AH: Herr Heuser, Herr Bert, die Fahrzeugsuche hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Welche Rolle spielt KI dabei?
C. Heuser: Die klassische Onlinerecherche bleibt weiterhin der wichtigste Einstiegspunkt in den Kaufprozess. Aber wir sehen sehr klar, dass sich ein wachsender Anteil in Richtung KI-Modelle verschiebt. Kunden nutzen diese Systeme aktiv, um herauszufinden, welches Fahrzeug zu ihnen passt. So sagen bereits heute ca. 44 Prozent der Autokunden, dass sie KI aktiv im Kaufprozess genutzt haben. Gerade in den letzten zwölf bis achtzehn Monaten hat das deutlich zugenommen.
J. Bert: Gleichzeitig verändert sich die Art, wie sich Kunden orientieren. Während man früher selbst durch Angebote gehen musste, übernimmt die KI heute einen großen Teil dieser Arbeit. Sie bündelt Informationen aus verschiedenen Quellen und gibt direkt Vorschläge aus. Der Kunde bewegt sich also nicht mehr durch Listen von Fahrzeugen, sondern bekommt eine bereits vorselektierte Auswahl präsentiert.
AH: Suchen Nutzer dort tatsächlich anders als bisher auf Plattformen?
C. Heuser: Ja, und das ist ein ganz zentraler Punkt. Auf klassischen Börsen oder in Suchmasken arbeitet man mit festen Filtern wie Preis, Motorisierung oder Karosserie. In der KI wird die Suche viel freier formuliert. Nutzer beschreiben ihre Situation. Das kann so konkret sein wie die Größe der Garage oder der Alltag mit zwei Kindern, Haustieren oder bestimmten Hobbys.
AH: Was macht die KI daraus?
C. Heuser: Sie übersetzt diese offenen Anforderungen in konkrete Fahrzeugvorschläge. Das Ergebnis ist dann nicht mehr eine enge Filterliste, sondern ein deutlich breiteres Spektrum. Der Kunde bekommt mehrere passende Optionen angezeigt, die auch unterschiedliche Marken umfassen können.
J. Bert: Und genau das verändert den Entscheidungsprozess. Die Vorauswahl wird weniger von der Marke getrieben und stärker von funktionalen Kriterien. Eigenschaften wie Platzangebot, Reichweite oder Kofferraumvolumen lassen sich sehr gut vergleichen und werden dadurch wichtiger.
AH: Verlieren Marken somit an Bedeutung?
J. Bert: Sie verlieren nicht grundsätzlich an Bedeutung, aber ihre Rolle verschiebt sich. In der frühen Phase der Suche dominieren funktionale Aspekte. Emotionale Faktoren oder das Markenimage lassen sich über KI schwerer vermitteln. Diese kommen oft erst später wieder stärker zum Tragen, wenn die Auswahl konkreter wird.
"Kunden nutzen KI-Modelle aktiv, um herauszufinden, welches Fahrzeug zu ihnen passt. So sagen bereits heute ca. 44 Prozent der Autokunden, dass sie KI aktiv im Kaufprozess genutzt haben. Gerade in den letzten zwölf bis achtzehn Monaten hat das deutlich zugenommen."
Christoph Heuser,
Managing Director & Partner der Boston Consulting Group
AH: Was bedeutet das für die Sichtbarkeit von Herstellern und Händlern?
C. Heuser: Entscheidend ist, dass Inhalte anders aufgebaut werden müssen. Früher genügte es, Inhalte für Suchmaschinen zu optimieren und gut auffindbar zu sein. Heute geht es darum, überhaupt von der KI erfasst und verstanden zu werden. Inhalte müssen klar strukturiert und eindeutig formuliert sein.
AH: Woran scheitert das aktuell noch?
J. Bert: Oft an technischen Grundlagen. Viele Webseiten sind so aufgebaut, dass Inhalte für KI-Systeme schwer zugänglich sind. Das beginnt bei der Struktur und geht bis hin dazu, dass Informationen nur in Bildern vorliegen. In solchen Fällen kann die KI die Inhalte nicht auslesen und damit auch nicht berücksichtigen. Hinzu kommt, dass manche Anbieter eigene Begriffswelten oder Kategorien verwenden. Wenn diese nicht den gängigen Standards entsprechen, kann die KI diese Inhalte schlechter einordnen. Für die Maschine wird es dann schwierig, Fahrzeuge miteinander zu vergleichen.
AH: Wissen Unternehmen, wie sie in diesen Systemen sichtbar werden können?
C. Heuser: Das ist aktuell eine der größten Herausforderungen. Die Anbieter der Modelle geben nicht preis, welche Quellen sie nutzen oder wie sie Inhalte bewerten. Es gibt keine klare Anleitung, wie man sichtbar wird. Deshalb sehen wir, dass viele versuchen, sich über indirekte Wege anzunähern. Man analysiert, welche Inhalte in Antworten auftauchen, und versucht, daraus Rückschlüsse zu ziehen. Das hilft, ist aber kein exakter Mechanismus.
"Die Vorauswahl wird weniger von der Marke getrieben und stärker von funktionalen Kriterien. Eigenschaften wie Platzangebot, Reichweite oder Kofferraumvolumenwerden dadurch wichtiger."
Julien Bert,
Managing Director & Senior Partner der Boston Consulting Group