von Dieppe erinnern daran, dass hier bis vor kurzem Anlagen für den Bau der A110 standen. In der Sommerpause wird die Halle für den Nachfolger vorbereitet. Der fährt dann elektrisch.
Ein passender Zeitpunkt für eine kurze Zeitreise durch die Geschichte der Marke, die eine Brücke von der A310 der 1970er über die A110 zum aktuellen Topmodell schlägt. Eine Reise, die in der Alpine-Niederlassung in Boulogne-Billancourt am Stadtrand von Paris beginnt. In der Tiefgarage wartet schon ein dunkelblauer A390. Während draußen das Thermometer auf über 40 Grad klettert, herrschen im Innenraum des Sportcoupés angenehme Temperaturen. Kaum ein Antrieb eignet sich besser für solche Tage als ein Elektroauto. Die Klimaanlage arbeitet sofort, Stauwärme gibt es nicht.
Und der Verkehr in der französischen Hauptstadt ist an diesem Tag auch auf unserer Seite. Keine Staus, keine Hektik – die Menschen ertragen die ständigen Hitzerekorde mit der typisch französischen Nonchalance. Über leere Landstraßen sucht der komfortable Fünfsitzer seinen Weg in Richtung Normandie. Wegweiser nach Giverny tauchen am Straßenrand auf, doch für einen Abstecher zu Monets Blumengarten bleibt keine Zeit.
Alpine A390 GT (Fahrbericht)
Das große Fließheck bietet reichlich Platz, die drei E-Motoren lassen den Crossover mühelos durch die sanften Hügel der Normandie fliegen. Selbst im leistungsreduzierten Eco-Modus, der gerade an so heißen Tagen ein paar Kilometer mehr Reichweite bringt, steht immer genügend Leistung zur Verfügung. Und wenn’s doch mal nötig ist, genügt ein Druck auf die rote OV-Taste am Lenkrad. Im Overboost pressen den Fahrer dann maximal zehn Sekunden lang bis zu 470 PS in die Schalensitze.
Alpine A390: Es fehlt ein wenig an Reizen
Nach einigen Stunden hinter dem Lenkrad wird aber auch deutlich, warum viele Sportwagenfans mit Elektroautos fremdeln. Die Leistung ist jederzeit verfügbar, doch es fehlt ein wenig an Reizen. Keine Vibrationen, kaum Geräusche, kein Motor, der sich akustisch in Erinnerung bringt. Die Fahrt wird angenehm, fast schon mühelos, auch dank der Tatsache, dass der A390 auf überzeugende Weise Komfort und Sportlichkeit unter einen Hut bringt. Genau darin liegt seine Stärke.
Am nächsten Morgen steht die Antwort auf viele dieser Gedanken vor dem Werkstor. Sie ist knallorange lackiert und wirkt wie ein Besucher aus einer anderen Zeit. Der Farbton passt perfekt in die frühen 1970er-Jahre, als Badezimmerkacheln rosa geflammt waren, Schlaghosen über klobige Stiefeletten reichten und Schalensitze bevorzugt aus Kunststoff bestanden. Die A310, flach wie eine Flunder, mit hinter Plexiglas verborgenen Scheinwerfern und ihrem langen Keilheck, muss Anfang der 1970er-Jahre gewirkt haben wie ein Besucher aus der Zukunft.
Schon das Einsteigen wird zur Gymnastikübung. Waren die Menschen früher kleiner? Oder einfach gelenkiger? Hat man sich endlich irgendwie hinter in den kunststoffbezogenen Schalensitz gefaltet, beginnt die Suche nach einer halbwegs bequemen Position für Beine und Füße. Komfort spielte bei der Entwicklung offensichtlich keine Hauptrolle.
