Autotürgriffe in der Kritik: Der letzte Halt für Retter

10.02.2026 11:53 Uhr | Lesezeit: 3 min
Tesla Türgriff
Tesla hat den versenkten Türgriff populär gemacht.
© Foto: Tesla

Türgriffe am Auto sind mehr als ein Designmerkmal. Auch für die Sicherheit der Insassen spielen sie eine Rolle.

Sie sehen futuristisch aus, sollen Windgeräusche senken und ein paar Kilometer mehr Reichweite herauskitzeln: Versenkbare oder flächenbündige Türgriffe haben sich – vor allem bei E-Autos – in wenigen Jahren vom Design-Gag zum Standardmerkmal entwickelt. Doch der aerodynamische Klinkenersatz steht immer wieder in der Kritik – vor allem wegen Mängeln bei der Unfallsicherheit. China führt nun als erstes Land verbindliche Sicherheitsregeln für Neuwagen ein, die viele der „Hidden Handles“ in ihrer heutigen Form faktisch ausbremsen. 

Populär gemacht hat die bündigen oder eingelassenen Türgriffe bereits in den 2010er-Jahren das Tesla Model S, bei dem die futuristisch wirkenden, elektrisch ausfahrbaren "Presenting Handles" für viele Kunden Teil der Faszinationspotenzials der amerikanischen E-Autos waren. Das Konzept hat viele Nachahmer gefunden und wurde vor allem in den vergangenen fünf Jahren zum Erkennungszeichen moderner E-Autos.

Von Mercedes bis Kia, von Xpeng bis Leapmotor

Von Mercedes bis Kia, von Xpeng bis Leapmotor – kaum ein neuer Stromer kommt heute ohne aus. Neben gestalterischen Gesichtspunkten spielten dabei auch die Windschnittigkeit der bündigen Griffe eine Rolle – der individuelle Effekt ist zwar gering, im aerodynamischen Gesamtkonzept der Fahrzeuge spielt er aber durchaus eine Rolle. Nicht immer zum Gefallen der Kundschaft: Von schlechter Griffigkeit über wahllos wirkendes Rein- und Rausfahren bei der Annäherung ans Fahrzeug bis hin zu dem Umstand, dass die Griffe weithin signalisieren, wenn der Fahrer vergessen hat, das Auto abzuschließen, reichen die Kritikpunkte. 

Viel wichtiger aber dürfte das Sicherheitsproblem sein: Bei manchen Konzepten erfolgt die Entriegelung primär elektrisch – über Sensoren, Tasten, Funk-Schlüssel oder Smartphone. Nach einem Crash kann das zur Hürde werden, wenn die Bordelektrik ausfällt, Leitungen beschädigt sind oder der Griff nicht mehr ausfährt. Rettungskräfte warnen seit Längerem vor Zeitverlusten, wenn Türen nicht intuitiv und ohne Strom von außen zu öffnen sind. Auch der ADAC hatte versenkbare Türgriffe als mögliches Sicherheitsrisiko eingeordnet und Insassen geraten, die mechanische Notentriegelung vor Fahrtantritt zu kennen. 

Türgriff
Versenkte Griffe sind keine neue Erfindung. Schon der Mercedes 300 SL hatte sie.
© Foto: Mercedes-Benz

Diskussionen über Türgriffe sind nicht neu. So kam bereits Ende der 1980er-Jahren die Mode auf, Türgriffe nicht mehr als Bügel, sondern als Klappgriffe auszuführen. Besonders bei der Marke Audi, die damals extrem viel Wert auf Aerodynamik legte, war die Technik populär. Zum Öffnen musste man die Finger in eine Mulde im Türblatt stecken und den waagrechten Griff nach oben ziehen. Das war windschlüpfig und schick, machte es aber schwierig, den Griff mit dicken Feuerwehrhandschuhen sicher zu packen, was immer wieder für Kritik sorgte. Mittlerweile ist diese Bauart daher nur noch selten zu finden. 

Elektrisch versenkbare Griffe mit Zukunft?

Auch die elektrisch versenkbaren Griffe könnten bald wieder verschwinden. China will nun einen neuen Standard einführen, der unter anderem Vorgaben für eine mechanische Entriegelung, den notwendigen Greif- und Bedienraum sowie Kennzeichnung und Hinweise für innere Türöffner macht. Offenbar verlangt das zuständige Ministerium, dass jede Tür sowohl außen als auch innen über Griffe verfügt. Mechanische Entriegelungen sind dabei verpflichtend, elektrische "Innovationen" bleiben erlaubt – aber nur als Zusatz.

Ziel ist es ausdrücklich, Schwachstellen wie "unbequeme Außenbedienung" und Türen, die nach Unfällen nicht zu öffnen sind, zu beseitigen. Einige Details sind noch unklar, bekannt ist aber schon der Zeitplan: Neue Fahrzeugmodelle müssen ab 1. Januar 2027 konform sein, für bereits genehmigte Baureihen gilt eine Übergangsfrist bis 1. Januar 2029. 

Auslöser für die Neuregelung in China war ein aufsehenerregender Unfall: Staatliche Medien berichteten im Oktober, der Fahrer einer Xiaomi SU7 Ultra Limousine sei bei einem Unfall gestorben, weil Passanten die Tür nicht öffnen konnten, um ihn aus einem brennenden Fahrzeug zu ziehen. Xiaomi habe den Vorfall öffentlich nicht kommentiert. Dass die Türgriffe nicht nur ein chinesisches Thema sind, zeigt ein Blick in die USA, wo die Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA nach Unfällen eine Untersuchung zu den Not-Entriegelungsbedienelementen beim Tesla Model 3 gestartet hat. Dabei geht es vor allem um die Auffindbarkeit und Erkennbarkeit der mechanischen Notlösung, wenn die elektronische Entriegelung nicht funktioniert. 

Euro NCAP passt Testprotokolle an

Unabhängig davon geraten die versenkten Griffe aber auch in Europa unter Druck. Die Crashtest-Organisation Euro NCAP hat Anfang des Jahres tiefgreifende Änderungen bei den Testprotokollen durchgeführt, die auch die Türöffner betreffen. So müssen unter anderem elektrisch betriebene Außentürgriffe nach einem Aufprall funktionsfähig bleiben, damit Einsatzkräfte schneller Zugang bekommen. 

Für deutsche Autofahrer ist der Vorstoß Chinas also mehr als eine Randnotiz aus Fernost: Viele Autohersteller entwickeln Plattformen global. Wenn China mechanische Redundanz erzwingt und Euro NCAP zugleich die Rettungsfreundlichkeit stärker bewertet, dürfte sich der Türgriff auch hierzulande anpassen. Statt Design und Aerodynamik wird künftig wichtiger, dass Türen im Ernstfall ohne Suche, ohne Umwege und notfalls ohne Bordstrom geöffnet werden können – und zwar so, dass auch Handschuhe und Werkzeuge nicht am Design scheitern.

Ob es eine Renaissance des klassischen Bügelgriffs gibt, ob vielleicht sogar die nur noch von Oldtimern bekannte Klinke oder der Druckknopf zurückkommt, bleibt abzuwarten. Und sogar der bündig versenkte Griff könnte eine Zukunft haben – schon beim Mercedes 300 SL Flügeltürer gab es eine mechanische Variante. Drückte man auf den vorderen Teil des Hebels, klappte sich der hintere wie bei einer Wippe als Türgriff heraus. Ganz ohne elektrische Hilfe. 


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