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Elon Musk und seine Deutschland-Pläne: "Berlin rockt!"

Auch Deutschland bekommt seine "Gigafactory".
© Foto: Tesla

Nicht das Ems- oder das Saarland werden der Sitz von Teslas neuer Europa-Dependance – Berlins Speckgürtel und Zentrum erhalten den Zuschlag. Eine Produktion in Deutschland könnte die Autobranche durchaus aufmischen. Aber große Ankündigungen sind nicht alles.


Datum:
14.11.2019
7 Kommentare

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Von Hannes Breustedt, Jan Petermann und Andrej Sokolow, dpa

Tesla "made in Germany": US-Starunternehmer Elon Musk hat bei der Verleihung des "Goldenen Lenkrads" die Bombe platzen lassen. Das erste europäische Werk seines E-Autobauers soll in der Nähe Berlins entstehen. Details blieben, wie so oft bei Musk, zunächst rar. Der Tech-Milliardär erklärte der verdutzten Moderatorin Barbara Schöneberger lediglich: "Berlin rockt!" Und dann verkündete der Viel-Twitterer, dass in der Fabrik Batterien, Antriebsstränge und Fahrzeuge gebaut werden sollen. "Giga Berlin", schrieb er an seine 29 Millionen Follower – garniert mit schwarz-rot-goldenen Herzchen.

Die Wahl für den Europa-Stützpunkt ist eine handfeste Überraschung, die in der Region schon jetzt für große Euphorie sorgt. Grundsätzlich stellt sich in der Autonation Deutschland aber sofort auch die Frage: Ist es eine Kampfansage an die heimische Industrie, die bei der E-Mobilität noch hinterherhinkt? Oder profitieren am Ende alle?

Ohne das Publikum einzuweihen, war Musk bei der Auszeichnung von «Auto Bild» und «Bild am Sonntag» aufgetaucht. Als er dann mit der entscheidenden Information herausrückte, dass man in der Nähe eine "Gigafactory" plane: großes Raunen im Saal. Die Menge war entzückt.

Fahrzeuge, Batterien, Antriebe

Tesla will das künftige Kompakt-SUV Model Y, Batterien und Antriebe südöstlich der Hauptstadt bauen. Wo genau die Fabrik hochgezogen werden soll, blieb zunächst noch unklar. Auf Nachfrage sagte Musk lediglich, das Werk solle in der Nähe des geplanten Hauptstadtflughafens BER entstehen. Am Mittwoch wurde dann aus Kreisen der Brandenburger Landesregierung bestätigt, dass die rund 35 Kilometer entfernt von Berlin gelegene Gemeinde Grünheide als Standort ausgewählt wurde. Tesla werde zudem ein Ingenieurs- und Designzentrum in Berlin ansiedeln, sagte Musk.


Tesla Model Y (2021)

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Das ist eine kleine Sensation. Doch die Entscheidung beleuchtet auch einige kritische Punkte. Kann Musk, dessen Unternehmen bislang kaum Geld verdient und ehrgeizigen Zielen häufig hinterher hängt, halten, was er verspricht? In welchem Ausmaß profitiert der Standort durch Jobs und Investitionen? Und: Was bedeutet der Vorstoß des US-Rivalen für die eigenen deutschen Ambitionen in Sachen Elektroautos?

"Ich bin der Meinung, dass Konkurrenz das Geschäft belebt und die deutschen Premiumhersteller dadurch sicher zu stärkerer Leistung animiert werden", sagt Auto-Analyst Frank Schwope von der NordLB. Das Werk sei ein starkes Signal für E-Mobilität, könne gerade bei BMW und Daimler zu höheren Zielen führen. "Es zeigt zudem, dass man auch in Deutschland noch neue Werke eröffnen kann, wenn das Produkt stimmt."

Sicher ist: Die Ankündigung erhöht den Druck auf die Deutschen, bei dem Zukunftsthema in die Gänge zu kommen. "Europa ist ein Kernmarkt, Deutschland der Standort schlechthin", sagt Stefan Reindl, Chef des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA) in Geislingen. "Aber die Wahl Berlins ist auch ein wenig der Symbolpolitik des Herrn Musk geschuldet. Der will mittendrin sein." Andere Regionen, die sich Hoffnungen machten – etwa das Emsland in Niedersachsen –, haben das Nachsehen. Im Wirtschaftsministerium in Hannover zeigte man sich zerknirscht, man sei bis zur letzten Minute im Gespräch gewesen.

Im Revier von VW, BMW und Daimler

Mit der Expansion rückt Tesla nun direkt ins Hoheitsgebiet von VW, BMW und Daimler vor. Volkswagen steckt in den kommenden Jahren Milliarden in den Aufbau einer rein elektrischen Fahrzeuggeneration. Die kürzlich im Werk Zwickau gestartete ID-Serie soll die E-Mobilität massenkompatibel machen – mit Einstiegspreisen unter 30.000 Euro pro Auto und mehreren hundert Kilometern Reichweite. Außerdem ist ab 2020 der Bau einer eigenen Batteriezellfabrik geplant. Ausgerechnet jetzt will der große US-Konkurrent im heimischen Revier mitproduzieren.

