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Neue Corona-Beschlüsse: "Viele Existenzen stehen auf dem Spiel"

Kanzlerin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller verkündeten nach der gestrigen Bund-Länder-Konferenz eine erneute Verlängerung des Corona-Lockdowns. Das stößt in der Automobilbranche auf Kritik.
© Foto: picture alliance/dpa/dpa/Pool | Michael Kappeler

Branchenverbände warnen, dass der neuerlich verlängerte Shutdown zahlreiche Unternehmen in die Knie zwingt. Mehr Tests und Impfungen seien deutlich effektiver. Die Lockdown-Verschärfung um Ostern herum dürfte nach Einschätzung von Experten indes keinen großen Einfluss auf die Wirtschaft haben.


Datum:
23.03.2021
Autor:
aw / dpa
3 Kommentare

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Die neuen Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern mit einem verlängerten Lockdown bis 18. April und drastisch verschärften Regeln über Ostern stoßen im Autohandel auf wenig Gegenliebe: Die Beschlüsse würden die Krise im Automobilhandel weiter befeuern, befürchtet der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). Da der zentrale Vertriebskanal der Branche – der stationäre Autohandel vor Ort – seit nunmehr drei Monaten geschlossen ist, müsse man mit einem desaströsen Autojahr 2021 rechnen. "Viele Existenzen im mittelständischen Kraftfahrzeuggewerbe stehen auf dem Spiel" warnte ZDK-Präsident Jürgen Karpinski.

Diese Befürchtung teilen auch die Hersteller. Reinhard Zirpel etwa, Präsident des Verbandes der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK) erklärte mit Blick auf die neuen Beschlüsse: "Wirtschaftlich kann das verheerend sein, weil das für die Autobranche so immens wichtige Frühjahrsgeschäfts erneut wie schon 2020 stark eingeschränkt wird." (Mehr über die neuen Corona-Regeln lesen sie hier: Das sind die neuen Corona-Regeln).

Der Geduldsfaden vieler Unternehmer ist gerissen

Nach drei Monaten Berufsverbot sind Verständnis und Geduld der Autohändler laut ZDK inzwischen komplett aufgebraucht. Das liegt vor allem auch daran, dass die Autohäuser nach Aussage des ZDK angesichts großer Verkaufsräume, geringer Kundenfrequenz und erprobter Einhaltung der Corona-Schutzauflagen laut Robert-Koch-Institut fast so sicher seien wie Aufenthalte im Freien. "Wenn die Autohäuser also praktisch nichts zum Infektionsgeschehen beitragen, wie soll ihre Schließung dann bei der Eindämmung des Virus helfen? Und mit welcher Rechtfertigung soll den Unternehmen ein derartiges Opfer aufgezwungen werden?", schimpfte Karpinski. Auch der VDIK betonte, dass angesichts der großen Flächen im Handel Terminshopping infektionssicher umsetzbar sei. "Deswegen braucht es Regelungen, die bei unterschiedlichen Voraussetzungen auch unterschiedliche Maßnahmen zur Folge haben", forderte VDIK-Chef Zirpel.

Viel wirksamer und weniger einschneidend als ein weiterer Lockdown seien flächendeckende Schnelltests und Systeme digitaler Kontaktnachverfolgung, betont der ZDK. Außerdem müsse der Impfprozess deutlich beschleunigt und auf breitere Bevölkerungsgruppen ausgeweitet werden. "Wir können und dürfen nicht warten, bis die Pleitewelle rollt. Die Politik muss Handlungswege aufzeigen und darf unser Land nicht länger stilllegen", so der ZDK-Präsident.

Auch in anderen Branchen geht die Angst um

Die Angst geht nicht nur in der Autobranche um. Auch das Handwerk fürchtet um unzählige Existenzen. Die neuerliche Verlängerung des Lockdowns komme zwar nicht überraschend, sei aber nichtsdestotrotz für viele Betriebe ein Schock, teilte der Zentralverband des Deutschen Handwerks mit. "Damit mag ein Kollaps des Gesundheitssystems vermieden werden. Ein breitflächiger Betriebe-Kollaps wird jedoch immer wahrscheinlicher", betonte der ZDH. Viele Betriebe würden wegen eines fehlenden Planungshorizontes und stockender oder unzureichender Überbrückungshilfen nicht überleben können.

