Einsatz von KI: Revolution oder Risiko?

10.06.2026 07:45 Uhr | Lesezeit: 5 min
KI Prompt
KI im Autohaus ist Werkzeug, nicht Wunderwaffe.
© Foto: stock.adobe.com/LanaSham

Künstliche Intelligenz im Onlinemarketing bewegt sich aktuell zwischen Effizienzversprechen und Kontrollverlust. Warum der Unterschied zwischen gutem und schlechtem KI-Einsatz über die Zukunft des digitalen Fahrzeugvertriebs entscheidet.

Wer aktuell eine Branchenveranstaltung besucht, kommt an zwei Buchstaben nicht vorbei: K und I. Künstliche Intelligenz ist das Thema der Stunde, auf Bühnen, in Workshops, in Verkaufsgesprächen und in den Fachmedien. Die Versprechen sind groß: schnellere Prozesse, bessere Texte, präzisere Kundenansprache. Vieles davon stimmt. Aber nicht alles. Und vor allem: nicht automatisch.

Ich beschäftige mich seit fast 30 Jahren mit der digitalen Vermarktung von Fahrzeugen. Als wir Mitte der Neunziger die ersten Schritte im automobilen Internet machten, war die Branche skeptisch: „Wer kauft schon ein Auto über den Computer?“ Heute beginnt die Customer Journey fast ausnahmslos digital. Die Frage ist längst nicht mehr, ob, sondern wie ein Autohaus diesen Wandel gestaltet. Genau hier kommt die KI ins Spiel. Als Werkzeug, nicht als Wunderwaffe.

Mehr als ein Sprachmodell

Branchenspezifische KI-Lösungen gibt es mittlerweile für nahezu jeden Bereich: E-Mail-Beantwortung, Fahrzeugbeschreibungen, Verkaufsauswertungen, Kundenkommunikation. Allerdings verkaufen viele Anbieter im Kern nicht mehr als ein allgemeines Sprachmodell mit branchenspezifischen Eingabemasken. Wer damit einen Fahrzeugtext generiert, bekommt ein sprachlich korrektes, aber inhaltlich austauschbares Ergebnis. Zehn Autohäuser in einer Region erzeugen mit dem gleichen Prompt den gleichen Text. Das ist keine Differenzierung, das ist digitale Gleichförmigkeit.

KI wird nicht durch die Technologie wertvoll, sondern durch das, was man hineinsteckt: saubere Daten, lokales Wissen, echte Branchenkenntnis. Sie ist dann am stärksten, wenn sie dem Menschen Routineaufgaben abnimmt und ihm den Freiraum gibt, sich auf echte Kundenbeziehungen zu konzentrieren.

Wo der Hebel wirklich ansetzt

Hier müssen wir über ein Thema sprechen, das durch KI eine völlig neue Dynamik bekommt: die Abhängigkeit von den großen Fahrzeugportalen. Mehr als 70 Prozent aller Kaufanfragen laufen über externe Börsen. Die Gebühren haben sich in den vergangenen Jahren vervier- bis verfünffacht. Und trotzdem kündigt so gut wie niemand, weil viele Häuser versäumt haben, ihre eigene digitale Infrastruktur ernsthaft aufzubauen.

Markus Winges
© Foto: Carnomy

"Viele Häuser investieren in KI-Werkzeuge oder beauftragen Agenturen, nutzen die Möglichkeiten aber nicht konsequent."

Markus Winges,
Geschäftsführer Carnomy

Entwicklungen durch KI

Drei Entwicklungen zeigen, wie KI dieses Muster durchbrechen kann, aber auch, wo neue Risiken entstehen:

  • Google Vehicle Ads: Fahrzeuganzeigen direkt in der Suchmaschine. Was im Einzelhandel mit Shopping-Anzeigen längst Standard ist, kommt im Automobilhandel an. Mit den sogenannten Google Vehicle Ads werden einzelne Fahrzeuge mit Bild, Preis und Standort direkt in den Suchergebnissen angezeigt. Anders als bei klassischen Google Ads, die auf Keywords und Textanzeigen setzen, basiert dieses Format auf einem strukturierten Fahrzeug-Datenfeed. Ein Klick führt den Interessenten direkt auf die Händler-Website, nicht auf eine Börse. Die Voraussetzung ist allerdings klar: Wer keine strukturierten Daten, keine gepflegten Fahrzeuginformationen und keine technisch aktuelle Website hat, für den existiert dieses Format nicht.

