Strategietage von Autoherstellern haben meist etwas von einer Mischung aus Zukunftsversprechen und Betriebsanleitung. Bei Renault klingt das derzeit ein wenig so, als würde der Konzern nach der Aufholjagd der vergangenen Jahre den nächsten Gang einlegen. "Futuready" nennt CEO François Provost den neuen Fahrplan, mit dem die Franzosen nach der Sanierung der letzten Jahre nun dauerhaft wachsen wollen.
Der letzte Plan "Renaulution war 2021" von Provosts Vorgänger Luca de Meo gestartet worden. Der Italiener hatte den Marke Renault, Dacia und Alpine klare Rollen verordnet, sie eindeutig positioniert und den angeschlagenen Konzern mit einer strenger Kostenkontrolle wieder auf Kurs gebracht. Anders als beim Konkurrenten Stellantis, wo die Gleichteilstrategie zumindest am Anfang die Modellpolitik verwässerte und sich die Baureihen stark ähnelten, machten Fahrzeuge wie Renault 5, Scenic E-Tech oder Duster die Marken Renault und Dacia wieder sichtbar. Gleichzeitig wurde Alpine als sportliche Elektromarke neu positioniert. Allerdings mit einer klar auf Europa ausgerichteten Strategie.
Breitere Aufstellung
Provost will mit "Futuready" nun aus einer erfolgreichen Aufholjagd ein dauerhaft funktionierendes System machen und den Konzern breiter aufstellen. Er formuliert den Anspruch selbstbewusst: Renault wolle zum Referenzhersteller Europas werden, auch im globalen Wettbewerb. Zwei Millionen Autos mit der Raute sollen jährlich verkauft werden, davon die Hälfte außerhalb Europas. Dacia, bereits jetzt die Nummer zwei in Europa, soll ebenfalls wachsen.
Renault Filante (2027)
Basis ist eine neue Produktoffensive. Bis 2030 will der Konzern 36 neue Modelle einführen, 22 davon für Europa, 16 als reine Stromer. Weitere 14 Fahrzeuge wie beispielsweise der Oberklasse-SUV Renault Filante oder der Renault Duster – ein aufgepeppter Luxusableger des Dacia – sind speziell für internationale Märkte konzipiert. Bei der Kernmarke stehen zwölf neue Modelle für Europa auf dem Programm., darunter der Trafic E-Tech für das schnell wachsende Segment der Elektrotransporter. Dacia setzt seine Offensive im C-Segment fort, beginnend mit dem Kompakt-Kombi Striker sowie vier vollelektrischen Modellen. Alpine baut seine elektrische Sportwagenpalette aus, beispielsweise mit einem Nachfolger des A110.
Im gesamten Konzern soll die Elektrifizierung weiter Fahrt aufnehmen, allerdings mit einem breiten Technologieansatz. Neben neuen Elektroautos setzt Renault weiterhin auf den vor allem in Osteuropa verbreiteten Autogasantrieb sowie auf Hybridtechnik, die auch über 2030 hinaus eine zentrale Rolle spielen soll. Gleichzeitig wird das Elektroportfolio erweitert. Kern künftiger Modelle ist die neue Plattform RGEV Medium 2.0. Sie kann Fahrzeuge vom B+- bis ins D-Segment tragen, also vom Kompaktmodell bis zur Mittelklasse-Limousine oder zum SUV.
Ultraschnelles Laden
Technisch bringt diese Architektur mehrere Neuerungen. Sie basiert auf einer 800-Volt-Elektrik und soll ultraschnelles Laden ermöglichen. Perspektivisch sollen Autos damit unterwegs beim Stromtanken nur noch zehn Minuten stoppen müssen. Parallel wollen die Franzosen das Laden bei den 400-Volt-Modellen beschleunigen und so auf die Kritik an der schwachen Ladeperformance aktueller Modelle reagieren.
Die neue Plattform ist für eine sogenannte Cell-to-Body-Bauweise vorbereitet, bei der die Batterie struktureller Bestandteil der Karosserie wird. Das spart Bauteile und senkt Gewicht sowie Kosten. Bei der Akkutechnik will man sich nicht einschränken. So seien auch Batterien mit besonders effizienten Pouch- oder Blade-Zellen denkbar. Die Stromer der nächsten Generation sollen Reichweiten von bis zu 750 Kilometern erreichen, mit Range-Extender sogar bis zu 1.400 Kilometer.
Renault Duster
Auch beim Antrieb arbeitet Renault an neuen Lösungen. Geplant ist ein effizienter Elektromotor, der keine seltene Erden benötigt. Er soll 202 kW / 275 PS leisten, auf der Autobahn einen Wirkungsgrad von 93 Prozent haben und sowohl in Front‑ als auch Heckantriebsvarianten verfügbar sein. Zusammen mit einer neuen Leistungselektronik will Renault die Kosten der elektrischen Antriebseinheit deutlich senken.
Auf dem Weg zum KI-Auto
Parallel verändert sich die Softwarearchitektur der Fahrzeuge. Wie alle Hersteller wollen die Franzosen verstärkt auf sogenannte Software Defined Vehicles (SDV) setzen. Bei ihnen sollen 90 Prozent der Fahrzeugfunktionen künftig per Fernupdate steuerbar sein. In Zusammenarbeit mit Google entsteht dafür ein eigenes Betriebssystem auf Android-Basis. Perspektivisch sollen künstliche Intelligenz und neue Assistenzsysteme zum Artificial Intelligence Defined Vehicle (AIDV) führen. Es verknüpft Infotainment, Fahrwerk und Fahrerassistenz und ebnet den Weg zum smarten Fahrzeug.
Neben neuen Produkten und Technologien will der Konzern stark auf Effizienz setzen. Neue Autos sollen in nur zwei Jahren damit deutlich unter dem heutigen Branchendurchschnitt entwickelt werden. Ein erstes Beispiel ist der neue, vollelektrische Twingo, der eben in den Handel gekommen ist.
In den Fabriken setzt der Konzern verstärkt auf digitale Zwillinge seiner Werke, Robotik und künstliche Intelligenz. 350 neue humanoide Roboter sollen künftig schwere oder monotone Arbeiten übernehmen. Gleichzeitig will Renault die Zahl der Bauteile pro Fahrzeug um rund 30 Prozent reduzieren und den Energieverbrauch in den Werken um ein Viertel senken. So wollen die Franzosen die variablen Stückkosten pro Fahrzeug um 400 Euro pro Jahr senken.
Dacia Hipster Concept
Wachstumsfantasien in Asien und Lateinamerika
Geografisch blickt Renault stärker über Europa hinaus. Nordamerika steht dabei nicht auf der Liste. Wachstum erwartet Konzernchef Provost vielmehr in Indien, Lateinamerika und Südkorea. Indien soll sich zu einem wichtigen Produktions- und Exportzentrum entwickeln, während Kooperationen mit Partnern wie Nissan, Mitsubishi, Geely oder Ford zusätzliche Volumen bringen sollen. Bis 2030 will Renault jährlich mehr als 300.000 Fahrzeuge für andere Hersteller produzieren.
So klingt "Futuready" wie eine Mischung aus Technikprogramm, Effizienzoffensive und globaler Wachstumsstrategie. Oder, um im Bild des Strategietags zu bleiben: Renault hat nach der Reparaturpause wieder Fahrt aufgenommen und versucht nun, das Tempo hochzuhalten.