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HB ohne Filter: Automobilindustrielles Brodeln +++ Mitsubishi-Rückzug +++ Auto1 +++ Zulassungsmalaise

© Foto: Erwin Fleischmann/AUTOHAUS

Unabhängig, scharfsinnig, auf den Punkt: der aktuelle Wochenkommentar von AUTOHAUS-Herausgeber Prof. Hannes Brachat!

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Datum:
14.08.2020

2 Kommentare

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Automobilindustrielles Brodeln +++ Mitsubishi – Rückzug aus Europa? +++ Auto1 mit "Autohero" - ein neuer Wettbewerber +++ Kfz-Zulassungsmalaise +++ Steht die Werkstattbörse "Caroobi" vor dem Aus?

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Automobilindustrielles Brodeln

Bis auf handverlesene Ausnahmen, bei den meisten (internationalen) Automobilherstellern "brennt die Hütte". Auch bei zahlreichen Zulieferern sind Insolvenzen nicht ausgeschlossen. Selbst die Ölriesen schreiben Milliardenverluste. Corona wütet: Lockdown wie Shutdown. Tiefrote Zahlen, hohe Verschuldungsgrade, Überkapazitäten, produktionstechnisch Anlaufprobleme ... Überall wird das hohe Lied der brutalen Kostensenkung, auch Sparprogramme genannt, gesungen. Das süße "Lopez-Gift" geht um und lässt vielfach auf Dauer qualitative Ansprüche auf der Strecke. Personal wird vielfach auf Staatskosten abgebaut. Bei Herstellern wie Importeuren wird oft noch im Home-Office gearbeitet. Auch Entwicklungsausgaben wurden gestutzt, obwohl "Software" der besondere Stoff der Zukunft ist und allüberall immer noch kein CIO in der Vorstandschaft anzutreffen ist. Auch Arbeitszeiten werden gekürzt. Endlich auch - je nach Hersteller - völlig überzogene Betriebsrenten. Der eine und andere deutsche Standort wird in der Produktionsmenge zurückgefahren und an billigere Auslandsstandorte verlagert. Bei einigen Herstellern laufen Anträge für Rettungspakete in Milliardenhöhe bei der jeweiligen Regierung. Was fällt noch auf?

Es sind die vielfältigen Widersprüche. Audi behauptet, der e-tron lasse sich sehr gut verkaufen. Deutsche Händlerstimmen hören sich dagegen auffallend zurückhaltend an. Die einen Händler sprechen für den Juli für markante Nachfrage nach E-Autos, andere berichten von mauer Veranstaltung. Tatsächlich wurden beim Bafa im Juli 19.993 Anträge, früher "Umweltbonus", heute "Innovationsprämie" genannt, gestellt. Absoluter Rekord! E-Auto-Durchbruch? Je nach Marke lagen im Juli die Auftragseingänge für neue Fahrzeuge deutlich über Vorkrisenniveau. Überhaupt berichten einige Hersteller bei bestimmten Modellen von einem Rekordwachstum bei Auftragseingängen. Das hat zur Folge, dass die Bearbeitungsdauer ob bei Neufahrzeugen oder Kreditanträgen ungeahnte Zeiten in Anspruch nehmen. Es sei an dieser Stelle einmal festgehalten, wie Hersteller oder Importeurhersteller ohne engagierte Händlerschaft die Corona-Pandemie bewältigen wollten? Im Direktvertrieb!? Einmal mehr greifen Eigentümer in Krisenkonstellationen immer wieder zu selbiger Lösung: Der CEO wird ausgewechselt!

Volkswagen-Konzern

Managementwechsel! Bei Volkswagen wurde im Top-Management gleich vielfach gewechselt. Innerhalb des Konzerns führt VW-Pkw mit 1,5 Milliarden Euro Verlust im ersten Halbjahr die Rangliste an. Porsche, Scania und Skoda blieben Ertragsbringer. Porsche im ersten Halbjahr mit 1,23 Milliarden Euro Gewinn, Umsatzrendite zehn Prozent! Weshalb Skoda-Vorstandschef Bernhard Maier (BFC-Absolvent) nach fünf Jahren erfolgreichem Skoda-Wirken seinen Platz räumen musste, begründet VW-Konzern-Chef Diess mit einer strategischen Kurskorrektur. Es fehle Skoda die Aggressivität am Volumenmarkt. Skoda zeichne verantwortlich für die Entwicklung eines Budget-Cars. Der Diesel-Skandal hält im Konzern weiter an. Aktuell wurden drei Ex-Vorstandsmitglieder und ein Hauptabteilungsleiter von Audi von der Staatsanwaltschaft München verklagt. In der Abhöraffäre wurde der mutmaßliche Spitzel von der Konzernsicherheit inzwischen enttarnt. Steht gar ein trauriges personales Finale dahinter?