  • Von SEO zu GEO: der stille Paradigmenwechsel. Die meisten Autohäuser haben von Suchmaschinenoptimierung gehört, auch wenn sie sie selten konsequent betreiben. Doch während die Branche noch mit SEO-Grundlagen hadert, hat sich das Spielfeld bereits erweitert. Immer mehr Kunden starten ihre Recherche nicht mit einer klassischen Google-Suche, sondern mit einer Frage an ein KI-System. „Welcher Gebrauchtwagen mit Allrad ist unter 25.000 Euro empfehlenswert?“ Solche Anfragen beantworten KI-Assistenten heute direkt, indem sie Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenfassen. Wer in diesen Antworten vorkommt, gewinnt Sichtbarkeit. Wer nicht vorkommt, existiert für diesen Kunden schlicht nicht. In der Fachwelt spricht man von Generative Engine Optimization, kurz GEO: der Kunst, Inhalte so aufzubereiten, dass sie nicht nur von Suchmaschinen, sondern auch von KI-Systemen als vertrauenswürdige Quelle erkannt und zitiert werden. Für den Autohandel ist das Neuland, aber es wird schneller relevant, als viele denken.

  • Lokale Sichtbarkeit und Reputation als Rankingfaktor: Ob klassische Suchmaschine oder KI-Antwort: Vertrauen entscheidet, wer empfohlen wird. Google-Bewertungen, ein vollständig gepflegtes Unternehmensprofil und lokale Inhalte sind keine Nebensache mehr, sondern die Grundlage für Sichtbarkeit. Über 90 Prozent der Konsumenten beziehen Online-Bewertungen in ihre Kaufentscheidung ein. Auch KI-Systeme greifen bevorzugt auf Quellen zurück, die als lokal relevant und vertrauenswürdig eingestuft werden. Wer hier nicht investiert, verliert Kunden, bevor er überhaupt in Betracht gezogen wird.

"Jeder Kontakt, der über den eigenen Kanal kommt statt über eine Börse, ist ein Kontakt, den das Autohaus selbst kontrolliert."

Markus Winges,
Geschäftsführer Carnomy


Die Pro-Seite

KI kann einem Autohaus mit kleinem Marketingteam ermöglichen, auf einem Niveau sichtbar zu sein, das früher nur großen Betrieben vorbehalten war. Drei Gewinne stechen heraus:

  • Erstens die massive Zeitersparnis bei der Erstellung von Inhalten, von Fahrzeugtexten über Social-Media-Beiträge bis zu E-Mail-Kampagnen.
  • Zweitens die Rückgewinnung von Datenhoheit. Jeder Kontakt, der über den eigenen Kanal kommt statt über eine Börse, ist ein Kontakt, den das Autohaus selbst kontrolliert.
  • Und drittens: Wer seine Inhalte konsequent mit Substanz, Struktur und lokaler Relevanz aufbaut, verbessert seine Chancen nicht nur bei klassischen Suchmaschinen, sondern zunehmend auch in den Antworten von KI-Systemen.

Die Kontra-Seite

Das größte Risiko ist die wachsende digitale Spaltung. Wer heute nicht handelt, wartet nicht einfach nur ab, sondern fällt aktiv zurück. Während gut aufgestellte Betriebe ihre Sichtbarkeit mit KI-Unterstützung Monat für Monat ausbauen, wächst der Rückstand für alle anderen. Ein Autohaus, das in zwei Jahren mit der Digitalisierung beginnt, wird dann ein Vielfaches investieren müssen, um den Vorsprung der Wettbewerber aufzuholen. Diese Schere schließt sich nicht von allein.

Das zweite Problem ist fehlendes Know-how. Viele Häuser investieren durchaus in KI-Werkzeuge oder beauftragen Agenturen, nutzen die Möglichkeiten dann aber nicht konsequent. Ein Beispiel: Ein Betrieb bucht ein KI-gestütztes Content-Tool, generiert damit einmalig Fahrzeugtexte und lässt es danach verstauben. Oder eine Agentur liefert monatliche Reports, aber niemand im Haus kann die Daten interpretieren oder in Maßnahmen übersetzen. So verpuffen Investitionen, und die Geschäftsführung verliert das Vertrauen in digitale Maßnahmen insgesamt.

