Beim Gebrauchtwagenankauf entscheidet der Kilometerstand oft über Tausende Euro beim Fahrzeugwert. Gleichzeitig gehört Tachomanipulation nach wie vor zum Branchenalltag. TÜV Nord und der Diagnosespezialist Carly wollen deshalb mit ihrer gemeinsamen OBD-Diagnoselösung für mehr Transparenz sorgen. Die Software liest die Fahrzeugdaten aus und prüft innerhalb von zwei bis drei Minuten, ob in den verschiedenen Steuergeräten höhere Laufleistungen hinterlegt sind, als im Kombiinstrument angezeigt werden.
Der digitale Kilometerstand
"Wir können überprüfen, wie realistisch der Kilometerstand ist, der angezeigt wird", sagte Hartmut Abeln, Vorstandsmitglied der TÜV NORD AG und CEO der Business Unit Mobility. Denn in modernen Fahrzeugen ist der Kilometerstand an mehr als einem Dutzend Stellen hinterlegt. Genau diese digitalen Spuren macht sich das System zunutze. Wird lediglich der Wert im Kombiinstrument verändert, bleiben in anderen Steuergeräten oft die ursprünglichen, höheren Werte zurück. "Gibt es irgendwo eine Stelle im Fahrzeug, an der ein höherer Kilometerstand abgelegt ist, erkennt das die Software", so Abeln. Er spricht daher von "zwei Zuständen eines Gebrauchtwagens: dem sichtbaren und dem digitalen".
Eine Auswertung von Carly, die auf rund 6,6 Millionen Fahrzeugscans basiert, zeigt die Relevanz: Bei 11,5 Prozent der in Deutschland ausgewerteten Scans fand sich mindestens ein höherer Kilometerstand in einem Steuergerät als auf dem Tacho. Damit liegt Deutschland über dem Durchschnitt aller untersuchten Märkte von zehn Prozent. Nur in Bulgarien und Rumänien fiel die Quote noch höher aus.
Überdurchschnittlich häufig traten solche Unstimmigkeiten in der oberen Mittelklasse und bei großen Geländewagen auf. In diesen Segmenten zeigten 13,9 beziehungsweise 13,1 Prozent der Scans entsprechende Hinweise. Am unteren Ende der Auswertung lagen Sportwagen sowie Klein- und Kompaktfahrzeuge mit Quoten von gut sieben Prozent. Auch bei jungen Fahrzeugen findet das System vergleichsweise viele Auffälligkeiten. Durch die größere Zahl relevanter Steuergeräte stehen hier mehr Speicherorte für den Abgleich der Kilometerstände zur Verfügung. Folglich können mehr digitale Spuren gefunden werden.
Hinweis statt Beweis
TÜV Nord und Carly stellen zugleich klar, dass ein auffälliger Scan kein gerichtsfester Beweis für einen Betrug ist. Auch der reguläre Austausch eines Kombiinstruments oder einzelner Steuergeräte sowie die Umrechnung von Meilen können Abweichungen verursachen. Solche Fälle wurden in der Auswertung nicht durch Plausibilitätsfilter herausgerechnet. Die Quote beschreibt daher Hinweise auf mögliche Manipulationen und keine nachgewiesenen Betrugsfälle. Vielmehr geht es darum, Händlern eine Einschätzung zu geben, bei welchen Fahrzeugen eine genauere Prüfung erforderlich ist. Der Scan ersetzt weder eine umfassende Fahrzeugbewertung noch liefert er eine Garantie für die tatsächliche Laufleistung. Er dient vielmehr als zusätzlicher Fingerzeig beim Ankauf.
Mehr als ein Tacho-Check
Darüber hinaus fungiert das System als digitaler Gesundheitscheck für den gesamten Wagen. Mehr als 90 Prozent der Scans enthielten mindestens einen Fehlereintrag. Vier von fünf wiesen Einträge im Bereich Fahrzeugelektrik auf, bei rund zwei Dritteln waren Spannungsversorgung und Bordnetz betroffen. Auch Motorsensorik und Kraftstoffaufbereitung gehörten zu den häufigsten Fundstellen. Die Ergebnisse decken sich mit der ADAC-Pannenstatistik, wonach rund die Hälfte aller Ausfälle auf Probleme rund um die 12-Volt-Batterie zurückgeht.
Besonders deutlich zeigt sich die zunehmende digitale Komplexität bei Elektroautos. Hier registrierte die Auswertung im Durchschnitt 15,4 Fehlereinträge pro Scan. Bei Benzinern und Dieseln waren es mit 7,9 beziehungsweise 8,2 nur gut halb so viele. Abeln führt das auf die Architektur der Fahrzeuge zurück. "Elektroautos sind die jüngste und am dichtesten vernetzte Fahrzeugflotte, die derzeit auf die Straßen kommt", sagte Abeln. Die hohe Zahl an Fehlereinträgen sei dabei vor allem Ausdruck größerer Diagnosetiefe und nicht eines Qualitätsproblems. Viele Einträge dokumentieren lediglich frühere oder sporadische Ereignisse. Für Händler können sie dennoch wichtige Hinweise für Ankauf, Bewertung und Aufbereitung liefern.