Vor 75 Jahren: Barényi-Karosseriepatent revolutioniert den Automobilbau

26.01.2026 10:47 Uhr | Lesezeit: 5 min
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Schnittbild des ersten Personenwagens (W111) mit Sicherheitskarosserie aus dem Jahr 1959.
Beginn der Crashtest-Zeitrechnung: Eine Vorserien-Heckflosse der MB-Baureihe W 110 "fliegt" 1959 mit 55 km/h ungebremst auf ein festes 17-Tonnen-Hindernis, um dort auszuloten, wieviel Energie die vorgelagerte "Knautschzone" absorbieren kann, ohne dass die feste Fahrgastzelle kollabiert. Um die Bewegungen von Dummy und diversen Sandsäcken filmen zu können, wurden die linksseitigen Türen vor dem Crash entfernt.
© Foto: mvconlineticker.de

Vor inzwischen einem dreiviertel Jahrhundert, am 23. Januar 1951, meldet Mercedes-Benz die von Béla Barényi entwickelte Sicherheitskarosserie zum Patent an. Zeitenwende für die Konstruktion von Fahrzeugen. Die Umsetzung in der Serienproduktion startete acht Jahre später.

Als Nestor der passiven Sicherheit bei Mercedes und auch der übrigen Automobilwirtschaft gilt bis heute der gebürtige Österreicher und spätere Professor Béla Barényi, Urheber u.a. von 2.500 Patenten. Ab 1939 arbeitete Barényi für die Daimler-Benz AG und machte die passive Sicherheit von Autos zu seiner Lebensaufgabe. Zusammen mit Daimler-Benz-Entwicklungsvorstand Hans Scherenberg formulierte Barényi 1966 die bis heute gültige Aufteilung von aktiver und passiver Sicherheit.

Erste Fahrgastzelle mit Knautschzone vor 75 Jahren

1951 gelang Barényi mit seiner zum Patent angemeldeten Sicherheitsfahrgastzelle der wohl bedeutendste Durchbruch: Erstmals wurde eine hochfeste Fahrgastzelle mit einer definierten Knautschzone versehen. In der im August 1959 präsentierten Oberklasse-Baureihe W 111 ("Heckflosse") ging diese Innovation erstmals in Serie. Die ersten Crashversuche unter Realbedingungen, die einen Monat später nochmals mit einem Vorserienfahrzeug der Baureihe W 110 gefahren wurden, bestätigten den avisierten Erfolg der Sicherheitsfahrgastzelle deutlich.

Unfallforschung mit Real-Crashs seit 1959

Die Entscheidung, künftig neben Berechnungen und der Auswertung realer Unfälle auch eigene Crashversuche durchzuführen, fiel bereits im Jahr 1958. Ein Jahr später sollte es am 10. September 1959 dann so weit sein: Wie der MB-Oldtimer-Ticker (mvconlineticker.de) berichtete, wurde an diesem Tag ein Vorserienfahrzeug der kommenden Baureihe W 110 einem Frontalaufprall auf ein feststehendes Hindernis ausgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt war auch der weltweit erste Personenwagen mit Sicherheitskarosserie bereits auf dem Markt, die Oberklasselimousine der Baureihe W 111. 

Fußgängerschutz bereits 1948 im Fokus

Barényis Konstruktionen und Erfindungen machten Fahrzeuge der Marke Mercedes-Benz zu den sichersten ihrer Zeit. Erstes Projekt war ein neuartiger Plattformrahmen für das Mercedes-Benz-170V-Cabriolet (Baureihe W 136), der Insassen bei einem Seitenaufprall besser schützte als bei früheren Konstruktionen. Die Serieneinführung dieses Konzepts erfolgte 1953 bei der "Ponton"-Baureihe W 120. 1948 erfand Barényi ein Prinzip für versenkte Scheibenwischer, die ein geringeres Verletzungsrisiko für Fußgänger bedeuten. Auch die sogenannte Sicherheitslenksäule geht auf ihn zurück.

Sicherheitslenkung als weiterer Meilenstein

1963 erfand Barényi die "Sicherheitslenkwelle für Kraftfahrzeuge" und ließ auch diese Technik patentieren. Als vollständiges System hatte diese Sicherheitslenkung 1976 in der Baureihe W 123 Premiere. Neben seinem Engagement für die passive Sicherheit entwickelte Barényi wegweisende Automobilkonzepte wie das Wohnmobil Mercedes-Benz Großer Reisewagen und das Kompaktfahrzeug K-5. Ab 1955 bis zu seiner Pensionierung 1974 leitete er die Vorentwicklung bei Daimler-Benz. Am 30. Mai 1997 verstarb er im Alter von 90 Jahren in Böblingen.

Geröntger Crash – Speerspitze der Unfallforschung

Mercedes-Benz entwickelt die Methoden der Crashtests laufend weiter. 2016 wurde beispielsweise das heutige Technologiezentrum für Fahrzeugsicherheit in Sindelfingen eröffnet, das auch sehr komplexe Crashtests ausführen kann. Einen Offset-Crashtest zwischen zwei Elektroautos zeigte Mercedes-Benz im Oktober 2023. Rund ein halbes Jahr später röntgte Mercedes-Benz als erster Autohersteller weltweit einen Crashtest und macht damit alle Vorgänge in Fahrzeugstrukturen und Dummys sichtbar (wir berichteten).

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Beim "Safety Pick+" Crashtest des amerikanischen Insurance Institute for Highway Safety (IIHS) mit 64 km/h und 40% Offsetaufprall auf die starre Barriere erreichte 2014 die Mercedes E350 Limousine die höchstmögliche Bewertung. Die Fahrgastzelle blieb beim Crash als Überlebensraum intakt.
© Foto: IIHS

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