Eigentlich war die Geschichte des Vans schon auserzählt. Einst galten Modelle wie Renault Espace, Chrysler Voyager oder Opel Zafira als Inbegriff praktischer Familienautos, dann wurden sie von den SUV verdrängt. Die wirkten dynamischer, versprachen Abenteuer und wurden zum weltweiten Verkaufsschlager – obwohl sie oft weniger Platz boten.
Doch mit einem kleinen Umweg über den Elektroantrieb und getrieben vor allem aus Asien beginnt gerade eine Renaissance der Großraumlimousine. Weil die Batterien im Fahrzeugboden verschwinden, entstehen ebene Innenräume, riesige Radstände ermöglichen fürstliche Platzverhältnisse und die Digitalisierung schafft ungeahnte Unterhaltungsvielfalt für die Hinterbänkler. Dazu kommen kräftige Elektromotoren für flüsterleises Reisen mit hohem Tempo, fette Batteriepakete garantieren trotz schlechter Aerodynamik riesige Reichweiten und hohe Ladeleistungen verkürzen die Boxenstops. So wird der klassische Familienbus sich zum rollenden Wohnzimmer oder sogar zur mobilen First Class für die Generation E.
Großraumlimousinen als Elektro-Vans
Vor allem chinesische Hersteller treiben diesen Wandel mit beeindruckendem Tempo voran und setzen europäische Marken unter Druck. Doch die ersten Europäer sind aufgewacht: Volvo ist mit seinen neuerdings chinesischen Wurzeln bereits im Wartestand und während sich VW in seinen Baukästen und Kooperationen verloren hat und weder Multivan noch ID Buzz und erst recht nicht der Transporter an den alten Ruhm rankommen, antwortet zumindest Mercedes mit einer komplett neuen Van-Generation. Fünf Protagonisten zeigen, wie unterschiedlich die Zukunft des elektrischen Vans aussehen kann.
XPeng X9: Der Technologieträger
Der XPeng X9 zeigt, wie konsequent chinesische Hersteller das Van-Konzept neu denken. Mit einer Länge von 5,32 Metern und wahlweise sechs oder sieben Sitzen bietet er üppige Platzverhältnisse, die für Liegesessel in der zweiten Reihe reichen. Dazu gibts für die Hinterbänkler einen riesigen Deckenbildschirm und für den Fahrer alle Assistenten, die es für das nächste Level des autonomen Fahrens braucht.
Xpeng X9
Bis zu 503 PS machen Laune und lassen selbst ein knapp drei Tonnen schweres Raumschiff flott fliegen, zumal sich der Van dank Hinterachslenkung erstaunlich handlich anfühlt. Und auch wenn er nicht der effizienteste ist, fährt er mit bis zu 110 kWh immerhin 580 Norm-Kilometer weit, bevor ihn bis zu 542 kW-Ladeleistung im Rekordtempo wieder flott machen.
Der Marktstart in Deutschland ist bereits erfolgt, die Preise beginnen bei 77.600 Euro. Damit positioniert sich der X9 als luxuriöse Alternative zu klassischen Premium-Vans – mit dem Anspruch, Technikführer statt Nachzügler zu sein.
Mercedes VLE: Neue Runde für die Raumfahrt mit Stern
Mit dem VLE startet Mercedes in die nächste Raumfahrt-Ära. Dabei schwingt sich die mit fünf bis sieben Sitzen lieferbare Großraumlimousine zu neuen Höhen auf und rückt bei Komfort und Technologie näher an die Pkw-Modelle, was Mercedes auch mit der Nomenklatur unterstreichen will. Allerdings steigen parallel die Preise und beginnen künftig bei 64.800 Euro. Wer aber nicht auf den kleinen Akku und die abgespeckte Ausstattung warten will, ist zum Start mit mindestens 82.260 Euro dabei. Dafür sind dann auch Finessen wie die Luftfederung, das Panoramadach und die neue Hinterachslenkung an Bord.
Mercedes-Benz VLE 300 electric
Angetrieben wird der VLE dann von einem 272 PS starken E-Motor an der Vorderachse, der aus einem 115 kWh großen Akku gespeist wird. Die Reichweite liegt bei über 700 Kilometern an, die Höchstgeschwindigkeit bei 180 km/h und die Ladeleistung bei bestenfalls gut 300 kW. Für einen fünfstelligen Aufpreis gibt es den VLE auch als Allradler, mit einem zweiten E-Motor an der Hinterachse und einer Systemleistung von 415 PS. Die Reichweite sinkt auf gut 630 Kilometer, doch dafür steigt die Anhängelast von 1,7 auf 2,5 Tonnen. Auch wenn der VLE auf einer elektrischen Skateboard-Architektur entwickelt wurde, Plant Mercedes neben einer günstigeren Version mit 80 kWh-Akku für rund 600 Kilometer mittelfristig auch mit einem Diesel-Motor.
Wer es noch geräumiger und vornehmer möchte, für den gibt es noch in diesem Jahr einen VLS und 2027 erstmals einen Maybach-Van.