Hauptwettbewerber Toyota erwirtschaftet im 1. Halbjahr einen Gewinn von 2,8 Milliarden Euro und rechnet für das Gesamtjahr mit einem Gewinn von 5,8 Milliarden Euro. Toyota produziert mit 360.000 Beschäftigten zehn Millionen Autos, wozu der VW-IG-Metall-Staatsladen 670.000 Werker braucht. Toyota führt in der Hybrid-Strategie. Der Toyota-Vorstandsvorsitzende Akio Toyoda verdient inkl. Bonus p.a. drei Millionen Euro, VW-Konzernchef Diess 9,9 Millionen Euro. Die VW-Dividende 2019 soll von 6,50 auf 4,80 Euro gekappt werden. Auch der Lokalrivale von Toyota Honda ist mit einem Betriebsverlust im ersten Halbjahr von 910 Millionen Euro dabei.

Audi hat seit 2015 sichtbare Probleme. Auch hier gab es personellen Wechsel in den Vorstandsressorts. Markus Duesmann, der neue Vorstandsvorsitzende und Ex-BMW-Manager, soll nicht nur mit dem Projekt "Artemis" (Göttin der Jagd), sondern in der gesamten technischen Konzern-Entwicklung markante Zeichen setzen und den Vorsprung von Tesla in Sachen Digitalisierung und Software eliminieren. Für 2025 sollen bei Audi 40 Prozent der Fahrzeuge in Europa elektrifiziert sein.

Mercedes-Benz

Schwäbische Wandlungen! Auch Daimler gilt mit einem Verlust im ersten Halbjahr von 1,7 Milliarden Euro als angeschlagen und reduziert wie Bosch und ZF für ein Jahr die Arbeitszeit ab Oktober um zwei Stunden pro Woche, ohne Lohnausgleich. Ebenso wird die Erfolgsprämie 2020 gestrichen. Bis 2025 sollen 20.000 Stellen von weltweit insgesamt 300.000 sozialverträglich wegfallen. Wie zu hören ist, soll auch davon die MBVD in Berlin inkl. eigene Niederlassungen betroffen sein. Schrumpfmodus! Statt Menge soll die Rendite vorne anstehen. Die Expansion in untere Pkw-Segmente wird daher nicht die MB-Zukunft sein. Submarken wie Maybach und AMG sowie das S-Klasse-Segment sollen den Konzern nach oben schieben.

BMW schrieb im II. Quartal einen Verlust von 212 Millionen Euro, kann aber trotz Absatzeinbrüchen, auch bei den Kredit- und Leasingverträgen, für das erste Halbjahr einen Gewinn von 498 Millionen Euro vor Steuern ausweisen.

Renault SA

Managementwechsel! Luca de Meo (53), seit 1. Juli Renault-Chef, hatte gleich den größten Verlust in der 120-jährigen Renault-Geschichte zu verkünden: 7,3 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2020. Allein 4,8 Milliarden Euro Verlust stammen aus der 43,4 Prozent-Allianz mit Nissan. Der große Alleinherrscher Carlos Ghosn setzte in seiner Zeit mehr auf Masse und zu wenig auf Effizienz. 70 Prozent des Umsatzes stammen aus margenschwachen Kleinwagen. Man will in die Mittel- und gehobene Mittelklasse zurück. Bis Anfang 2021 will de Meo die strategische Neuausrichtung vorlegen. Das geht dann weiter zu den Töchtern Dacia, Lada oder auch Alpine. De Meo gilt als Motivationskünstler. Aktuell richtete er eine handgeschriebene Botschaft "Dear partners" an die Händlerschaft: "We need all your support to make it happen and defend our colors in this race." Direction Generale!

GM-Chefin Mary Barra kann für das erste Halbjahr ein positives Ergebnis aufweisen, wohl mit weniger Absatz, weniger Nachlässen, aber mit Gewinn. Opel hat man 2017 nach über 80 Jahren Konzernzugehörigkeit an PSA abgestoßen.

