Wer in diesen Tagen auf die Automobilindustrie blickt, stößt meist auf Schlagworte wie Sparprogramme, Strukturwandel und Wettbewerbsdruck. Umso bemerkenswerter wirkte jüngst der Auftritt von VW-Konzernchef Oliver Blume auf dem Pioneer-Medienschiff. Statt Krisenrhetorik dominierte ein Ton, der Realismus mit Zuversicht verband.
Blume sprach mit Journalist Gabor Steingart über Elektromobilität, Produktivität, Modellpolitik und die Rolle des Handels. Für den Automobilhandel ergaben sich daraus gleich mehrere Denanstöße. Und am Ende stand eine Frage, die weit über Volkswagen hinausreicht: Welche Wachstumsstory erzählen Hersteller und Händler ihren Kunden künftig eigentlich?
Die Nachlese gibt die folgenden Learnings und Anregungen für eine neue Wachstumsstory her:
1) Coole Führung: Oliver Blume wirkt auch in den aktuell turbulenten Zeiten nicht wie ein Getriebener, sondern strahlt Klarheit und Zuversicht aus – ohne die Situation schön zu reden. Ruhig bleiben ist als Gebot der Stunde zur Nachahmung empfohlen.
2) Der Verbrenner weicht der Elektromobilität. Ja, aber bitte nicht mit der Brechstange, sondern mit den Kunden. So räumte der VW-CEO ein, dass es ein Fehler war, den neuen Porsche Macan als Electric-Only-Variante auf den Markt zu bringen. Es wird Zeit für eine Verbrenner-Variante. Von der dann möglichen Wahl wird sowohl der Macan insgesamt als auch die E-Variante profitieren. "Power of Choice" lässt grüßen.
3) Ziel des VW-Sparkurses ist es laut Blume, den Konzern bei der Produktivität auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu bringen. Das hört sich besser an und ist auch besser als "Kahlschlag & Co". Passend dazu betonte der Manager, dass der Konzern bei der Technologie wettbewerbsfähig ist, bei den Kosten allerdings nicht. So geht Krisenkommunikation.
4) Ähnlich den China-Restaurants ist die Speisekarte der von VW angebotenen Fahrzeugmodelle zu groß. Ausdünnung und der konsequente Abbau von Überkomplexität stehen ganz oben auf der Agenda.
5) Beim Zurück zu etablierten Produktbezeichnungen wie ID. Polo und ID. Tiguan profitiert VW (wieder) von der Vertrautheit bisheriger Modelle und unterstützt damit die Transformation der Marke in Richtung Elektromobilität. Ein ID. Golf und ID. Passat könnten folgen.
6) Das etablierte Händlernetz ist laut Blume ein Wettbewerbsvorteil aller Konzernmarken vor allem gegenüber den Quereinsteigern aus China. Die Pflege der Erfolgspartnerschaft und die Schaffung von "Future Readiness" sind wichtiger denn je.
Zum Schluss stellte Steingart noch eine Frage, die ursprünglich vom Kapitalmarkt kommt, aber auch für Kunden und Mitarbeiter im Handel wichtiger wird: Welche Geschichte erzählen wir zu unserem zukünftigen Wachstum? Positionieren wir uns als Spezialist für Elektromobilität oder für technologieoffene Lösungen für klimaschonende Mobilität? Letzteres könnte auch emotional mit gelebter Kundenorientierung und dem Bedienen individueller Mobilitätsbedürfnissen aufgeladen werden.