Der Ankauf von Gebrauchtwagen bleibt für viele Händler ein schwer kalkulierbares Geschäft. Versteckte Mängel, unklare Reparaturkosten und begrenzte Diagnosemöglichkeiten erschweren belastbare Bewertungen. Die Münchner Car-Tech-Firma Carly will mit einer neuen Plattform mehr Transparenz schaffen und bringt erstmals Fahrzeugdaten auf Herstellerniveau in den freien Markt.
Mit "Carly Vista" stellt das Unternehmen eine Lösung vor, die sogenannte OEM-Grade-Daten ausliest und in konkrete Handlungsempfehlungen für den Handel übersetzt. Gleichzeitig macht Carly seinen Datenbestand zum ersten Mal als Intelligence-Produkt über eine Programmierschnittstelle (API) für Geschäftskunden zugänglich – ohne zusätzliche Hardware oder physische Fahrzeugauslesung.
Hoher Reparaturbedarf im Bestand
Ein Pilotprojekt liefert Hinweise auf das Risiko im Gebrauchtwagensegment. In einer Untersuchung von Fahrzeugen aus 26 Marken und Baujahren zwischen 2012 und 2025 wiesen 61 Prozent der analysierten Autos Fehlercodes auf. Der durchschnittliche Reparaturbedarf lag bei rund 833 Euro. Bei 17 Prozent der Fahrzeuge bestand unmittelbarer Handlungsbedarf, um Folgeschäden zu vermeiden.
Besonders häufig traten Probleme in der Elektrik auf (43 Prozent). Weitere Schwerpunkte lagen bei Infotainment- und Telematiksystemen (15 Prozent) sowie in den Bereichen Karosserie, Komfort und Sicherheit.
Komplexität treibt Kosten
Eine zentrale Erkenntnis der Auswertung: Nicht einzelne Defekte sind ausschlaggebend für hohe Kosten, sondern das Zusammenspiel mehrerer Systeme. Wenn insbesondere Elektronik, Fahrassistenzsysteme und Sicherheitskomponenten gleichzeitig betroffen sind, steigt der Reparaturaufwand überproportional.
Damit rückt die Komplexität moderner Fahrzeuge stärker in den Fokus der Bewertung. Klassische Diagnoseverfahren stoßen hier laut Anbieter oft an Grenzen, da sie entweder nur Rohdaten liefern oder auf einzelne Hersteller beschränkt bleiben.
Datenbasierte Bewertung im Fokus
Carly Vista setzt an dieser Stelle an und kombiniert nach eigenen Angaben eine markenübergreifende Datenerfassung mit einer strukturierten Auswertung. Die Plattform erfasst Fehler systematisch über elf Domänen und 26 Subdomänen und leitet daraus konkrete Einschätzungen ab.
Zu den Funktionen gehören unter anderem Reparaturkostenschätzungen auf Basis realer Daten, Bewertungen des Schweregrads von Mängeln sowie sogenannte Root-Cause-Analysen. Ergänzt wird dies durch Ansätze für vorausschauende Wartung und verifizierte Reparaturhinweise.
"Risiken im Ankauf werden deutlich transparenter, Margen lassen sich präziser kalkulieren und unerwartete Kosten im Nachgang reduzieren. Gleichzeitig ermöglicht die datenbasierte Zustandsbewertung eine objektivere Preisargumentation gegenüber Kunden und schafft Vertrauen im Verkaufsprozess", sagt Carly-Chef Avid Avini. Prozesse wie Fahrzeugprüfung, Aufbereitung und Weiterverkauf könnten dadurch effizienter und standardisierter ablaufen.