Ford

Managementwechsel! Anders bei Ford. Bill Ford, Aufsichtsratsvorsitzender, trennte sich nach nur drei Jahren von Jim Hackett, und setzt zum 1. Oktober 2020 als CEO Jim Farley (58) ein, der 2015 bis 2017 auch Chef in Köln war. Ford schrieb im zweiten Quartal fast zwei Milliarden Dollar Verlust. Hackett hat wichtige neue Modelle eingeführt und wie alle Hersteller den Konzern in die Transformation mit Elektroantrieb und Digitalisierung gesteuert, doch mit welcher Bilanz? Mit welchem Tempo?

Jaguar Land Rover

Managementwechsel! Jaguar Land Rover, größter britischer Autobauer, ist der nächste Sanierungsfall, der aktuell mit der Regierung über ein Rettungspaket in Milliardenhöhe verhandelt. Ein Quartalsverlust bis Ende Juni von 413 Millionen Pfund und ein Absatzminus von 42 Prozent hinterlässt Spuren. Ab 10. September wird der bisherige Renault-Vorstandsvorsitzende Thierry Bolloré Ralf Speth (früherer BMW-Manager) ablösen, der seit 2010 JLR auf Masse getrimmt und die Produktion von 300.000 auf 600.000 Einheiten verdoppelt hat. Die JLR-Händler wurden zu markigen Neubauten angehalten! Man denke an das größte JLR-Autohaus der Welt, das 2019 in München eröffnet wurde. Was nun? Seit 2018 harzt es bei JLR, trotz 14 verschiedener Modelle. Der indische Mutterkonzern Tata wird nun eine nachhaltige Zukunftsstrategie erwarten.

Groupe PSA

Der Sonderling! PSA-Chef Carlos Tavares kann für die Marken Peugeot, Citroen und Opel trotz sichtbarem Absatzeinbruch einen Gewinn von 595 Millionen Euro ausweisen. Opel steuert auf vier Prozent Marktanteil zu und hatte mal zu Glanzzeiten 19 Prozent. Teure Entwicklungen werden von PSA ausgelagert. Tausende Mitarbeiter, viele Ingenieure wurden gerade bei Opel ausgestellt. Wer derzeit die Opel-Zentrale in Rüsselsheim betritt, stellt fest, dass nicht einmal mehr das Geld reicht, um den Rasen vor der Zentrale zu mähen, geschweige denn die Fenster zu putzen. Neue Mitarbeiter werden über externe Zulieferer "eingestellt". Marketingaktivitäten wurden ganz gezielt zurückgeschraubt. Händlerprämien oder Qualifizierungszuschüsse im (internationalen) Handel rigoros gestrichen. Wer den Peugeot-Internetauftritt von Peugeot Deutschland aufschlägt und dort auf Händlersuche geht - Servicebetriebe werden gar nicht abgebildet -, trifft dann bei der Angabe der Postleitzahl nicht auf den individualisierten Händlerauftritt, sondern auf eine lausige Händler-Standardseite. Da wird dann eine Kilometerangabe benannt, die völlig absurd ist. Statt echten 18 km eben 48 km. Änderungswünsche sind indiskutabel, weil der Peugeotauftritt deutschland-extern, angeblich in Spanien erstellt wird. Das gilt auch für andere IT-Programme. Selbst das Gewerbekundengeschäft wurde ausgelagert. Und genau so miserabel sind dessen Ergebnisse. Wohl dem, der von einem angestammten regionalen Außendienstmitarbeiter betreut wird. Im Service ist jetzt ein Service-Außendienst für alle Marken, sprich Peugeot, Citroen und Opel verantwortlich. Aber nicht für technische Fragen, sondern rein zur Umsatzbelebung. Einen persönlichen Ansprechpartner dafür gibt es in der Zentrale nicht mehr. Man muss sich in einer Sammel-E-Mail einreihen. Im März 2021 soll dann der Mega-Verbund PSA mit FCA mit dem neuen Namen Stellantis perfekt sein. Welche der dann zwölf Marken wird Bestand haben oder auch veräußert werden?

