Fünf Autos in vier Ländern, ein Händler und zwei fest angestellte Mitarbeiter: Gut zwei Jahre nach der erneuten Ankündigung eines Europastarts fällt die Bilanz von Karma Automotive bescheiden aus. Nach Angaben des chinesisch-amerikanischen Kleinserienherstellers wurden Fahrzeugen vom bislang einzigen verfügbaren Modell Revero an Kunden in Deutschland, Spanien, den Niederlanden und Finnland ausgeliefert. Einen aktiven Handelsbetrieb gibt es allerdings nur in den Niederlanden. Viele Hersteller würden angesichts solcher Zahlen wohl die Segel streichen. Doch Karma zeigt auch für Europa einen ungewöhnlich langen Atem.
Im Juli 2024 hatte das Unternehmen angekündigt, den Revero noch im vierten Quartal in ausgewählten europäischen Märkten einzuführen. Die flache Luxuslimousine sollte zunächst zwischen 140.000 und 150.000 Euro kosten und über ein Netzwerk exklusiver Vertriebs- und Servicepartner angeboten werden. Anschließend wurde es allerdings recht still um die Marke. In Deutschland fehlen bis heute sowohl Händler als auch Servicepartner. Nach Unternehmensangaben laufen Gespräche mit potenziellen Partnern in mehreren Ländern, Verträge sind jedoch noch nicht unterzeichnet. Weitere für Europa bestimmte Revero werden nicht mehr produziert, lediglich einige Bestandsfahrzeuge seien noch verfügbar, heißt es.
Gesteuert werden die überschaubaren Europa-Aktivitäten von einer Ende 2024 gegründeten Gesellschaft im niederländischen Kerkrade. Sie beschäftigt zwei Mitarbeiter in Vollzeit, arbeitet zusätzlich mit externen Kräften und erhält bei Bedarf Unterstützung aus der US-Zentrale. Verantwortlich für Vertrieb und Netzentwicklung ist weiterhin Rogier Kroymans.
Karma Revero EREV Hybrid
Dass der Revero überhaupt angeboten wurde, ist angesichts seiner Vorgeschichte bemerkenswert. Seine Grundkonstruktion geht auf den 2011 eingeführten Fisker Karma zurück. Nach der Insolvenz von Fisker Automotive übernahm der chinesische Zulieferkonzern Wanxiang 2014 wesentliche Vermögenswerte des Unternehmens. Die Namensrechte an Fisker gehörten nicht dazu. Deshalb wurde aus dem Modellnamen Karma eine neue Marke und aus dem Fisker Karma der Karma Revero.
Altes Konzept, neue Technik
Technisch hat sich die Limousine seit der Wanxiang-Übernahme deutlich verändert, das Grundkonzept und die charakteristische Karosserie blieben jedoch erhalten. Die aktuelle Generation kombiniert eine 28-kWh-Batterie mit zwei Elektromotoren an der Hinterachse und einem 1,5-Liter-Dreizylinder von BMW, der ausschließlich als Stromgenerator arbeitet. Das System leistet 400 kW / 544 PS. Bis zu 128 Kilometer sollen rein elektrisch möglich sein, insgesamt nennt Karma rund 580 Kilometer Reichweite.
Das Konzept bleibt allerdings mit Kompromissen behaftet. Der Revero wiegt knapp 2,3 Tonnen, lädt Gleichstrom mit lediglich 45 kW und bietet trotz einer Länge von mehr als fünf Metern wenig Platz im Fond sowie nur 181 Liter Kofferraumvolumen. Auch der wenig kultivierte Dreizylinder will nicht recht zur exklusiven Erscheinung passen. Für Europa wurde zuletzt ein Grundpreis von rund 174.500 Euro genannt.
Karma Ivara Concept
Die schleppende Entwicklung des Europageschäfts ist ein Spiegelbild vom bisherigen Vorgehen der Marke in den USA. Karma stellt dort regelmäßig neue Fahrzeuge und Technologien vor, benötigt für deren Umsetzung jedoch deutlich länger als zunächst angekündigt. Teilweise ändern sich währenddessen sogar die Antriebskonzepte. So wurde der Gyesera zunächst als Elektroauto präsentiert und später zum Range-Extender umgeplant. Nach aktuellem Stand soll der Viertürer im vierten Quartal 2026 als Modelljahr 2027 verfügbar werden.
Diese Modelle sind geplant
Das zweitürige Range-Extender-Coupé Amaris ist mittlerweile für Ende 2027 vorgesehen. Der elektrische Supersportwagen Kaveya soll im dritten Quartal 2028 folgen, das große Crossover-Modell Ivara Ende 2028. Noch 2024 hatte Karma den Produktionsstart von Gyesera und Kaveya für 2025 beziehungsweise 2026 in Aussicht gestellt.
Dass Wanxiang die kleine und mutmaßlich kostspielige Autosparte dennoch weiterführt, kann strategische Gründe haben. Mit Karma verfügt der Konzern über eine amerikanische Automarke mit Entwicklungszentrum und Kleinserienwerk in Kalifornien. Hinzu kommen Know-how über Batterien, elektrische Antriebe und Range-Extender sowie die Möglichkeit, Entwicklungs- und Fertigungsleistungen für andere Unternehmen anzubieten. Der Wert von Karma für Wanxiang muss für den Eigentümer deshalb nicht allein an den Verkaufszahlen der eigenen Autos hängen.
Als internationaler Fahrzeughersteller bleibt Karma dennoch ein Grenzfall. Das Unternehmen ist operativ tätig, baut Autos und hat tatsächlich Fahrzeuge nach Europa geliefert. Von einem tragfähigen Vertriebsnetz und einer echten Marktpräsenz ist man allerdings weiterhin noch weit entfernt.