Neuer Batteriecheck für den Handel: TÜV Nord und Carly zeigen SoH-Bewertung am Nürburgring

18.03.2026 12:15 Uhr | Lesezeit: 3 min
TÜV-Nord-Mobilitätschef Hartmut Abeln erklärte, warum das Thema SoH an Bedeutung gewinnt, welche Rolle die Dienstleistung künftig spielen könnte und wo die Grenzen der Bewertung liegen.
© Foto: Michael Harms/AUTOHAUS

Wie fit ist die Antriebsbatterie von E-Autos wirklich? Bei einem TÜV‑Nord‑Event konnten Teilnehmer den Gesundheitszustand erstmals selbst per App auslesen – mit klaren Konsequenzen für Bewertung, Preisfindung und Vertrauen im Gebrauchtmarkt.

Wie lässt sich der Zustand einer Hochvoltbatterie transparent und praxisnah bewerten? Bei einer Fachtagung von TÜV Nord und Carly am Nürburgring stand am vergangenen Montag der State of Health (SoH) im Mittelpunkt. Teilnehmer konnten den Batteriezustand von Elektrofahrzeugen selbst per App auslesen und als Zertifikat dokumentieren – mit klaren Erkenntnissen für Handel und Bewertung. 

Transparenz beim Batteriezustand im Fokus 

Der Zustand der Hochvoltbatterie ist einer der entscheidenden Faktoren bei der Bewertung gebrauchter Elektrofahrzeuge. Gleichzeitig fehlt im Markt häufig eine einheitliche, nachvollziehbare Kennzahl, die über reine Sicherheitsprüfungen hinausgeht. Genau hier setzt der von TÜV Nord gemeinsam mit dem Datenexperten Carly entwickelte Batteriecheck an. Im Mittelpunkt steht der sogenannte State of Health (SoH), der beschreibt, wie viel nutzbare Kapazität eine Batterie im Vergleich zum Neuzustand noch besitzt.

Beim Event am Nürburgring erläuterten die Partner, wie sich dieser Wert auf Basis vorhandener Fahrzeugdaten ermitteln lässt – ohne aufwendige Lade und Entladezyklen. Ziel ist es, eine technisch fundierte, reproduzierbare Aussage zu ermöglichen, die sich im Handelsalltag einsetzen lässt.  

Hands-on-Ansatz: Batteriecheck per App 

Ein zentrales Element der Veranstaltung war der Praxisbezug. Die Teilnehmer konnten den Batteriecheck selbst durchführen: Über einen Diagnose-Adapter und die eigene Carly App wurden relevante Fahrzeugdaten ausgelesen und zu einem strukturierten Prüfbericht zusammengeführt. Das Ergebnis ist ein individuelles Batterie-Zertifikat mit Angaben zum Gesundheitszustand, Ladezustand und weiteren technischen Parametern des Hochvoltsystems. 


TÜV Nord/Carly-Fachevent am Nürburgring

TÜV Nord/Carly-Fachevent am Nürburgring Bildergalerie

Damit wurde deutlich, wie niedrig die Einstiegshürde für eine standardisierte Batteriebewertung ist. Der SoH-Wert entsteht dabei nicht als einzelner Messpunkt, sondern als Ergebnis einer Auswertung zahlreicher Betriebs- und Systemdaten, die technisch eingeordnet werden. 

Datengrundlage: 50.000 ausgewertete Fahrzeuge 

Die vorgestellten Inhalte stützen sich auf eine breite Datenbasis. Insgesamt haben TÜV Nord und Carly rund 50.000 Fahrzeuge ausgewertet. In diese Auswertung fließen auch Batteriedaten von Elektrofahrzeugen früher Generationen ein. Verbesserte Zellchemien, weiterentwickelte Batteriemanagementsysteme und optimierte Thermoregulierung prägen heutige Fahrzeuggenerationen. Die gemessen Werte werden sich daher in Zukunft weiter verbessern. 

Über alle ausgewerteten Fahrzeuge hinweg liegt der durchschnittliche Batteriezustand bei rund 96 Prozent. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Fahrzeuge weist eine Restkapazität von unter 85 Prozent auf. Zudem zeigen sich klare Zusammenhänge zwischen Laufleistung und Alterung: Bis etwa 90.000 Kilometer verläuft der Kapazitätsverlust moderat, danach nimmt er sichtbar zu.

