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Stellantis-Managerin Davino: "Meine Tür ist immer offen"

Maria Grazia Davino: "Wir haben als Hersteller eine Vision. Aber im Austausch mit den Händlern lernen wir die Grenzen unserer Sichtweise kennen."
© Foto: Prof. Hannes Brachat

Seit April ist Maria Grazia Davino Sales and Marketing Director Stellantis Enlarged Europe. Für die Fiat-Händler hat sie in ihrer Zeit als CEO der FCA Germany AG markante Zeichen gesetzt. AUTOHAUS-Herausgeber Prof. Hannes Brachat sprach mit der Managerin in Frankfurt über die ersten 100 Tage in ihrer neuen Funktion.


Datum:
08.07.2021
Autor:
Prof. Hannes Brachat
Lesezeit: 
8 min
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AUTOHAUS: Wie charakterisiert Maria Grazia Davino ihre ersten 100 Tage als Head of Sales & Marketing Enlarged Europe Stellantis?

Maria Grazi Davino: Sehr interessant! Diese neue Welt war für mich nicht völlig neu. Bildlich gesprochen bekam ich eine größere Wohnung mit neuen Räumen zum Leben und Entdecken. "Enlarged Europe" bedeutet, dass die Länder Russland und Ukraine noch zu Europa gehören. Ja, die Verantwortung ist sehr groß und hat sich zweifelsohne erweitert. Mein Verantwortungsbereich umfasst nun die Entwicklung des Vertriebsnetzes, einschließlich Training, Medien, Digital und Customer Relationship Management, die Frage der Performance in allen Bereichen, die Koordination der Animation für die Performance von Low Emission Vehicles. Dabei haben wir große Ziele und wir brauchen eine Governance, eine Organisation, die die Komplexität koordiniert. Dann gehört das Thema E-Commerce zu meinem Bereich, Marketingmaßnahmen für alle Märkte. Es gibt auch spezielle Projekte, zum Beispiel den Direktverkauf an Kunden. Dies hat eine experimentelle Funktion. Das große Thema B2B liegt auch in meinem Verantwortungsbereich. Und dann ist da noch das wichtige Thema Gebrauchtwagen. Das alles zu organisieren, war am Anfang eine große Aufgabe. Dabei geht es nicht nur um unsere Organisation, sondern auch um viele Schnittstellen zu anderen Bereichen im Konzern. In der Zwischenzeit habe ich neue Prozesse einführen und andere verbessern können. Dabei lerne ich immer wieder neue Mitarbeiter kennen, es ist eine große Welt, eine andere Dimension.

FCA Deutschland und heute

AH: Können Sie Ihre Rolle als CEO von FCA Deutschland mit Ihrer "neuen Welt" vergleichen?

M. G. Davino: Das Geschäft auf dem Markt ist eher operativ. Jetzt habe ich eine neue Mischung aus operativem und strategischem Fokus. Es ist wichtig, dass uns die Dinge auf dem realen Markt immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Sie brauchen eine gute Mischung aus Tagesgeschäft und Vision. Führung! Es ist jetzt also eine andere Perspektive auf Führung.

Neue Prioritäten

AH: Gibt es jetzt klare Ziele oder Prioritäten für Ihre globalen Aufgaben?

M. G. Davino: Oh, ja! Hier nun ein vorläufiger Kommentar. Ich habe für jede Abteilung ein sehr gutes Team, sonst könnte ich dieses große Vorhaben "Autoplan" gar nicht attraktiv spielen. Die Priorität liegt darin, dass diese Einheit als Gesamtkatalysator funktioniert, und während ich mich im Moment auf die Bereiche Netzwerkentwicklung, B2B, Mobilität und Gebrauchtwagen konzentriere, müssen alle übrigen Leistungsbereiche so laufen, wie ich es mir vorstelle, nämlich mit dem Anspruch auf Perfektion. Große und wichtige Prozesse habe ich bereits auf den Weg gebracht. Die Transformation muss nun gestaltet werden und die Prozesse müssen klare Strukturen erhalten. Darauf konzentriere ich meine Bemühungen. Mein Ehrgeiz ist es, alles so zu gestalten, dass ich innovativ sein kann und ein zeitgemäßes, ein zukunftsorientiertes Automotive entwerfen kann.

Vertriebsstrategie Europa

AH: Unter dem neuen Dach von Stellantis haben sich ab März 2021 14 Marken mit unterschiedlichen Modellen zusammengeschlossen. Wie muss man sich die Vertriebsstrategie für Europa dafür vorstellen? 