VW-Chef Herbert Diess jedenfalls sieht da kein besonderes Problem. "Wir teilen beide eine Vision", sagte Diess mit Blick auf die schärferen CO2-Regeln und Notwendigkeit, das E-Auto auch aus Klimaschutzgründen aus der Luxus-Nische zu bekommen. Auf der Bühne wandte er sich direkt an Musk: "Ich danke dir für deine Pionierarbeit, dafür, dass du uns mitziehst und antreibst. Elon ist wirklich ein Innovator."

Klar ist indes auch: Bei Ankündigungen von Musk ist generell Vorsicht geboten. Oft hat sich Tesla mit den ehrgeizigen Vorgaben schwergetan, Zeitpläne wurden häufig nicht eingehalten. Beim Model 3 – Teslas erstem günstigeren E-Auto, das der Firma den Weg in die Mittelklasse ebnen soll – rumpelte es beim Start gewaltig. Musk sprach angesichts der Schwierigkeiten von einer "Produktions- und Auslieferungshölle". Branchenexperte Reindl glaubt denn auch nicht, dass die Amerikaner den Deutschen im Volumengeschäft schon das Wasser reichen können.

Derzeit ist Tesla zwar Marktführer bei reinen E-Autos in Deutschland, bis Ende Oktober wurden in diesem Jahr 9.301 Wagen des US-Anbieters neu zugelassen. Aber die Produktionspläne etwa von VW stoßen schon in andere Dimensionen vor: Mittelfristig sind für den ID.3 330.000 Stück pro Jahr geplant, die dann freilich weltweit verkauft werden sollen.

Bei Daimler kommen – die Marke Smart mitgerechnet – bis Ende 2022 zehn reine E-Modelle auf den Markt. Man sieht einen Produktionsstart von Tesla hierzulande daher eher als Ansporn denn als Bedrohung. Der Präsident des deutschen Autoverbands VDA, Bernhard Mattes, nimmt es sportlich: "Sollten die Pläne in einigen Jahren umgesetzt werden, bedeutet dies einen weiteren Schub für die Elektromobilität."

Kosten besser im Griff

Zuletzt lieferte auch Tesla selbst positive Nachrichten. Beim Model 3 ist man inzwischen weitgehend in der Spur, beim Nachfolger Model Y geht es nach eigenen Angaben schneller voran als geplant. Auch beim ersten Werk außerhalb der USA – der "Gigafactory 3" in Schanghai – liegt man über Plan und hat bereits mit der Testproduktion begonnen. Trotz des Expansionsaufwands hatte Musk die Kosten zuletzt besser unter Kontrolle, so dass im dritten Quartal ein Gewinn übrig blieb.

Und was bedeutet die Ansiedlung für den Arbeitsmarkt? «"Für die Region Berlin-Brandenburg ist das geplante Werk ein Glückstreffer, der mit Zulieferern sicherlich 5.000 bis 10.000 neue Arbeitsplätze schaffen kann", sagt Schwope. Der Wettbewerb um hochqualifizierte Experten und Ingenieure könnte aber an Schärfe gewinnen – Tesla gilt bei vielen Fachkräften nach wie vor als hip. Der Tesla-Zulieferer Continental glaubt, es dürfte auch entscheidend sein, ob Musk neben dem geplanten "Ingenieurs- und Designzentrum" in Berlin auch tatsächliche Ressourcen für Forschung und Entwicklung in Deutschland ansiedelt.

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KOMMENTARE


Norbert

14.11.2019 - 08:50 Uhr

Ich kann die ganze Euphorie nur bedingt verstehen. Wir haben in Deutschland mit Volkswagen, BMW und nicht zuletzt Daimler innovative Marken, welche nicht nur Hunderttausende von hochqualifizierten Mitarbeitern beschäftigen, sondern auch Milliarden in das Thema Elektromobilität investieren.Auf diese Konzerne prügelt man im Moment ein, man hätte das Thema Elektromobilität verschlafen und nicht die passenden Fahrzeuge entwickelt. Diese sollen dann natürlich zum „Schnäppchenpreis“ abgegeben werden um die Umwelt zu retten. Viel mehr ist es doch so, dass die Nachfrage nach solchen Fahrzeugen in den letzten Jahren eher sehr gering war. Viel mehr hat sich auch der geschätzte Kunde für moderne Benziner und Diesel entschieden, welche aus meiner Sicht nach wie vor Ihre Berechtigung haben.Die deutsche Automobil- und Zuliefererindustrie war und ist ein wichtiges Standbein der Wirtschaft. Wenn man manche Politiker hört, wird dieser Wirtschaftszweig im Moment in die Ecke von Waffenschiebern und Umweltverschmutzern geschoben. Im Gegensatz dazu bekommt unser Wirtschaftsminister das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht und lobt Elon Musk über Alles, da er ankündigt ( und angekündigt hat er schon viel...) dass er einige Tausend Arbeitsplätze schaffen möchte. Ja, das ist nichts Schlimmes und sicherlich ein Zugewinn für die Region. Ich vermute nur, dass dies mit Subventionen u.a. aus den Steuergeldern mitfinanziert wird, welche unsere Unternehmen seit Jahrzehnten hier abführen.Um Missverständnisse zu vermeiden, ich habe nichts gegen Tesla und einem vernünftigen Wettbewerb, viel mehr stört mich, dass wir einerseits unsere bisherigen Automarken ,für welche wir in der ganzen Welt bewundert werden , prügeln und kritisieren wo es nur geht, und andererseits Tesla als „das Maß der Dinge“ sehen.Ich hätte mir die gleiche Begeisterung und Unterstützung für andere Marken von unseren Politikern gewünscht, als der „Abmahnverein“ Namens „Deutsche Umwelthilfe“ mit völlig überzogenen Klagen durch die Lande zog. Richtig ist, dass Konzerne, welche nachweislich manipuliert haben dafür gerade stehen müssen. Aber dafür eine ganze Branche pauschal an den Pranger zu stellen und es so hinzustellen, als ob die Automobilindustrie in den letzten Jahrzehnten nur ideenlose Technologien entwickelt hätten und uns jetzt endlich Tesla erleuchtet und zeigt wie man Autos und Antriebe baut halte ich ebenso für überzogen.