Tesla

Spezialfall Tesla! Tesla weist im Kerngeschäft ein negatives Ergebnis aus. Der Gewinn in Höhe von 278 Millionen Euro kommt über den Verkauf von Klimazertifikaten (400 Millionen Dollar) an die Konkurrenz zustande. Tesla entwickelt und bündelt viel im eigenen Haus. So das Werk in Berlin/Grünheide wie geplant zur Umsetzung kommen wird, wird Tesla weitere neue Maßstäbe setzen. Der unfassbare Börsenwert liegt aktuell bei 300 Milliarden US-Dollar und steigt. Musk, ein Genie in Sachen Selbstdarstellung, versteht es immer wieder, neue "Raketen" zu zünden. Es geht dabei weniger um den Kontrast E-Autos gegen Verbrennungsmotoren, sondern um den Vorsprung in der Software (autonomes Fahren). Dennoch bleibt Musk den Beweis schuldig, ob Tesla langfristig im automobilen Massenmarkt agieren kann. Da steckt bislang immer noch viel Hoffnung und Fantasie dahinter. In Berlin-Grünheide könnten morgen zwei Millionen Autos produziert werden. Es wäre weltweit die größte Autofabrik. Aktuell liegen noch 373 Einwände gegen die Realisierung von Tesla-Grünheide vor. Das gilt es noch einige Hürden zu nehmen!

Mitsubishi – Rückzug aus Europa?

Wirtschaftliche Fakten sprechen stets ihre eigene Sprache. Die unzulänglichen Renditen, oder sagen wir besser Verluste drängen grundsätzlich manchen Hersteller, Importeur dazu, sich von diversen Weltmärkten zurückzuziehen. Oder anders: Muss jeder Hersteller in allen Regionen der Welt präsent sein? Man denke an die Marken Daihatsu, Daewo/Chevrolet, Lada, Infiniti und jetzt kommt aktuell Mitsubishi (MMC) in die Schlagzeilen. Marken, die sich aus Deutschland bzw. Europa verabschiedet haben bzw. verabschieden wollen. Wird die Markenausdünnung dabei stehen bleiben? Man werfe seine Blicke auf Honda, auf Suzuki, auf Subaru oder auf Lancia oder gar Alfa Romeo. Alfa war im vergangenen Jahr in Deutschland noch mit 4.000 neuen Einheiten vertreten.

"Man hat die Markteinführung neuer Modelle in Europa eingefroren", ist von MMC zu vernehmen. Was man eingefroren hat, kann man auch wieder auftauen. Für einen möglichen MMC-Rückzug von Europa sprechen zunächst noch weitere Überlegungen. Nissan ist größter Gesellschafter von MMC und schrieb im ersten Halbjahr 2020 markante Verluste. Oder, die neuen EU-Emissionsgrenzen können für MMC hohe Strafzahlungen bedeuten. Bis auf die Niederlande sind sämtliche EU-MMC-Importeure Privatimporteure. Davon kann man sich als Hersteller leichter lösen.

Am MMC-Import in Deutschland, der seit 2014 mit markantem Erfolg von der Emil Frey-Gruppe und einem profunden Management gesteuert wird, ist MMC selber mit 24,9 Prozent beteiligt. Der geniale Walter Frey und sein congenialer CEO Gerhard Schürmann erweisen sich aus Erfahrung in derartigen Situationen als wahre Kämpfer. Sie werden vor Ort in Japan vorstellig werden und aufzeigen, was MMC eine finale Vertragsauflösung kosten würde. Auch Dr. Kolja Rebstock, Chef des deutschen Importeurs von MMC, ist beim Hersteller in Japan intern sehr gut vernetzt. Es soll ja die Produktion des neuen Eclipse Cross/SUV im September anlaufen. Er sollte nach Europa kommen. Oder Garantiearbeiten wie die Teileversorgung gilt es weiter zu stellen. Das bedeutet, zumindest die halbe Mannschaft von MMC in Friedberg bleibt künftig in Brot und Spiele. Gut 70 MMC-Händler haben aktuell die neue MMC-Signalisation angebracht. Ein Abschrauben wäre mit Schadenersatz verbunden. Auf dem internen MMC-Portal haben zahlreiche Händler Solidaritätsbekundungen abgegeben. Auch das gilt als Beweis für das gute Zusammenwirken zwischen Importeur und Händler in den vergangenen Jahren. Die MMC-Händlerverbands-Geschäftsführerin Antje Woltermann hat all die aktuellen Aspekte in einem ausführlichen Brief an die MMC-Geschäftsführung in Deutschland aufgezeigt, bis hin zu möglichen juristischen Konsequenzen.

