Am 8. September wählen die Delegierten des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin. Formal ist das eine Personalentscheidung. Tatsächlich aber geht es um deutlich mehr. Es geht um die politische Schlagkraft des Kfz-Gewerbes und um die Frage, ob der ZDK nach Jahren interner Konflikte wieder zur starken Stimme der Branche werden kann.
Thomas Peckruhn hat nach dem überraschenden Rückzug von Arne Joswig Verantwortung übernommen und den Verband in einer schwierigen Phase geführt. Dass er sich erneut zur Wahl stellen könnte, wäre daher alles andere als abwegig. Die eigentliche Frage lautet jedoch nicht, wer kandidiert. Die entscheidende Frage lautet: Was braucht der nächste Präsident, um den ZDK wieder in die Erfolgsspur zu führen?
Denn die vergangenen zwei Jahre waren für den Verband alles andere als einfach. Die Auseinandersetzungen zwischen ZDK und Bundesinnungsverband, Diskussionen über Satzungen, Zuständigkeiten und Machtverhältnisse haben viel Aufmerksamkeit gebunden. Zu viel Aufmerksamkeit. Während sich das Gewerbe mit sich selbst beschäftigte, haben sich die Herausforderungen für die Betriebe dramatisch verändert. Die Transformation des Automobils läuft mit voller Geschwindigkeit. Elektromobilität verändert das Geschäft im Verkauf und Service. Künstliche Intelligenz wird Prozesse in Verkauf, Service und Verwaltung grundlegend verändern sowie die Aus- und Weiterbildung ist in diese Richtung weiterzuentwickeln. Gleichzeitig leiden viele Betriebe unter Bürokratie, Fachkräftemangel und sinkenden Renditen.
Die Unternehmer draußen interessiert deshalb nicht, wer in welchem Verband welchen Posten besetzt. Sie wollen wissen, wer ihre Interessen in Berlin und Brüssel wirksam vertritt. Wie man das macht, hat der Verband der Automobilhändler Deutschlands (VAD) als Interessenvertretung überwiegend des Vertragshandels eindrucksvoll gezeigt. Auch ein VAD ist aber gar nicht in der Lage bzw. Willens hier in Konkurrenz zum ZDK zu treten. Dass man sich das verbale Gemetzel, dass vom Servicedepartment und machtbessenen Hauptgeschäftsführern aus Bayern und Nordrhein-Westfalen angezettelt wurde, allerdings nicht weiter anschauen wollte, ist mehr als verständlich.
Genau hier liegt die eigentliche Bewährungsprobe für den neuen Präsidenten. Der ZDK braucht keinen Verwalter. Er braucht einen Integrator. Die größte Aufgabe wird sein, die Gräben innerhalb des Gewerbes zu überwinden. Handel und Handwerk, Landesverbände und Bundesebene, große Händlergruppen und mittelständische Familienbetriebe verfolgen nicht immer dieselben Interessen. Aber sie haben weit mehr gemeinsame Anliegen als trennende Themen. Wer das ignoriert, schwächt die gesamte Branche. Ehrenpräsident Jürgen Karpinski hat die Debatte kürzlich auf einen einfachen Nenner gebracht: Handel und Handwerk gehören zusammen. Sie bedienen dieselben Kunden, stehen vor denselben politischen Herausforderungen und profitieren von einer gemeinsamen Interessenvertretung. Genau darin lag jahrzehntelang die Stärke des Kfz-Gewerbes. Und genau dort muss der ZDK wieder anknüpfen.
Der neue Präsident braucht dafür vor allem sechs Fähigkeiten.
- Erstens: Integrationskraft. Wer künftig an der Spitze steht, muss Brücken bauen können. Der Verband braucht weniger Lagerdenken und mehr gemeinsames Handeln. Vertrauen zurückzugewinnen wird die wichtigste Führungsaufgabe der kommenden Jahre sein.
- Zweitens: politische Durchsetzungskraft. Die Zukunft der Branche wird zunehmend durch Regulierung bestimmt. Ob Verbraucherschutz, Datenzugang, Nachhaltigkeitsvorgaben oder Bürokratieabbau: Die Entscheidungen fallen in Berlin und Brüssel. Dort muss der ZDK wieder sichtbar und relevant werden.
- Drittens: unternehmerische Glaubwürdigkeit. Die Mitglieder wünschen sich keinen Berufsfunktionär oder hauptamtlichen Verwalter. Sie wollen jemanden, der selbst Verantwortung trägt, Investitionsentscheidungen treffen muss und die Realität im Autohaus oder in der Werkstatt aus dem FF kennt. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Organigramme, sondern durch praktische Erfahrung.
- Viertens: Zukunftskompetenz. Die Branchenthemen der nächsten Jahre heißen KI, Digitalisierung, Auslastung im Service, Fachkräftesicherung und Mobilitätsdienstleistungen. Wer diese Themen nicht versteht, wird das Gewerbe kaum in die Zukunft führen können.
- Fünftens: strategische Führung. Der ZDK braucht wieder ein klares Zukunftsbild. Wie sieht das Kfz-Gewerbe im Jahr 2030 aus? Welche Rolle spielen Werkstätten? Wie bleibt der Mittelstand wettbewerbsfähig? Die Mitglieder erwarten Orientierung und keine Verwaltung des Status quo.
- Sechstens: Durchsetzungsvermögen. Wenn es nötig ist, darf auch klare Kante gezeigt werden. Besser eine Meinung vertreten als keine Meinung haben.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, den Bundesinnungsverband zu besiegen oder vergangene Konflikte erneut auszutragen. Das wäre ein strategischer Irrweg. Gewinnen kann nur das gesamte Gewerbe. Die politischen Gegner der Branche sitzen nicht in den eigenen Reihen. Sie sitzen dort, wo zusätzliche Bürokratie, immer neue Regulierungen und wirtschaftsferne Entscheidungen entstehen.
Der ZDK wird seine Bedeutung deshalb nicht dadurch zurückgewinnen, dass er interne Machtfragen gewinnt. Er wird sie zurückgewinnen, wenn er die Interessen der Betriebe wieder wirksam vertritt. Die Delegierten wählen im September also weit mehr als einen Präsidenten. Sie entscheiden darüber, welchen Kurs die zentrale Interessenvertretung des deutschen Kfz-Gewerbes einschlägt. Die Branche braucht jetzt Geschlossenheit, Führung und eine starke Stimme. Denn in Zeiten tiefgreifender Transformation kann sie sich dauerhafte Grabenkämpfe schlicht nicht leisten. Am Ende zählt in Berlin nicht, wer Recht hat. Sondern wer Wirkung erzielt.