Dafür folgt unmittelbar das, was moderne Autos oft nicht mehr bieten. Der Vierzylinder erwacht mit kernigem Klang zum Leben. Auf dem Papier stehen lediglich 125 PS. Aber das Auto wiegt auch nur 840 Kilogramm. Ungefähr so viel, wie damals der Golf GTI, und dem halfen nur 110 PS zu seinem quirligen Auftritt. Die A310 jedenfalls schiebt mit sonorem Sound ganz schön kräftig an, vibriert dabei enorm. Vor dem Fahrer drängen sich Kippschalter, Rundinstrumente mit zitternden Nadeln, kleine Leuchtdioden. Die Schaltung verlangt Nachdruck und den richtigen Gang zu treffen ist Glückssache, so eng liegen die Gassen beieinander. Zwischengas hilft in jedem Fall, und trotz Scheibenbremsen ist genügend Abstand zum Vordermann sehr angebracht. Dafür hängt der Saugmotor spontan am Gas und begleitet jede Beschleunigung mit einer Lautstärke, von der Soundfetischisten in unserer geräuschregulierten Zeit nur träumen können.Alpine A310: Jeder Kilometer ein kleines Abenteuer
Mit einem Sportwagen der 1970er fühlt sich Geschwindigkeit ganz anders an als heute. Schon mit 80 Sachen wähnt man sich jenseits aller Tempolimits. Die niedrige Sitzposition, die etwas schwammige Lenkung und die kleinen 13-Zoll-Räder erzeugen ein Gefühl ständiger Bewegung. In schnell gefahrenen Kurven wird spürbar, wie leicht das Heck konstruiert ist. Oder verlangt das Fahrwerk nach Feintuning, wie es so oft in den Foren zum Auto geschrieben wird? Jedenfalls macht die A310 jeden gefahrenen Kilometer zu einem kleinen Abenteuer. Spätestens nach dieser Fahrt wird klar, wie Alpine sich so eine treue Fangemeinde aufbauen konnte.
Zwischen A310 und A110 liegen mehr als fünf Jahrzehnte. Überraschend ist, wie viel von der ursprünglichen Idee trotzdem geblieben ist. Schon die frühen Modelle setzten weniger auf Leistung als auf geringes Gewicht. Daran orientiert sich auch die elektrische Zukunft. Die nächste A110 soll 2027 auf der gleichen Sportwagenplattform erscheinen, die Renault bereits für den in homöopathischen Stückzahlen und zu horrenden Preisen verkauften R5 Turbo verwendet. Alpine verspricht kompakte Abmessungen, eine tiefe Sitzposition und ein deutlich niedrigeres Gewicht als bei vielen anderen Elektroautos. Die Batterie soll nicht klassisch im Fahrzeugboden sitzen, sondern näher am Fahrzeugzentrum. Das Ziel ist klar: Auch die nächste A110 soll sich wie eine Alpine anfühlen. Vielleicht sogar noch mehr als die aktuellen Modelle.
Für die Rückfahrt nach Paris steigen wir nochmals in eine A110 GTS, wie sie eben noch in Dieppe vom Band lief. Zwischen ihr und der Vorgängerin aus dem 1970ern liegen Welten. Fahrwerk, Bremsen, Ergonomie und Verarbeitungsqualität fühlen sich immer noch aktuell an. Trotzdem wirkt die aktuelle A110 nicht wie ein beliebiger moderner Sportwagen.
Der 300 PS starke Turbomotor reagiert spontan auf Gasbefehle, das Doppelkupplungsgetriebe findet immer sofort den passenden Gang. Sein Klang bleibt stets präsent, ohne auf längeren Strecken zu nerven. Beim Beschleunigen liefert er genau jene sonore Begleitmusik, die viele Sportwagenfahrer schätzen. Selbst bei 130 km/h bleibt der Motor hörbar, drängt sich aber nicht in den Vordergrund.
Die Klimaanlage hat auch in dieser Alpine keine Probleme mit den 41 Grad rund um Paris. Der eigentliche Unterschied zur A390 spielt jedoch hinter den Sitzen ab. Schon beim Beschleunigen auf die Autobahn meldet sich der Turbomotor mit einem vollen Klang zu Wort. Nicht laut, nicht künstlich dramatisiert, aber stets präsent. Bei Tempo 130 wird es ruhiger, ein leichter Druck aufs Gaspedal genügt jedoch, um ihn sofort wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
Die nächste A110 wird schneller sein. Vielleicht auch komfortabler. Nach einem Tag mit drei Generationen Alpine erscheint jedoch eine andere Frage wichtiger: Wird sie genauso viel Lust auf die nächste Kurve machen?