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Seoul Motor Show: Aufbruch in Ökorea

Einfach laden für weniger als 20.000 Euro - das ist der Plan von Power Plaza.
© Foto: Peter Weißenberg/SP-X

Feinstaub, Umweltzonen, Fahrverbote: Die Automesse in Koreas Hauptstadt steht ganz im Zeichen des Smog. Die Aussteller steuern darum inzwischen nicht ganz freiwillig um. Und manche Newcomer wittern sogar ein Geschäft in Deutschland.


Datum:
30.03.2017
1 Kommentare

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Von Peter Weißenberg/SP-X

Seine Nachbarn kann man sich nicht aussuchen. Kein Volk leidet darunter wohl so wie die Südkoreaner. Im Osten leben die Japaner, die das Land im vorigen Jahrhundert lange besetzt und geknechtet haben. Im Norden droht das Brudervolk unter seinem selbsternannten "großen Führer" beinahe täglich mit atomarer Zerstörung. Und China im Westen? Nimmt den 25 Millionen Bürgern der Hauptstadtregion Seoul einfach die Luft zum Atmen. Und das wortwörtlich. "Südkorea liegt in der Abwindfahne Chinas, dem weltweit stärksten Luftverschmutzer", beschreibt ein Team der Universität Innsbruck nach Forschungsflügen das Problem. Seoul muss sich also Herausforderungen stellen, die weit drängender sind als die deutscher Großstädte - und das schnell. Nirgendwo ist das derzeit so gut zu sehen wie auf der Automesse des Landes.

Noch vor zwei Jahren dominierten PS-starke Traumwagen die Messestände. Jetzt stehen drei neue Brennstoffzellen-Autos von Hyundai, Honda und Lexus, zwölf vollelektrische Fahrzeuge, 23 Hybride und zehn Plug-in-Hybride, einige davon "Made in Korea", im Mittelpunkt der Messe. Denn auch die früher allmächtigen Konzerne wie Hyundai, Kia oder Samsung sind inzwischen ganz ähnlich wie die Deutschen daheim unter Druck und Beobachtung.

Selbst auf ihrer wichtigsten eigenen Leistungsschau. Denn auch die nationale Umweltbehörde gehört zu den Ausstellern - und will, dass aus dem Bewusstseinswandel Öko-Autos hervorgehen. Die Jahrzehnte, in denen "freie Fahrt für freie Bürger" auch im aufstrebenden Korea das Lebensgefühl beschrieben hat, sie sind vorbei. Seoul besitzt die schlechteste Luftqualität aller Hauptstädte unter den 35 höchst entwickelten Ländern. Am Tag der Messeeröffnung herrscht nach offiziellen Angaben in Seoul in Sachen Luftverschmutzung Stufe vier von sechs. Heißt: Jedermann ist durch den Smog gesundheitlich beeinträchtigt. Zum Vergleich: In Stuttgart gilt an diesem Tag Stufe eins. Gesunde Luft. In Baden-Württembergs Hauptstadt und anderswo sind dennoch bereits Fahrverbote in Planung oder Kraft. Koreas Hauptstadt hat gerade 17 Quadratkilometer der gesamten Innenstadt zur ersten "speziellen Verkehrszone" Koreas erklärt. Die Stadtregierung kann den Verkehr bei Smog bald "regulieren".

Hybrid und Brennstoffzelle

Das findet sogar Hyundai-Verkäufer Chun Yong Joon ganz richtig: "Ich wohne ja selbst in Seoul - und meine Augen tränen immer, besonders bei Westwind. Wenn es da bald zu Fahreinschränkungen kommt, können wir elektrische Autos anbieten, Plug-in-Hybride oder Brennstoffzellenautos." Auf der Messe debütieren der Hybrid der großen Limousine Grandeur und das Konzept eines kompakten Brennstoffzellen-SUV, der auch gut in deutsche Citys passen würde. Falls es irgendwann mal genug Tankstellen gibt.

