Modellierer tragen die weiche Knetmasse mit dem Daumen und viel Gefühl auf jene Karosseriebereiche auf, denen noch die letzten Millimeter Feinschliff fehlen. Mit speziellen Abziehklingen werden Radläufe, Kotflügel, Hauben und Türen dann in mühevoller Handarbeit in Bestform gebracht – ein monatelanger Prozess. Nach Fertigstellung entspricht das sogenannte "Clay Model" 1:1 dem späteren Serienfahrzeug.
Tatort ist das europäische Design Center von Mazda im hessischen Oberursel nördlich von Frankfurt. Neben Deutschland unterhält Mazda solche Einrichtungen noch im japanischen Hiroshima und in den USA in Kalifornien. Doch Oberursel erhielt vor einigen Jahren den Zuschlag, das 2010 ins Leben gerufene Kodo-Design in die Elektromobilität zu übertragen – ein Mazda "Made in Germany". In diesem Fall der CX-6e, ein 4,85 Meter großes, sportlich gestyltes Mittelklasse-SUV.
Kodo-Design: Emotion in der Form
Nicht nur technisch geht Mazda einen eigenständigen Weg, auch optisch möchte man sich grundlegend von anderen asiatischen Automarken unterscheiden – durch die Design-Philosophie Kodo – Soul of Motion. Kodo steht im Japanischen für Herzschlag. Die Autos sollen Emotionalität wecken und Bewegung auch im Stillstand ausdrücken.
"Wir legen viel Wert auf Flächen und Proportionen", sagt Jo Stenuit, seit sechs Jahren Design-Direktor bei Mazda Motor Europe. "Am Ende soll ein Fahrzeug auf den Rädern stehen, das auf den ersten Blick gefällt, dabei ohne Bling-Bling und Schnörkel auskommt, eher reduziert wirkt und gleichzeitig hochwertig aussieht."
Dass diese Zielvorgaben häufig gelingen, zeigen diverse Design-Auszeichnungen internationaler Jurys. Ein Highlight dürfte hier Mazdas Vision Coupé sein. Mazda erhielt damals sogar eine Einladung zum renommierten Design-Event Concorso d'Eleganza Villa d'Este, wo japanische Automarken eher selten vertreten sind.
Mazda Styling-Center in Oberursel
Takumi: Handwerkskunst im Innenraum
Was die Kodo-Philosophie im Außendesign bewirken soll, wird mit Takumi ins Interieur übertragen. Mazda setzt dabei auf die jahrhundertealte Tradition japanischer Handwerkskunst. "Crafted with Japanese Soul", kombiniert mit angenehmer Haptik, klarem Design und hochwertiger Ausstrahlung. Verantwortlich hierfür sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des CMF-Bereichs (Color, Materials & Finish), der in Oberursel direkt neben den Modellier-Werkstätten angesiedelt ist.
Im CMF-Bereich wird nicht nur an neuen Materialien und Farben geforscht. Zur Entwicklungsarbeit gehören auch regelmäßige Besuche auf Messen der Möbel-, Stoff- und Modeindustrie. Im Fokus stehen Fragen wie: Welche Trends zeichnen sich ab? Welche Materialien erzeugen welche Atmosphäre im Innenraum? Und was lässt sich vom Wohnen ins Auto übertragen? Ein gelungenes Beispiel ist Kork.
Materialien, Farben und Trends
Das kommt nicht von ungefähr: Lange bevor Mazda Autos baute, stellte das Unternehmen Korkprodukte her. Zudem fragen Kunden immer häufiger nach veganen Innenräumen und recycelten Materialien. Dennoch bleibt Mazdas Leitgedanke: nicht kurzfristigen Modetrends folgen, sondern bewusst gegen den Strom denken. Autos haben schließlich einen deutlich längeren Lebenszyklus als Kleidung oder viele Möbelstücke.
Auch Karosseriefarben spielen im Mazda-Design eine zentrale Rolle. Unterschiedliche Lackierungen können dem Fahrzeug einen völlig anderen Charakter verleihen. Seit vielen Jahren setzt Mazda auf das markante Rot "Soul Red Crystal", das sich nahezu zum Markenzeichen entwickelt hat. Neu hinzu kommt ein Navyblau als sogenannte Hero-Farbe – diese Farbtöne bleiben über viele Jahre im Programm. Inspiriert ist das Blau von der indigo-gefärbten japanischen Stofftradition.
Speziell für den neuen CX-6e hat die CMF-Abteilung zudem einen satten, dunklen Purpurton entwickelt – "Nightfall Violet". Wie gut dieser Metallic-Lack ankommt, zeigen bereits die Bestelleingänge: Über 50 Prozent der Kunden entscheiden sich für das neue Violett.
Mazda CX-6e
Zusammenarbeit mit China
Beim Cockpit hat sich das europäische Designzentrum eng mit dem Kooperationspartner Changan Automobile Group in China abgestimmt, wo der CX-6e produziert wird. Kostengünstiger wäre es gewesen, den gesamten Armaturenträger der Limousine 6e ins SUV zu übernehmen. Doch den chinesischen Kunden erschien das Cockpit etwas zu konventionell.
So entschied man sich in Oberursel für ein weiterhin klares und reduziertes Layout, ergänzte den CX-6e jedoch um einen 26-Zoll-Ultrawide-Touchscreen. Das Display ragt nun weit über die Mitte der Armaturentafel hinaus.
Blick in die Zukunft
Während der Marktstart des CX-6e im Herbst vorbereitet wird, arbeitet Jo Stenuit mit seinem Team bereits an einem weiteren "Design-in-Germany"-Modell für das Mazda-Portfolio. Welches das sein wird, bleibt noch geheim. Die Türen zum Clay Model bleiben verschlossen. Nur so viel ist bekannt: Es handelt sich nicht um den Nachfolger eines bestehenden Modells, sondern um eine komplett neue Baureihe.