M. G. Davino: Wir haben eine globale Markenorganisation (weltweit) und dann gibt es die regionalen Managements (z.B. Enlarged Europe). Die globale Organisation macht die Markenstrategie. Die Regionen filtern die Umsetzung der Strategie in Europa. Und dann sind da noch die einzelnen Länder, deren Management eine sehr wichtige Rolle spielt. Auch in den einzelnen Ländern sind die Marken operativ vertreten und stets aktuell marktorientiert.

Es handelt sich also um eine aktive Matrix. Sie finden eine individuelle Markenorganisation in den Ländern, die von der globalen Marke durch einen Filter des regionalen Managements projiziert wird: Diese Organisation orientiert sich sowohl an unseren Händlern und auch an den Kunden bzw. Kundenzielgruppen. Die Marken, die wir in unserem Portfolio haben, ergänzen sich gegenseitig. Und da haben wir ein Spektrum, das sehr interessant ist. Wir streben nach Vielfalt. Die Arbeit der Zentrale, die Arbeit der Marken und die Arbeit der regionalen Märkte ergänzen sich gegenseitig.

Vertrieb und Produktion

AH: Sie haben die europäische Verantwortung für den Vertrieb. Wie muss man sich die Koordination mit der Produktion für die einzelne Marke vorstellen?

M. G. Davino: Es ist sehr komplex, aber diese Koordination findet statt. Sie erfolgt individuell für jede der 14 Marken. Die Prozesse und die Methodik sind in jedem Fall gleich. Aber der Aufwand ist sehr hoch.

Händlerpolitik

AH: Stellantis hat europaweit alle Händlerverträge für 2023 gekündigt. Das sorgt für eine große Unsicherheit in den Autohäusern, wie es weitergehen soll?

M. G. Davino: Wir sind derzeit europaweit in zahlreichen Gesprächen mit Händlern. Wir haben die Strategie strukturiert und Workshops dazu abgehalten. Ja, wir haben als Hersteller eine Vision. Aber im Austausch mit den Händlern lernen wir die Grenzen unserer Sichtweise kennen. Meine Tür ist immer offen. Wir sprechen auch individuell mit den Händlern. Mitte Juli werden wir die Händlerschaft informieren, wer Teil der Organisation bleiben wird, wer sehr wahrscheinlich bleiben wird und wer leider nicht mehr Teil der Organisation sein wird. Die Händler, mit denen wir weiterhin zusammenarbeiten werden, werden wir fördern, damit sie das erfüllen können, was wir für eine erfolgreiche gemeinsame Zukunft für notwendig halten.

Die Zukunft der Marken

AH: Wird Stellantis mit allen 14 Marken weitermachen? Werden alle Produktionsstandorte erhalten bleiben?

M. G. Davino: Ja! Die Pläne für jede Marke sind nun auf zehn Jahre angelegt. Dazu kann ich in Kürze mehr sagen. Ich möchte auch ein klares Ja zur Beibehaltung der einzelnen Produktionsstandorte sagen.

Kostenreduzierung

AH: Woher soll die von Konzernchef Carlos Tavares angekündigte Kostensenkung von fünf Milliarden Euro kommen?

M. G. Davino: Wir sollten uns alle grundlegend überlegen, wie viel Ineffizienz es derzeit in all unseren Systemen gibt. Oder auch, wie viele weitere Möglichkeiten wir durch IT, Digitalisierung und KI noch gestalten können. Ich könnte ihnen dazu zahlreiche Potenziale aufzeigen.

Wettbewerb

AH: Wenn Sie sich mit Ihrem Konkurrenten VW vergleichen - worin bestehen die signifikanten Unterschiede?

M. G. Davino: Zunächst einmal sind es völlig unterschiedliche Strukturen. Aber es geht nicht nur um Marktanteile. Lassen sie mich die Sache von einem ganz anderen Standpunkt aus betrachten. Es ist wichtig, zwei große Hersteller in Europa zu haben. Wettbewerb ist in unserer kapitalistischen Wirtschaft sehr wichtig. Wir werden kämpfen müssen, aber nicht nur zwischen uns. Das Problem sind die neuen Lieferanten, die auf dem europäischen Markt eintreten werden. Wenn wir schwächeln, werden Dritte, insbesondere die neuen Anbieter aus Asien das auszunutzen wissen. Darauf müssen wir vorbereitet sein, darauf müssen wir Antworten geben.

© Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Andre M. Chang

Peugeot-Urteil

AH: Sie waren von 2014 bis 2016 Chefin von Fiat in Österreich. Jetzt hat der Oberste Gerichtshof in Wien (OGH) in letzter Instanz am 22. März 2021 ein Hammer-Urteil bestätigt. Inzwischen gehört Fiat zu Stellantis und der Konzern hatte die Verantwortung bei der Umsetzung der Vorlage bis zum 22. Juni 2021. Werden die Anforderungen des OGH nun umgesetzt?

M. G. Davino: Wir sind Lernende. Wir haben unsere Sicht der Dinge dazu an das OGH in Wien geschrieben. Und ich hoffe wirklich, dass es jetzt vorwärts geht und wir weiter zusammenarbeiten werden. Für wen ist die Konfrontation sinnvoll? Kurzfristig macht es Sinn für diejenigen, die daraus möglicherweise Geld erhalten. Aber unsere Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Händlern ist langfristig, ist für die gemeinsame Zukunft angelegt. Lassen sie uns darauf konzentrieren, was uns alles eint.

Die Herausforderung der Transformation

AH: Was sind die wichtigsten Aufgaben für die Automobilindustrie und den Handel in puncto Transformation?

M. G. Davino: Lassen sie mich mit dem Thema IT beginnen und das für die gesamte Branche. Die notwendigen Veränderungen, d.h. die Transformation, kann zu einem großen Teil durch die IT gestaltet werden, aber sie kostet viel Geld. Wer Systeme schneller, besser, weil kreativer implementiert, wird das Rennen gewinnen. Sie können sehen, wie rasch der Kunde für sich die virtuelle Welt und das Erlebnis dort entdeckt hat, d.h. unsere Prozesse müssen für den Kunden perfekt sein. Auch das Verhältnis im Vertrieb, also wie wir das Auto auf den Markt bringen, muss neu geordnet werden. Oder wir beschäftigen uns mit dem Thema Fahrzeugverbrauchswerte, Elektromobilität oder anderen alternativen Antrieben und Geschäftsmodellen, also das Thema Auto & Umwelt. Das ist allerdings viel komplexer angelegt als nur die Perspektive auf die CO2-Reduktion.

Elektromobilität und alternative Antriebe

AH: Stichwort Greentech: Was ist die E-Auto-Strategie für Ihren Konzern?

M. G. Davino: Viele Dinge werden nach und nach elektrisch werden. Es gibt klare und ehrgeizige Ziele für 2025 und 2030. Allerdings wird die Komplexität unterschätzt, die hinter der erfolgreichen Implementierung des E-Marktes in seiner Gesamtheit steht. Es gibt noch einige Hürden auf dem Markt zu überwinden. Schauen Sie sich die Details der Ladeinfrastruktur innerhalb Europas an, unterschiedliche Ladesysteme, Bezahlsysteme, unterschiedliche Strompreise, Ökostrom, Speichersysteme im Auto usw. an. Die Mobilität verändert sich strukturell und an diesem Wandel teilzuhaben ist sehr wichtig. Es werden daraus neue Geschäftsmodelle entstehen.

Unterschiedliche Kulturen

AH: Wie schaffen Sie es, mit den verschiedenen Kulturen, hier D, F, I, UK, dort Russland und Ukraine, nicht nur sprachlich zurechtzukommen?

M. G. Davino: Ich habe mich mein ganzes Leben darauf vorbereitet. Auch als ich in Deutschland gearbeitet habe. Wir haben einen internationalen Fußabdruck. Wir müssen die Identität der anderen Ländern wirklich respektieren und auch diejenigen wirklich ernst nehmen, die nicht international sein wollen und eine lokale Dimension und Kultur bevorzugen. Europäisches Management muss heute aber international sein. Ich komme aus Neapel, und ich betrachte mich auch deswegen als international ausgebildet.

Impuls für die deutsche FCA-Händler

AH: Da wir heute in Frankfurt sind und Sie von hier aus FCA Germany drei Jahre geleitet haben, welchen Impuls geben Sie abschließend Ihren ehemaligen FCA-Händlern, die Sie "geliebt" haben? Ab August werden sie Ihren neue Aufgabe von Paris aus führen.

M. G. Davino: Bitte, geben Sie niemals auf! Und ich wünsche ihnen viel Kraft, Freude und automobile Leidenschaft, um den jeweiligen Alltag erfolgreich für ihre Kunden, für ihr Team und für sich zu gestalten!

AH: Herzlichen Dank für das Gespräch!

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