"Sanierungsfall Deutschland": VDA-Chefin fordert Reformkurs

31.07.2026 09:36 Uhr | Lesezeit: 3 min
Hildegard Müller, Präsidentin des Automobilverbands VDA, nimmt nach einem Automobilgipfel an einer Pressekonferenz teil. Der bayerische Ministerpräsident Söder (CSU) hat alle wichtigen Vertreter der Branche - Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Gewerkschaften u
VDA-Chefin Müller: "Mehr Arbeit darf kein Tabu sein."
© Foto: picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Steuern, Energiekosten, Bürokratie: Nach Ansicht des VDA drohen diese Faktoren die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie weiter zu schwächen. Präsidentin Hildegard Müller warnt vor den Folgen für Investitionen und Arbeitsplätze.

Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, hat die Bundesregierung zu einem schnelleren Reformkurs aufgefordert. Angesichts hoher Kosten, wachsender Bürokratie und rückläufiger Investitionsspielräume sieht die Branchenvertreterin die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zunehmend gefährdet.

Im Interview mit dem Nachrichtenportal Web.de News formulierte Müller eine deutliche Diagnose: "Der eigentliche Sanierungsfall ist jetzt der Produktionsstandort Deutschland bzw. Europa." 

Wirtschaft unter Kostendruck 

Nach Ansicht der VDA-Präsidentin stehen Unternehmen zunehmend unter Druck. Als Beleg verweist sie auf eine Umfrage unter mittelständischen Betrieben, in der rund 70 Prozent angegeben hätten, aufgrund der hohen Kosten kaum noch investieren zu können. "Das ist dramatisch", sagte Müller. Die Entwicklung treffe insbesondere den Industriestandort, der im internationalen Wettbewerb zunehmend an Attraktivität verliere. 

Forderung nach Steuerreform und weniger Bürokratie 

Müller sieht vor allem drei Handlungsfelder: niedrigere Energiekosten, steuerliche Entlastungen und einen spürbaren Abbau bürokratischer Hürden. "Bürokratie abbauen, Energie bezahlbar machen und Unternehmen steuerlich entlasten" seien die zentralen Aufgaben der Politik. Allein die Bürokratie verursache der Wirtschaft jährlich Kosten von nahezu 150 Milliarden Euro. 

Besonders deutlich äußerte sich die Branchenvertreterin beim Thema Unternehmensbesteuerung: "Deutschland braucht eine Unternehmenssteuerreform. Steuersenkungen sind kein Geschenk an die Wirtschaft, sondern schaffen Spielraum für Investitionen."

Appell an Politik und Beschäftigte 

Müller beschränkt ihre Forderungen nicht auf die Politik. Auch die Arbeitnehmer müssten einen Beitrag leisten, um die Wettbewerbsfähigkeit der Standorte zu sichern. "Mehr Arbeit darf kein Tabu sein. Es gibt viele Beispiele, in denen zusätzliche Arbeitszeit einen Standort im europäischen Wettbewerb gesichert hat. Zwei oder drei Stunden mehr pro Woche können am Ende Arbeitsplätze sichern", betonte sie. 

Damit greift die VDA-Präsidentin eine Debatte auf, die angesichts schwacher Konjunkturdaten und anhaltender Standortdiskussionen zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Kritik an fehlender wirtschaftspolitischer Linie 

Von der Bundesregierung erwartet Müller eine klarere und konsistentere Wirtschaftspolitik. Die Herausforderungen für den Standort ließen sich nicht durch Einzelmaßnahmen lösen. "Eine Rollenverteilung nach dem Motto 'Die einen kümmern sich um Einnahmen, die anderen um Ausgaben', wird den Herausforderungen des Standorts Deutschland nicht gerecht. Geld kann erst verteilt werden, wenn es eingenommen wurde. Diese Logik hat sich noch nicht bei allen durchgesetzt", sagte die VDA-Chefin.

Warnung vor wirtschaftlicher Abschottung 

Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen – zumindest in Sachsen-Anhalt könnte es danach einen AfD-Ministerpräsidenten geben – äußerte sich Müller zudem zur politischen Entwicklung in Deutschland. Die Industrie sei auf internationale Märkte, offene Handelsbeziehungen und globale Partnerschaften angewiesen. "Wir sehen bei der AfD keine Antworten auf die Probleme, vor denen die Industrie steht. Deutschland braucht Offenheit, internationale Partnerschaften und wirtschaftliche Stärke – nicht Abschottung", sagte sie. Nach Analyse des VDA würden die wirtschaftspolitischen Vorhaben der Partei "Jobs, Wohlstand und Wachstum kosten". 

Für Müller liegt die Antwort auf politische und wirtschaftliche Unsicherheiten vor allem in einer erfolgreichen Standortpolitik. "Die Politik muss die Sorgen der Menschen ernst nehmen, Reformen beherzt angehen und Wachstum ermöglichen." Damit erhöht die Automobilindustrie den Druck auf die Bundesregierung, bei den zentralen Wirtschaftsreformen schneller voranzukommen.


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