Carajan

14.11.2019 - 09:30 Uhr

Ich mag das erst glauben, wenn die Fabrik steht und ihre Arbeit in ein paar Jahren aufnimmt. Es haben schon einige internationale Konzerne vollmundig bekundet großartige Arbeitsplätze zu generieren, aber sind aus wirtschaftlichen oder logistischen Gründen wieder davon abgekommen. Aber selbst wenn es dazu kommen wird, stellt sich immer noch die Frage ob Berlin bzw. Brandenburg dafür Subventionen leistet. Das würde die Aktion in ein anderes Licht rücken lassen.


TLicht

14.11.2019 - 09:38 Uhr

Wenn’s wirklich dazu kommen wird, können Brandenburg oder Berlin wirklich rocken. Leider fehlt mir hier der Glaube. 10.000 Arbeitsplätze sind vielleicht eine Vision und los gehts vielleicht mit ein paar hundert. Die Produktions- u. Arbeitskosten sind in Deutschland höher und auch Elon Musk lebt nur von der Marge. Aber diese Investitionen hätte auch ihr gutes, denn die gesamte heimische Autoindustrie wird sich vielleicht dann noch mehr sputen den Anschluss nicht zu verpassen.


Herbie

14.11.2019 - 11:57 Uhr

Das E Auto ist nicht der Heilsbringer für eine umweltfreundliche Zukunft. Man muss sich fragen aus welchen Materialien dieses Fahrzeug gebaut wird, woher kommen diese Materialien und zu welchen Löhnen werden die Mitarbeiter in Brandenburg bei Herrn Musk arbeiten.


Renato

14.11.2019 - 18:10 Uhr

Für diese Region wäre das mehr als sechs Richtige. Außerdem wird durch diesen Vorstoß die gesamte deutsche Autoindustrie ein bisschen mehr unter Druck gesetzt.


Andreas Leue

14.11.2019 - 21:11 Uhr

Mutig und innovativ - aber die Bremser stehen schon parat!Elon Musk treibt mit Tesla das Thema E-Mobilität an - das sehen auch die hiesigen Hersteller wie VW und Daimler, ebenso der VDA.Doch was passiert nur 48 Stunden nach der Ankündigung von Musk über den geplanten Bau der Gigafactory in der östlich von Berlin gelegenen Region Grünheide: Umweltverbände kritisieren die Produktion eines E-SUV und fürchten um die Vogelwelt! Ich frage: Was wollen diese ignoranten Verweigerer? Unser wirtschaftliches und auch das private Leben erfordern überwiegend eine hohe Mobilität. E-Autos sind sicher kein Allheilmittel - die Diskussion um Rohstoffgewinnung für die Batterien, eine entsprechende Lade-Infrastruktur, die spätere Entsorgung bzw. das Recycling, all das wirft mehr Fragen auf als die Produktion der Fahrzeuge selbst. Hier müssen Antworten gefunden werden, hier sollten sich die wirklich die Umwelt im Auge habenden Personen und Verbände kritisch und faktenorientiert einbringen! Die Meckerei über eine neue Produktionsstätte für E-Fahrzeuge ist so dumm wie an der Realität vorbei.


Ludwig Rossen

15.11.2019 - 11:15 Uhr

Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) verspricht, TESLA nach allen Kräften zu helfen: „Wir werden alles tun, diese Investition zu unterstützen." Das heißt nichts anderes, als das wir Steuerzahler Herrn Musk seine Fabrik bezahlen. Und wenn Sie dann pleite gehen wird (weil es bald schlicht keine Rohstoffe mehr für die Batterien gibt), zahlen wir alle nochmal. Wäre ich Herr Musk, hätte ich auch diesen Standort ausgewählt! Risikoloser für einen Unternehmer geht es wirklich nicht mehr.


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