Renault-Deutschlandchef: "Nicht alles verändert sich" – Handel bleibt zentral

23.04.2026 16:02 Uhr | Lesezeit: 3 min
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"Wir haben die Entwicklungszeit beim Twingo von rund 50 auf 21 Monate verkürzt – das ist kein Feinschliff, das ist ein Strukturbruch", sagt Florian Kraft, Vorstandsvorsitzender der Renault Deutschland AG.
© Foto: AUTOHAUS/Christian Richter

Beim Gastvortag in Geislingen erklärt Renault-Deutschland-Chef Florian Kraft, was Renault zurzeit so erfolgreich macht, und warum er lieber auf Qualitätskontrolle, Partnerschaften und klassischen Handel setzt – statt jedem Transformationstrend nachzujagen.

Florian Kraft, Vorstandsvorsitzender der Renault Deutschland AG, hat beim Forum Automotive kurz die zentralen Eckpunkte der Konzernstrategie skizziert. Unter dem Titel "Wie sich die Renault Group Futuready macht" sprach Kraft über Marktstrategie, Elektromobilität, Partnerschaften und die Rolle des klassischen Handels.

Wer sich dieser Tage durch Branchenkonferenzen arbeitet, bekommt schnell das Gefühl: Die Automobilwelt steht kurz vor der vollständigen Neuerfindung. Florian Kraft sieht das anders. Er nutzte daher seinen Auftritt beim Forum für eine auffällig nüchterne Standortbestimmung. Seine Kernthese: Die Branche redet zu viel darüber, was sich verändert – und zu wenig darüber, was richtig und wichtig ist und bleiben wird.

Der Handel stirbt nicht aus

Vielleicht der deutlichste Kontrapunkt zur gängigen Branchendiskussion: Kraft hält den klassischen Automobilhandel für alles andere als ein Auslaufmodell. In Deutschland vertreibt und betreut Renault seine Fahrzeuge über insgesamt 720 Vertragsstandorte, weltweit sind es etwa 9.000 Betriebe. Warum das so bleibt? Weil das Geld im Aftersales verdient wird. Service, Wartung, Teilegeschäft – das sind die Ertragsquellen, die das Geschäftsmodell tragen.

Ein Onlinekauf ersetzt das nicht. Prognosen über ein massives Händlersterben sieht Kraft entsprechend skeptisch. Die Konsolidierung verlaufe moderater als oft behauptet, kleinere Betriebe hätten nach wie vor reelle Chancen.

Renault verkauft Fahrzeuge ausschließlich über den Handel. In Deutschland gibt es rund 440 Verkaufs- und 280 reine Service‑Standorte. Kraft sieht keinen Automatismus zur Marktkonzentration bei großen Gruppen. Entscheidend sei nicht die Größe, sondern die Leistung jedes einzelnen Betriebs. Die Händlerzufriedenheit hat sich zuletzt verbessert – Renault liegt wieder im Mittelfeld der Hersteller.

Elektro zieht an – gerade im Kleinwagensegment

Beim Thema Elektromobilität gibt es allerdings wenig zu relativieren. "Seit Anfang März kaufen bei Renault zwei von drei Privatkunden ein Elektroauto – das Thema explodiert gerade positiv", sagt Kraft. Nicht nur deshalb soll der Anteil elektrifizierter Modelle im Konzernportfolio in den nächsten vier Jahren bis auf 75 Prozent steigen.

Was die Nachfrage bei Renault aktuell treibt, ist laut Kraft neben der staatlichen Förderung auch das Produkt selbst: Das Retro-Design von R4, R5 und Twingo kommt an, Alltagstauglichkeit und sinkende Betriebskosten im Vergleich zum Verbrenner tun den Rest. Besonders im Kleinwagensegment sieht er Potenzial. Modelle unter 20.000 Euro können die Elektromobilität aus der Nische holen und endlich in der Breite ankommen lassen.

Twingo-Entwicklung in 21 Monaten

Ein Thema, das Kraft beschäftigt, ist die Entwicklungsgeschwindigkeit. Als Beispiel nennt er den neuen Twingo: Dessen Entwicklungszeit wurde von rund 50 auf 21 Monate mehr als halbiert. Möglich wurde das durch eine klare Arbeitsteilung, unter anderem mit Engineering‑Teams in China, sowie durch den gezielten Einsatz digitaler Simulationen. Parallel sanken die Herstellungskosten pro Fahrzeug um rund 400 Euro. "Wir verdienen an einem Auto nur fünf bis sieben Prozent – da entscheidet jeder halbe Prozentpunkt über Investitionsfähigkeit", sagt Kraft.

Renault setzt Künstliche Intelligenz bereits in mehreren Bereichen ein: in der Produktion, bei der Qualitätskontrolle, im Vertriebstraining. In den Werken helfen digitale Zwillinge bei der Prozessoptimierung, im Verkauf werden reale Kundengespräche mit simulierten Situationen vorbereitet. Kraft gibt dabei die Richtung vor: Technologie ist Mittel zum Zweck, kein Selbstläufer. Wer KI einsetze, müsse wissen, welches Problem er damit löst. Der Hype um die Technologie verstelle manchmal den Blick auf das eigentlich Entscheidende.

Partnerschaften statt Alleingang

Renault setzt stark auf Kooperationen. Plattformen entstehen gemeinsam mit Partnern wie Nissan, Mitsubishi, Geely, Ford sowie Renault Trucks und Volvo. Hintergrund sind hohe Entwicklungskosten von mehr als einer Milliarde Euro pro Plattform. Auch Zulieferer spielen eine zentrale Rolle. "Kein Hersteller kann heute alles allein – die meisten Patente kommen von Zulieferern, nicht von den OEMs“, gibt Kraft zu bedenken. Auf den ersten zehn Plätzen im Patente-Ranking stehen Firmen aus dem Automotive‑Bereich, Bosch, Schaeffler oder Continental.

Fokus auf das, was bleibt

Zum Abschluss warnte Kraft vor Überinterpretationen vermeintlicher Umbrüche. Neue Konzepte wie Carsharing oder Auto‑Abos seien innovative Ergänzungen, aber kein wirklicher Ersatz für den stationären Handel. Entscheidend blieben Kundenzufriedenheit, Servicequalität und Verlässlichkeit. Oder, wie Kraft es formuliert: Der Fokus müsse auf der "Torte" liegen – nicht auf den "Sahnehäubchen". Die erfolgreichsten Unternehmen richten sich nicht nur danach aus, was sich verändert – sondern vor allem danach, was sich nicht verändert.


Forum Automotive-Reihe: Praxisbezug für Studierende

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Forum Automotive" treten während des Semesters wöchentlich Expertinnen und Experten aus der Automobil- und Mobilitätsbranche an der HfWU auf. Die Reihe wird vom Institut für Automobilwirtschaft (IfA) gemeinsam mit der Fachzeitschrift AUTOHAUS organisiert und richtet sich vorrangig an Studierende aus automobil- und mobilitätswirtschaftlichen Studiengängen (Bachelor und Master).

Gastgeber und Moderatoren sind AUTOHAUS-Chefredakteur Ralph M. Meunzel sowie die IfA-Direktoren Prof. Stefan Reindl und Prof. Benedikt Maier, unterstützt von Prof. Frank Stenner. Ziel der Reihe ist es, theoretische Inhalte des Studiums in einen praxisnahen Kontext zu stellen – durch Fachvorträge und Diskussionen mit Entscheidern aus der Branche.




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