Es sei aktuell festgehalten: MMC-Deutschland kämpft direkt in Japan für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit. Wer die Emil Frey-Gruppe kennt, weiß, dass sie ein über 40 Jahr sehr gut aufgebautes MMC-Handelsnetz in Deutschland mit 4.000 Mitarbeitern im Handel sehr zu schätzen weiß und sei es künftig mit einer neuen Importmarke. Aus China?

Auto1 mit "Autohero" - ein neuer Wettbewerber

Die Auto1 Group (wirkaufendeinauto.de), die bislang GW von Privatleuten aufgekauft und (international) an Autohändler weiterverkauft hat, wird künftig zu seiner eigenen Klientel u. a. in unmittelbaren Wettbewerb treten und über "Autohero.com" den eigenen Auto-Onlineshop markant ausbauen. Zunächst ist da von kleinen Mengen die Rede, doch was Auto1 seit 2012 international auf die Beine gestellt hat, hat sensationellen Charakter. 2020 wird die Gruppe 620.000 Einheiten vermarkten. Es wird also auch bei "Autohero" nicht bei kleinen Zahlen bleiben. Auto1 tritt mit "Autohero" auch in Wettbewerb mit Mobile.de, AutoScout24, Heycar und der neuen GW-Börse der Santander "Autobörse.de" und eben allen Händlern, die in Sachen Gebrauchtwagen agieren. Inzwischen ist bekannt, dass Ebay Kleinanzeigen und Mobile.de an die norwegische Adventia-Gruppe verkauft wurden. Ein neuer Eigentümer wird auch bei Mobile.de neue Zeichen setzen wollen. Interessant nochmals aufzutischen, dass Auto1 schon im Herbst 2019 nachgesagt wurde, an der Übernahme von Mobile.de und Autoscout24 Interesse zu zeigen.

Auto1 will den Kauf bei Autohero "einfach, sicher und bequem" machen, ein "E-Commerce-Erlebnis" produzieren. Da läuft der gesamte Prozess digitalisiert ab. Aktuell werden noch eigene Standorte für die Fahrzeugaufbereitung installiert, ebenso die Lieferflotte zum Kunden aufgebaut. Die Kunden suchen sich den gewünschten GW im Onlineshop aus, leisten Anzahlung, kriegen das Fahrzeug vor die Haustüre gestellt, können das Auto prüfen und leisten dann die Restzahlung. Rückgaberecht: 14 Tage! Dass die insgesamt 4.200 Mitarbeiter von Auto1 mit Stammsitz in Berlin Könner sind, haben sie auf verschiedenen Strecken sichtbar bewiesen. Mit dem Auto1 Fintech blieben sie allerdings unterwegs hängen. Da haben die Autohändler gezeigt, wem sie in Sachen Liquidität und dem Absatzkreditgeschäft ihr Vertrauen schenken. Wie immer auch: Es wird der das Rennen machen, der den besten Mehrwert für Kunden wie der Händlerschaft bietet!

Kfz-Zulassungsmalaise

In Deutschland existieren insgesamt 699 Zulassungsstellen, davon sind 422 Hauptstellen und 277 Nebenstellen. Die höchste Zahl an Zulassungsstellen findet sich mit 155 in Bayern, die niedrigste mit zwei (eine Haupt- und eine Nebenstelle) in Berlin. Am 28. Juli 2020 haben wir auf Autohaus.de berichtet: Berlins Autohäuser laufen gegen die Zustände in den Kfz-Zulassungsstellen der Bundeshauptstadt Sturm. In einem Schreiben an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) kritisieren Berliner Autohändler - also nicht der Verband oder die Kfz-Innung Berlin - weiterhin "extrem große Schwierigkeiten und lange Wartezeiten" bei der Fahrzeugzulassung. Aktuell dauere es in Berlin mindestens sechs Wochen, ehe ein neues oder gebrauchtes Fahrzeug angemeldet werden könne. Mit welchen Folgen das in Sachen Kundenzufriedenheit verbunden ist, kann sich jeder vorstellen. Das passt natürlich zu Berlin, wo die links-grünen Akteure politisch bemüht ist, das Auto aus der Stadt zu verdrängen.