So haben Vertreter koreanischer Automarken lange nicht gedacht - auch in dieser Hinsicht ist die Situation der in Deutschland nicht unähnlich. Aus der drohenden Beschränkung wollen sie jetzt eine Chance machen. Müssen sie auch: Die Stadtregierung will die Treibhausgase bis 2030 um 40 Prozent eindämmen und den Individualverkehr um 30 Prozent. Das wird auch die deutschen Hersteller massiv treffen, die in den vergangenen Jahren in Korea bedeutende Marktanteile gewonnen haben; besonders bei großen Limousinen und SUV.

Neben knalligen Mercedes-AMG-Modellen und der Korea-Premiere des BMW 760Li im M-Trim gibt es darum auch viel Vernünftiges zu sehen. Volkswagen und Audi übrigens lassen die Messe trotz bedeutender Marktanteile dieses Jahr ausfallen: Der amtliche Verkaufsstopp von 80 Modellen im Zug der Abgasaffäre ist erst vor wenigen Wochen aufgehoben worden, umfangreiche Rückrufe und dreistellige Millionenstrafen passen nicht zum Öko-Aufbruch der diesjährigen Messe.

Gegenwind von IT-Firmen und Energieversorgern

Genau wie bei uns bekommen die Platzhirsche am Automarkt aber auch in Korea mehr und mehr Gegenwind von ganz unerwarteter Seite: IT-Firmen und Energieversorger wittern ihre Chance. Dann, wenn zum Beispiel viele Fahrer nur noch mit emissionsfreien Autos in die Innenstadt dürfen. In-Soo Lau etwa stellt auf der Messe Kleintransporter und Miniautos vor, die rein elektrisch angetrieben sind. „Rund 150 Kilometer Reichweite, in drei Stunden geladen, 80 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit - das reicht für die City”, sagt der Chef der Autosparte des Elektronik-Zulieferers Cammsys. Und bei Kaufpreisen von rund 10.000 Euro für den Pkw und 27.000 Euro für den Laster kann er sich auch Erfolge in Europa vorstellen.

In die feinstaubgeplagten Innenstädte Deutschlands würde gern auch Matthew Oh. Der Konzernchef von Daechang Motors zeigt in Seoul einen Zweisitzer nach Art des Renault Twizzy. Der wird als Samsung auch gerade auf der Messe vorgestellt - ist aber deutlich teurer als die 8.000 Euro, die Oh für seinen Elektrowagen aufruft. Auf der IAA in Frankfurt würde er seine Kleinwagen ebenso gern zeigen wie Do-Gung Park vom Konkurrenten Power Plaza, der elektrische Cabrios und Kleinlaster baut. Früher waren nur Ladegeräte das Kernprodukt. "Aber Elektroantriebe beherrschen wir, und den Rest kaufen wir zu - genau wie viele große Hersteller", sagt Oh.

Dass wir billige Elektroautos aus Korea bald auch auf Deutschlands Straßen sehen, ist keine Illusion: Denn neben den niedrigen Preisen aus dem Land der wichtigsten Batteriehersteller sind auch die Zulassungsnormen keine unüberwindlichen Hürden: "Was die Behörden hier genehmigen, das entspricht fast hundertprozentig auch den Normen in Europa", hat Manager Park bereits in Erfahrung gebracht. Und Lau denkt schon an den Aufbau einer eigenen Carsharing-Plattform mit seinen Elektrowagen. Der Testmarkt wird Seoul. "Aber in Deutschland gibt es sicher auch Nachfrage", sagt Lau und zeigt sein unergründliches asiatisches Lächeln. Was wohl so viel heißen soll wie: Ihr werdet schon sehen.

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KOMMENTARE


C. Härtl

30.03.2017 - 21:47 Uhr

Sehr interessant ...Nur 2 kleine Korrekturen: Der angeblich so "böse Nachbar" im Norden mit seinen leeren Atomdrohungen - den nimmt natürlich kein Südkoreaner ernst, wenn überhaupt zur Notiz. Das ist ein rein deutsch-westliches Panik-Thema. Der große Aufreger dort ist nach wie vor Japan, und manchmal - wirtschaftlich - China. Und Seoul hat "nur" 10 Mio Einwohner. Die gerne dazu addierten 15 Mio wohnen im 100 km Umkreis, also zum Teil ganz weit weg hinter Bergen und endlosen Feldern.


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