Und schließlich der Datenschutz. Aktuelle Erhebungen zeigen, dass weniger als die Hälfte der Kunden eine Datenschutz-Einwilligung erteilt. Wer KI-gestützte Personalisierung einsetzen will, braucht also nicht nur Technologie, sondern vor allem eine saubere Datenbasis und das Vertrauen seiner Kunden. Hier lohnt auch ein differenzierter Blick auf die Technologie selbst: Große Sprachmodelle, die Anfragen über externe Server außerhalb Europas verarbeiten, sind datenschutzrechtlich problematisch. Lokal oder europäisch gehostete Lösungen bieten hier einen klaren Vorteil. Für viele Anwendungsfälle im Autohaus reichen spezialisierte, schlanke Modelle, die datenschutzkonform und mit überschaubarem Aufwand betrieben werden können.


"KI kann einem Autohaus mit kleinem Marketingteam ermöglichen, auf einem Niveau sichtbar zu sein, das früher nur großen Betrieben vorbehalten war."

Markus Winges,
Geschäftsführer Carnomy



Der Autor

Markus Winges ist Gründer und Geschäftsführer der Carnomy GmbH in Augsburg. Seit 1996 beschäftigt er sich mit der digitalen Vermarktung im Automobilhandel, zunächst im DACH-Raum, später über 15 Jahre hinweg auch auf den asiatischen Märkten. Er plädiert für einen pragmatischen Umgang mit neuen Technologien und setzt auf Erfahrung statt auf Hype.



Zwischen Hype und Handlungsdruck

Die These, dass in zehn Jahren niemand mehr eine Website braucht, weil KI alles übernimmt, höre ich regelmäßig. Ich halte sie für falsch. Was sich ändern wird, ist die Form der digitalen Präsenz: interaktiver, datenbasierter, dynamischer. Aber der Kern bleibt. Der Kunde will wissen, mit wem er es zu tun hat. Vertrauen entsteht durch Kompetenz, Transparenz und menschlichen Kontakt, nicht durch einen Algorithmus.

Was mich ebenfalls beschäftigt: Die Branche hat bei den Fahrzeugbörsen schmerzhaft gelernt, was Abhängigkeit von einem Kanal bedeutet. Steigende Kosten, sinkende Kontrolle. Wer jetzt blindlings auf die nächste Plattform setzt, droht denselben Fehler zu wiederholen. Und die härteste Frage bleibt: Was passiert mit den über 960 von 1.000 Website-Besuchern, die nicht anfragen? Die meisten Autohäuser messen nur Klicks und Verkäufe. Die Brüche dazwischen bleiben unsichtbar. Bevor wir über KI-Agenten diskutieren, müssen wir über Grundlagen sprechen: funktionierendes Tracking, definierte Conversion-Ziele und eine Website, die verkauft.

Erst das Fundament, dann die KI

Meine Empfehlung ist einfach formuliert und anspruchsvoll in der Umsetzung: Bringen Sie Ihre digitalen Grundlagen in Ordnung. Eine technisch saubere Website, ein gepflegtes CRM, eine klare Messstruktur. Das klingt nicht sexy, ist aber die Voraussetzung für alles Weitere. Dann setzen Sie KI gezielt dort ein, wo sie auf dieser Basis aufbauen kann: bei der Content-Erstellung, bei der Kundenkommunikation, bei der Leadbearbeitung. Und denken Sie dabei nicht nur an die Suchmaschine von heute, sondern auch an die KI-gesteuerte Suche von morgen.

Der Handel hat die Kompetenz und genießt das Vertrauen der Kunden. Sieben von zehn Käufern vertrauen darauf, dass ihr Händler ihre Bedürfnisse versteht. Dieses Kapital ist unbezahlbar. Kein Algorithmus kann es ersetzen. Aber ein kluger Einsatz von KI kann dabei helfen, es im digitalen Raum sichtbar zu machen: unabhängiger von Portalen, näher am Kunden und mit eigener Handschrift. Die eigentliche Revolution ist nicht die KI, sondern die Entscheidung, die Kontrolle über den eigenen digitalen Vertrieb zurückzugewinnen.

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