Es gibt sicher in Deutschland ein paar bürger- bzw. gewerbenahe Zulassungsstellen. Erster verantwortlicher Ansprechpartner ist der jeweilige OB oder Landrat. Eigentlich müsste der ZDK im Verbund mit den Landesverbänden und den Kfz-Innung das Thema digitale Zulassung für Neu- und Gebrauchtwagen gezielt aufgreifen und auch im EU-Ländervergleich einmal aufzeigen, was da geht. In einigen Ländern kann die Zulassung direkt im Autohaus erfolgen! Was in Deutschland offiziell entwickelt wurde ist ein typisches Arbeitsbeschaffungsprogramm für bestehende Verhältnisse. Warum? Man hat das digitale Verfahren bewusst so kompliziert gemacht, dass es ja keiner praktiziert. Außerdem ist es auch noch teurer wie die persönliche Zulassung oder Abmeldung vor Ort. Wer beispielsweise erstmals seinen Gebrauchtwagen abmelden will (siehe Abb. unten), der wird verzweifeln ob all der Hürden, die da zu nehmen sind. Er muss dann das Wappen "wegradieren". Geht da einer mit einer Münze herzhaft ran, radiert er gleich die Nummer unter dem Wappen weg, die er aber für die digitale Abmeldung braucht.  

Der klassische Zulassungsfall

Um die Geisteshaltung von typischen Zulassungsstellen aufzuzeigen ein praktisches Beispiel. Bad Kissingen, eine historische Kurstadt mit bilderbuchartigem Kurpark entlang der fränkischen Saale und historischem Kurbauten-Ensemble. Die Kfz-Zulassungsstelle befindet sich im ehemaligen Prämonstratenserinnen-Kloster in Hausen, heute einem Stadtteil von Bad Kissingen. Die Klosteranlage gehört heute dem Landkreis. Hier in Hausen ist der berühmteste Sohn der Stadt geboren, Kardinal Julius Döpfner. In dem Kloster-Areal besuchte er den Kindergarten und die Grundschule, wurde 1948 mit 35 Jahren Bischof von Würzburg und 1958 mit 45 Jahren weltjüngster Kardinal der Kath. Kirche mit Sitz in Berlin. Also gegenüber dem heutigen Döpfner-Museum und dem ehemaligen Kindergarten/Grundschule befindet sich die Kfz-Zulassungsstelle.

Schon bei der Anfahrt wird deutlich, wer hier das Sagen hat. Die besten und nächstgelegenen Parkplätze sind nicht für die "Kunden", sondern für die Bediensteten, sprich "Dienstwagen-Kfz" reserviert (siehe Abb.). Nun fällt auf, dass die Autohäuser für ihre Zulassungen in Bad Kissingen ein Privileg "genießen". Da muss man drei Mal klingeln und dann am letzten Fenster warten (siehe Abb.). So, regnet es, wartet das "Autohaus" am letzten Fenster im Regen. Drei Mal klingeln in Ehren. Man mag ja daran im Hause erkennen, dass draußen ein "Privilegierter" wartet. Bitte, wer als "Normaler" die Zulassungsstelle anfährt, liest zwar: "Das Landratsamt ist für Publikumsverkehr grundsätzlich geöffnet …" Wer sich aber zuvor nicht telefonisch angemeldet hat, kann erst einmal wieder nach Hause fahren und nach einem Telefontermin nachsuchen. Da passt es natürlich, dass die Zulassungsstelle am Freitag pünktlich um 12 Uhr schließt, obwohl all die Berufstätigen, die eine Zulassung persönlich vornehmen wollen, eigentlich freitags ab 12 Uhr die meiste Zeit für eine Zulassung haben. Sprich die, die von den Werkern bezahlt werden, haben dann den Laden dicht, wenn die Zahler Zeit zum Kommen haben. Weitere Frage: Wie wirkt diese "Zulassungs-Veranstaltung" wie in Bad Kissingen mit der speziellen Darstellung für Autohäuser auf den normalen Zulasser oder Abmelder? Die Klasse ihres berühmtesten Sohnes der Stadt hat das alles nicht!

© Foto: Prof. Hannes Brachat
© Foto: Prof. Hannes Brachat

Die deutsche Zulassungsprozedur

Steht die Werkstattbörse "Caroobi" vor dem Aus?

