Fahrerassistenzsysteme: "Technik ersetzt keine Verantwortung"

22.04.2026 20:11 Uhr | Lesezeit: 6 min
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Schwere Unfallschäden, bei denen mutmaßlich übermüdete Fahrer ungebremst auf einen Lkw oder -Anhänger auffahren, können von Altfahrzeugen ohne entsprechende Fahrerassistenzsysteme nicht selbstständig vermieden werden. Der AvD warnt aber auch bei modernen Pkw davor, sich vollends auf FAS zu verlassen. Gerade Landstraßen seien oft kurvenreich und es fehlen Markierungen am Fahrbahnrand oder in der Mitte. "Dann können die Assistenzsysteme nicht ordentlich funktionieren oder lenken gar in falsche Bahnen."
© Foto: Walter K. Pfauntsch

Die Zahl der Getöteten im Straßenverkehr bleibt relativ konstant. Nach wie vor ereignen sich aber auf Landstraßen die meisten schweren Unfälle. Der AvD fordert deshalb jetzt eine bessere Infrastruktur und mehr Rücksicht untereinander.

Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland ist zuletzt wieder leicht gestiegen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts (Destatis) kamen im Jahr 2025 insgesamt 2.814 Menschen im Straßenverkehr ums Leben, 44 Personen mehr gegenüber dem Vorjahr (wir berichteten).

Auch das Bundesministerium für Verkehr bestätigt diesen Trend und verweist auf zunehmende Risiken, insbesondere auf Landstraßen. Der Automobilclub von Deutschland (AvD) sieht hier besonders die Politik gefordert. Investitionen in eine sichere Infrastruktur unter Berücksichtigung aller Verkehrsteilnehmer sind längst überfällig.

Besonders häufig ereignen sich tödliche Unfälle auf Landstraßen. Laut Destatis entfielen im Jahr 2024 über 62 Prozent aller Verkehrstoten auf diese Straßenkategorie, obwohl dort deutlich weniger Verkehr herrscht. Hauptursachen sind überhöhte Geschwindigkeit, riskante Überholmanöver und Ablenkung. Innerorts spielen hingegen Abbiegefehler und Konflikte mit schwächeren Verkehrsteilnehmern wie Radfahrern und Fußgängern eine größere Rolle.

Deutlich weniger Getötete auf Autobahnen

Auf Deutschlands Autobahnen kamen dagegen im Jahr 2024 nur 223 Verkehrsteilnehmer (knapp 9 Prozent) ums Leben. Die wesentlichen Gründe dafür sind die klare Trennung der Fahrtrichtungen, die bessere Infrastruktur mit breiteren Spuren und längerer Sichtweite und der Einsatz von moderner Technik wie Spurhalteassistent, adaptivem Tempomat oder Notbremsassistent. Auf der Autobahn treffen diese Systeme auf optimale Bedingungen.

Technik kann helfen, ersetzt aber keine Verantwortung

Wie erwähnt leisten moderne Fahrassistenzsysteme bereits heute einen wichtigen Beitrag zur Verkehrssicherheit. Der TÜV-Verband mahnt hier jedoch an, dass die Technik nicht überfordern darf, sondern intuitiv und zuverlässig funktionieren muss. Weniger essenziell sind aus Sicht des AvD daher Komfortsysteme ohne direkten Sicherheitsgewinn. Die Technik sollte den Fahrer unterstützen, aber niemals ersetzen. Wer sich zu sehr auf Assistenzsysteme verlässt, riskiert neue Gefahren durch Unaufmerksamkeit.

Gerade auf Landstraßen sollten Autofahrer nur bedingt den technischen Hilfsmitteln Vertrauen schenken. Hier sind Straßen oft kurvenreich und es fehlen Markierungen am Fahrbahnrand oder in der Mitte. Dann können die Assistenzsysteme nicht ordentlich funktionieren oder lenken gar in falsche Bahnen. Das Ziel ist, die Infrastruktur in Zukunft fehlerverzeihend zu gestalten. Hindernisfreie Seitenräume an den Straßen, Sicherheitsabstände und ein selbsterklärendes Design sollen dann möglichst schwere Unfallfolgen verhindern. Bis dahin rät der AvD dazu, aufmerksam zu bleiben, die Geschwindigkeit anzupassen und das Lenkrad fest in Händen zu haben. Ablenkung etwa durch Smartphones, Touchscreens oder weitere Insassen gilt es zu vermeiden.

Vision Zero als Leitbild

Die "Vision Zero" ist eine internationale Vereinbarung, mit der die EU die Zahl der Verkehrstoten bis zum Jahr 2030 um 40 Prozent senken will. Auch Deutschland hat dies unterschrieben. Mit dem "Pakt für Verkehrssicherheit" bündelt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) die Aktivitäten von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Der AvD ist als Mitglied selbstverständlich den Zielen der Vision Zero verpflichtet, sieht diese jedoch nur erreichbar, wenn alle Faktoren zusammenspielen. Hierzu gehören eine konsequente Verkehrsüberwachung, sichere Fahrzeuge und verantwortungsbewusstes Verhalten, aber vor allem eine bessere Infrastruktur. Es bedarf eines langfristig gesicherten Investitionsprogramms von Bund und Ländern. Zu den Sicherheitsmaßnahmen gehören baulich getrennte Fahrbahnen, zusätzliche Überholstreifen, klar erkennbare Markierungen sowie der systematische Einsatz von Schutzplanken auch für Motorradfahrer.

Auto weiterhin wichtigstes Verkehrsmittel

Das Auto bleibt das wichtigste Verkehrsmittel. Laut der Studie "Mobilität in Deutschland" werden über die Hälfte aller Wege mit dem Pkw zurückgelegt, im ländlichen Raum sogar mehr als 60 Prozent. Hierauf sollte daher der Fokus gerichtet sein. Das Ziel bleibt aber die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer. Ohne Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit und gegenseitiges Verständnis kann dies nicht gelingen.

"Verkehrssicherheit beginnt im Kopf"

AvD Präsident Lutz Leif Linden: "Sicherheit im Straßenverkehr beginnt im Kopf. Moderne Technik kann uns in kritischen Situationen unterstützen und Unfälle verhindern, aber sie entbindet niemanden von der eigenen Verantwortung. Entscheidend bleibt ein vorausschauender, aufmerksamer Fahrstil. Wer konzentriert fährt, Regeln respektiert und Rücksicht auf andere nimmt, schützt nicht nur sich selbst, sondern trägt wesentlich dazu bei, dass unsere Straßen für alle sicherer werden."

Ein Vergleich der Unfallzahlen in den vergangenen Jahren zeigt, dass die Entwicklung stagniert. Fortschritte sind möglich, aber kein Selbstläufer. Mehr Sicherheit erfordert klare politische Maßnahmen, gezielte Investitionen und eine neue Kultur der Rücksicht im Straßenverkehr.

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