Denza D9: Raum für Luxus
Mit dem D9 greift BYDs Premiummarke Denza etablierte Luxus-Vans direkt an. Das 5,25 Meter lange Modell ist als Plug-in-Hybrid und als reines Elektroauto erhältlich, nach Deutschland kommt zunächst die DM-i-Hybridversion – als zweites Denza-Modell nach dem Sportkombi Z9 GT. Es gibt ihn mit bis zu sieben Sitzen im 2+2+3-Layout, "Zero Gravity"-Sesseln mit 16-Punkt-Massage und 14-facher Verstellung in Reihe zwei, Soft-Close-Türen, einem Kühl-Heiz-Fach und einer Anlage von Klangspezialist Devialet.
Denza D9 DM-i
Der Hybridantrieb kombiniert einen 1,5-Liter-Turbobenziner mit zwei E-Motoren zu einer Systemleistung von 353 PS, eine 59-kWh-Batterie erlaubt bis zu 210 Kilometer rein elektrische Reichweite nach WLTP, insgesamt kommt der D9 so auf fast 950 Kilometer Gesamtreichweite. Geladen wird mit bis zu 559 kW. In China ist zusätzlich eine rein elektrische Version mit größerer Batterie und bis zu 800 Kilometer Reichweite nach chinesischem Messverfahren erhältlich. Für Deutschland werden Preise zwischen rund 80.000 und 90.000 Euro genannt, einen genauen Auslieferungstermin nennt Denza allerdings noch nicht.
Volvo EM90: Skandinavische Gelassenheit
Mit dem EM90 interpretiert Volvo den Luxus-Van auf seine ganz eigene Weise. Statt möglichst viele Bildschirme oder spektakuläre Gimmicks in den Vordergrund zu stellen, setzt die schwedische Marke auf Ruhe, hochwertige Materialien und entspanntes Reisen. Der 5,21 Meter lange Van bietet sechs Sitzplätze mit großzügigen Einzelsesseln in der zweiten Reihe. Ein Elektromotor mit 272 PS treibt die Hinterräder an, gespeist von einer 116-kWh-Batterie – technische Basis ist die SEA-Plattform der Konzernschwester Zeekr, auf der auch der 009 steht.
Volvo EM90 - neue Fotos
Die Reichweite liegt nach chinesischem Zyklus bei bis zu 738 Kilometern, in Europa wären deutlich über 500 Kilometer realistisch, an der Schnellladesäule ist der Akku in weniger als 30 Minuten wieder zu 80 Prozent gefüllt. Für die versprochene Gelassenheit sorgen eine Zweikammer-Luftfederung, aufwendige Schallisolierung und geräuschreduzierende Reifen, dazu passt die eher gemütliche Beschleunigung von 8,3 Sekunden auf Tempo 100. Praktisch: Dank bidirektionalem Laden lässt sich der EM90 auch als mobile Steckdose nutzen, etwa für E-Bikes oder die Campingkühlbox. Der Preis liegt in China, wo der Van seit Anfang 2024 gebaut wird, umgerechnet bei rund 100.000 Euro – bislang allerdings bei eher überschaubaren Stückzahlen.
Zwar halten sich die Schweden beim Blick nach Europa noch bedeckt. Doch wenn die neuen Raumgleiter auch bei uns abheben, ist die Starterlaubnis aus Göteborg nur noch eine Formalie.
Zeekr 009: Business-Class auf Rädern
Kaum ein anderes Fahrzeug zeigt so eindrucksvoll, wohin sich der Luxus-Van entwickelt wie der Zeekr 009. Der 5,21 Meter lange Stromer wirkt eher wie eine rollende Lounge als ein Familienauto. Je nach Version verfügt er über sechs oder sieben Sitze, wobei die Topmodelle luxuriöse Einzelsessel mit Massage-, Liege- und Klimafunktion bieten, dazu ein 15,6 Zoll großer Dachbildschirm, ein 28-Lautsprecher-Soundsystem von Yamaha und Ambientebeleuchtung in 64 Farben. Zwei Elektromotoren liefern in der seit Mai 2026 gebauten, überarbeiteten Generation bis zu 912 PS und machen den Van erstaunlich schnell, wer es genügsamer mag, greift zur Einmotor-Version mit 416 PS und etwas größerer Reichweite.
Zeekr 9X
Die 115-kWh-Batterie der Topversion ermöglicht bis zu 720 Kilometer nach China-Zyklus, geladen wird dank neuer 900-Volt-Architektur ultraschnell. In China kostet der 009 – je nach Ausstattung – zwischen umgerechnet rund 57.000 und 61.000 Euro, die noch einmal deutlich luxuriösere Sonderversion 009 Grand mit Marmor-Applikationen aus dem Himalaya, 24-fach verstellbaren Anilinleder-Sesseln und 3,9 Sekunden auf Tempo 100 kostet umgerechnet rund 102.000 Euro.