Erst war es Bosch, der 2018 die beste Werkstattbörse "Drivelog" mangels Nachfrage einstellte. Auch Autoscout24 gab seine Werkstattbörse auf. Seit 2015 übten sich Nico Weiler und Mark Michl als digitales Start-up von Berlin aus mit einer neuen Werkstattbörse namens Caroobi – Bester Autoservice. Daran hat sich sogar BMW beteiligt. Der damalige BMW-Manager Christian Noske meinte: "Produkt und Team hätten das Potenzial, um den unabhängigen Aftersales-Markt zu verändern. Caroobi verändert grundlegend, wie Autobesitzer mit unabhängigen Werkstätten kommunizieren." Man gab sich als Meisterbetrieb der Kfz-Innung (Berlin) aus, ließ sich vom TÜV-Saarland ein Qualitätszertifikat ausstellen und arbeitete mit Spezialisten für die meisten Marken. Jetzt wurde Caroobi - aufgrund markanter Verluste in den abgelaufenen Jahren - an die Deutsche Werkstattnetz GmbH in Berlin verkauft. Für eine offene Stellungnahme für den Wechsel und dessen Hintergründe ist niemand zu haben. Aus dem Jahre 2017 (!) findet man aktuell im Netz von Caroobi die eigenen Vorzüge wie einen markanten Preisvergleich inkl. Schwarzarbeit (siehe Abb.).

© Foto: Prof. Hannes Brachat
© Foto: Prof. Hannes Brachat

Es konnten sich Kfz-Betriebe bei Caroobi als Partner bewerben. Die 30 Beurteilungskriterien für die "selektierten Werkstätten" wurden stets in der Schublade verwahrt. Werblich trat man mit der Aussage auf bis zu 35 Prozent günstiger zu sein. Man hat gezielt Freie Werkstätten ausgewählt, die im Schnitt pro Stunden 20 Euro günstiger als der Schnitt arbeitete. Im Teilesektor wurde vorwiegend mit Identteilen gearbeitet.

Das Beispiel Caroobi zeigt dreierlei. 1. Auch digitale Werkstattbörsen haben Wachstumsgrenzen. 2. Nicht jedes Start-up führt zu einem Erfolg. 3. Viele Werkstattkunden vertrauen ihren angestammten Werkstätten vor Ort. Warum? Weil sie gute Leistung produzieren! Das sind vielfach Klein- und Mittelbetriebe. Man kennt sich und schätzt sich und hat Vertrauen!

Wir haben an der Hochschule in Geislingen, Bereich Automobilwirtschaft in einer Projektgruppe aktuell von den bekanntesten bzw. wichtigsten Werkstattbörsen anhand von 18 Einzelkriterien deren Internetauftritt bewertet. An erster Stelle steht „pit stop“! Pit stop hat ohne Frage die letzten drei Jahre einen sichtbaren Schub nach vorne gemacht (siehe Abb.). Caroobi haben wir nun außen vor gelassen, wäre nach dieser Gewichtung auf dem neunten Platz anzuordnen, also Mittelfeld.

© Foto: Prof. Hannes Brachat

Internetauftritt deutscher Werkstattbörsen

Spruch der Woche:

"Qualität ist der Wert, der sich bezahlt macht." (Lothar Schmidt)

Mit meinen besten Grüßen und Wünschen für einen feucht-sonnigen Sommer

Ihr

Prof. Hannes Brachat
Herausgeber AUTOHAUS
www.brachat.de


Der nächste HB ohne Filter erscheint am 21. August 2020!


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KOMMENTARE


Peter Labauve

14.08.2020 - 17:37 Uhr

Zulassung Berlin: Wenn online vereinbart, dauert ein Termin im Moment bis 8 Wochen, mit Glück sechs Wochen. Zulassung Bad Kissingen: telefonisch problemlos Termin für den nächsten Tag gemacht. Um 7.59 begann die Zulassung, um 8.09 (!) war ich inkl Kennzeichen und Bezahlung fertig. Für mich als Berliner war das unglaublich gut - ich dachte, ich träume. Parkplatzsituation: von Ihnen richtig beschrieben und ich musste doch tatsächlich 20 m laufen! In Berlin bekommt man hingegen gar keinen Parkplatz auf lange, lange Strecken.


Joachim Küster

14.08.2020 - 19:21 Uhr

HB ohne Filter: viel Denk- und Schreibarbeit bei der faktensicheren Analyse - mit einem Schuss Intuition - ohne die geht's nicht. Brillant. Danke und viele Grüße! J. Küster


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