Aus für den VW Touran: Das Ende der Vernunft

12.05.2026 12:24 Uhr | Lesezeit: 4 min
Nach rund 23 Jahren und 2,3 Millionen verkauften Exemplaren stellt VW den Touran ein.
Nach rund 23 Jahren und 2,3 Millionen verkauften Exemplaren stellt VW den Touran ein.
© Foto: VW

Das Van-Sterben geht weiter. Nun hat mit dem VW Touran ein ganz Großer dieser Fahrzeuggattung den Hut genommen. Ein Ersatz ist nicht in Sicht.

Er war nie cool, nie besonders emotional und stand nur selten im Mittelpunkt automobiler Sehnsüchte. Und doch war der VW Touran für viele Familien über Jahrzehnte genau das richtige Auto. Praktisch, übersichtlich, variabel und bezahlbar. Nun endet nach rund 23 Jahren die Produktion eines Modells, das wie kaum ein anderes für die Vernunftmobilität der frühen 2000er-Jahre stand und dessen Verschwinden zugleich das schleichende Ende einer einst facettenreichen Fahrzeuggattung markiert.

Wie die "Wolfsburger Allgemeine" berichtet, lief Ende April der letzte Touran im VW-Stammwerk vom Band. Auf der Webseite von Volkswagen ist das Modell zwar noch gelistet, allerdings nur noch als "Lagerfahrzeug". Frei konfigurierbar ist der Van damit nicht mehr. Hintergrund für das Produktionsende ist die ab Juli geltende "General Safety Regulation II Stufe C", deren Anforderungen der inzwischen betagte Kompaktvan nicht mehr erfüllt.

Vom Golf-Verwandten zum Familienliebling

Dabei war der Touran einst ein großer Wurf. Als er 2003 auf den Markt kam, traf er den Nerv vieler Familien, die ein alltagstaugliches Auto mit möglichst viel Platz auf möglichst kleiner Grundfläche mit Pkw-artigem Komfort suchten. Technisch basierte der Touran auf dem Golf V, bot aber deutlich mehr Innenraum, bis zu sieben Sitze und clevere Detaillösungen. Kein Lifestyle-SUV, kein Abenteuer-Versprechen, sondern ein ehrliches Gebrauchsauto. Er war noch einer dieser Volkswagen, die den Markennamen tatsächlich mit Leben füllten.


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Dass der Touran am Ende rund 2,3 Millionen Käufer fand, darf deshalb durchaus als Erfolgsgeschichte eines sozial geprägten westdeutschen Automobilverständnisses gelten: solide Technik, vernünftige Preise, hohe Alltagstauglichkeit und ein Auto, das sich breite Mittelschichten leisten konnten. Zum Marktstart kostete ein Touran rund 20.000 Euro. Heute liegt der Einstiegspreis bei mehr als 42.000 Euro.

Mit dem Touran verbunden ist zudem ein besonderes Kapitel deutscher Industriepolitik. Produziert wurde er zunächst von der eigens gegründeten Auto 5000 GmbH, einem arbeitsmarktpolitischen Projekt von VW und IG Metall unter Vermittlung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Unter dem Motto "5000 mal 5000" sollten 5.000 Arbeitslose zu einem Bruttolohn von 5.000 D-Mark eingestellt werden. Das Projekt galt damals als Symbol einer flexibleren Sozialen Marktwirtschaft und als Versuch, Industriearbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Das gelang: 2009 wurden die Beschäftigten der Auto 5000 GmbH vollständig in die Volkswagen AG übernommen.

SUV statt Sinn – warum der Van verschwindet

Mit dem Produktionsende des Touran verliert Volkswagen nun auch eines seiner letzten klassischen Familienautos jenseits des SUV-Segments. Schon der größere Sharan verschwand 2022 nach 27 Jahren Bauzeit. Auch andere Hersteller haben dem Genre den Rücken gekehrt. Zuletzt hatte Mercedes-Benz die B-Klasse eingestellt. Übrig geblieben ist mit dem BMW 2er Active Tourer praktisch nur noch ein einziger klassischer Kompaktvan deutscher Provenienz.


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Stattdessen dominieren heute SUV aller Größenklassen die Familienmobilität. Sie wirken emotionaler und prestigeträchtiger, benötigen allerdings oft mehr Platz und bieten trotz größerer Außenmaße nicht zwangsläufig mehr Nutzwert. Wer ein günstiges "Raumwunder" will, kann aktuell immerhin aus einem breiten Spektrum von Hochdachkombis wählen, die sich mittlerweile deutlich besser fahren als ihre einst auf Nutzfahrzeug-Plattformen basierenden Vorgänger. Alternativ wächst die Zahl großer elektrischer Luxusvans, die allerdings in ganz anderen Preis- und Nutzungssphären unterwegs sind.

Der Touran hinterlässt damit nicht nur eine Lücke im VW-Programm. Sein Abschied markiert womöglich auch das Ende einer automobilen Idee: jener maximal vernünftigen Familienautos, die weder Statussymbol noch Freizeitaccessoire sein wollten, sondern einfach möglichst praktisch. Genau darin lag lange ihre Größe.


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