Relevanz für Bewertung und Vermarktung 

Für den Autohandel ist diese Einordnung zentral. Batteriedaten müssen immer im technischen und zeitlichen Kontext betrachtet werden. Ein transparenter SoH-Check hilft dabei, Fahrzeuge früherer Generationen realistisch einzuordnen und zugleich die verbesserte Haltbarkeit moderner Batteriesysteme nachvollziehbar zu machen.

Der dokumentierte Batteriezustand bietet damit eine objektive Grundlage für Preisfindung, Bestandsbewertung und Kundenberatung – insbesondere bei Leasingrückläufern und jungen Gebrauchten. Gleichzeitig reduziert er Erklärungsaufwand und schafft Vertrauen im Verkaufsgespräch. 

Eine individuelle, fahrzeugbezogene Analyse gewinnt damit zunehmend an Bedeutung.


Drei Fragen an Hartmut Abeln, CEO TÜV Nord Mobilität

Der TÜV Nord erweitert sein Prüfportfolio um die Auswertung des Batteriezustands bei Elektroautos. Mit dem sogenannten State of Health (SoH) lässt sich der Gesundheitszustand einer Hochvoltbatterie standardisiert erfassen. Für Käufer und Verkäufer gebrauchter Elektroautos wird das zunehmend relevant, denn noch ist das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und Lebensdauer gebrauchter Stromer nicht allzu hoch.

Bei der Hauptuntersuchung wird bisher der technische Zustand geprüft. Mit der Batterieanalyse geht der TÜV Nord jetzt deutlich tiefer ins Fahrzeug hinein. Wird sie künftig Teil der Hauptuntersuchung? 

Hartmut Abeln: Ganz neu ist der Ansatz nicht. Das Auslesen von Fahrzeugdaten und das Erkennen von Fehlern in Steuergeräten gehört bereits seit über zehn Jahren zur Hauptuntersuchung. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter, indem wir den inneren Zustand der Batterie betrachten. Sie rückt in den Fokus, weil sie das zentrale Bauteil im Elektroauto ist. Fahrzeuge haben sich in den letzten Jahren massiv verändert. Sie bestehen heute zu großen Teilen aus Elektronik und Software. Deshalb ist es nur konsequent, dass sich auch die Prüfdienstleistungen weiterentwickeln. Perspektivisch erwarten wir, dass die Batterieprüfung auch in die Fahrzeugüberwachung einfließt. Aktuell setzen wir sie aber nur im freiwirtschaftlichen Bereich ein, etwa bei Fahrzeugbewertungen, Rücknahmen oder im Gebrauchtwagenhandel, wo der Batteriezustand entscheidend ist.

Welche Daten bekommt der Kunde konkret? Kann er mit einem Wert wie etwa 85 Prozent überhaupt etwas anfangen?

Hartmut Abeln: Die Zahl allein sagt vielen zunächst wenig. Deshalb ordnen wir sie immer auch ein. Ein SoH-Wert von 85 Prozent bedeutet, dass rund 15 Prozent der ursprünglichen Batteriekapazität und damit auch 15 Prozent der Reichweite verloren gegangen sind. Das lässt sich gut greifbar machen, etwa über die noch verfügbare Energiemenge. Wichtig ist unsere Rolle. Der TÜV Nord ist neutraler Prüfdienstleister. Wir bewerten den technischen Zustand und dokumentieren ihn. Mit diesem Protokoll kann der Kunde dann etwa zu einer Werkstatt gehen und die nächsten Schritte klären. Wir liefern bewusst keine individuellen Hochrechnungen oder konkrete Reichweitenprognosen, sondern bleiben bei der technischen Bewertung und der verständlichen Interpretation des Ist-Zustands.

Ab 90.000 Kilometer Laufleistung beschleunigt sich die Alterung der Batterie. Geben Sie dem Kunden auch eine Prognose zur weiteren Entwicklung?

Hartmut Abeln: Nein, genau das tun wir nicht. Wir beschreiben immer den Zustand des Fahrzeugs zum Zeitpunkt der Prüfung. Das ist das Grundprinzip unserer Arbeit. Wir bewerten, was wir aktuell messen können. Aussagen über die zukünftige Entwicklung einer Batterie wären spekulativ, weil sie von vielen Faktoren abhängen, etwa vom Nutzungsprofil, von Ladegewohnheiten oder von äußeren Einflüssen. Alles, was darüber hinausgeht, wäre nicht seriös und gehört nicht zu unserem Prüfauftrag.




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