Der Verband lobte zugleich, dass die Bundesregierung weitere Hilfen für besonders schwer und über lange Zeit betroffene Betriebe entwickeln will. "Allerdings wird dies nur wirken können, wenn die Betriebe dann anders als bei vorherigen Programmen auch wirklich unbürokratisch und sehr schnell an die Hilfen kommen."

Scharfer Oster-Lockdown richtet Experten zufolge keinen großen wirtschaftlichen Schaden an

Der verschärfte Oster-Lockdown indes wird nach Einschätzung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung keine großen direkten Einflüsse auf die Wirtschaftsaktivität haben. "Einkäufe, die in der Schließzeit über Ostern nicht stattfinden, dürften entweder davor oder danach aufgeholt werden", sagte der Leiter des gewerkschaftsnahen Instituts, Sebastian Dullien, am Dienstag. Nach Einschätzung von Bank-Volkswirten dürfte der bis 18. April verlängerte Lockdown die wirtschaftliche Erholung allerdings verzögern.

Von Gründonnerstag bis Ostermontag soll das öffentliche, private und wirtschaftliche Leben weitgehend heruntergefahren werden, um die dritte Welle der Pandemie zu brechen. Die seit Anfang März eingeleitete Öffnungsstrategie habe allerdings "wirtschaftlich mehr Schaden als Nutzen gebracht", kritisierte Dullien. Da vor der Lockerung versäumt worden sei, die Infektionszahlen deutlich unter die Inzidenz von 50 zu senken, habe sich nun die Erholung des inländischen Konsums verzögert. "Wir rechnen mit einer deutlichen Erholung des Privatkonsums in Deutschland nun erst später im zweiten Quartal. Den April kann man nun auch für Gastgewerbe und Freizeitwirtschaft abschreiben", sagte Dullien.

Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer wird die wirtschaftliche Erholung später einsetzen als erwartet. Sein Team senkte die Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 4,5 auf 3,5 Prozent. Ähnlich sieht es der Chefvolkswirt der DZ Bank, Michael Holstein. Für die deutsche Wirtschaft insgesamt bedeuteten die Beschlüsse eine weitere Belastung. Die allgemein für das Frühjahr erwartete Erholung könnte sich nun nach hinten verschieben, was den Wachstumsausblick für 2021 dämpfen würde.

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KOMMENTARE


Detlef Rüdel

23.03.2021 - 00:00 Uhr

Hallo, ich kann das Klagen nicht mehr hören. Warum stellen die Verbände, Hersteller, Importeure, HBV, usw. dem Handel nicht Geld zur Verfügung, welches sie zuvor in all den Jahren, am Handel verdient haben? Darüber hinaus werden bis zu 75% der Kosten, bzw. Umsatz von der BRD getragen, hat der Handel das bereits vergessen? Daher ist dieses Klagen, hier fehl am Platz. Vielmehr sollte der Handel, die Gunst der Stunde nutzen, und seine Defizite welche durch Corona ans Tageslicht gekommen sind, strukturiert zu beseitigen. Darüber hinaus den online Handel professionell ausbauen und sonstige Abläufe optimal gestalten. Herzlichen Dank...


hjf

23.03.2021 - 21:49 Uhr

Seit langem verstehe ich nicht, dass sich keine Klage gegen dieses faktische Gewerbeverbot für den Automobil-/Motorradbereich auf die Beine stellen lässt. Für diese unsere Branche sind die "Maßnahmen" offensichtlich unverhältnismäßig.


Giacinto Di Leonardo

24.03.2021 - 09:31 Uhr

Autohäuser sind auch laut Robert-Koch-Institut fast so sicher wie Aufenthalte im Freien“, betont Karpinski. (ZDK) „Wenn die Autohäuser also praktisch nichts zum Infektionsgeschehen beitragen, wie soll ihre Schließung dann bei der Eindämmung des Virus helfen? Und mit welcher Rechtfertigung soll den Unternehmen ein derartiges Opfer aufgezwungen werden?“ Mit großem Respekt habe ich die Aktion des Herrn Karpinski in Berlin verfolgt. Aber auch dass wurde von der Regierung anscheinend ignoriert. Demzufolge stellt sich nun die Frage: was können die Autohändler noch tun, damit diese in Berlin ernst genommen werden? Servicestreik? Mobilität demzufolge bundesweit lahmlegen? Ich kann mir durchaus vorstellen das irgendeine Aktion in diese Richtung folgen wird. Die Autohändler lassen sich das nicht mehr lange gefallen.


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