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Mille Miglia Green: Alles außer klassisch

Mille Miglia Green
Alles außer klassisch
Der einzige Klassiker im Starterfeld: ein Elektro-Käfer.
© Foto: VW
Zum Themenspecial Elektromobilität

Die Mille Miglia ist die Mutter aller Classic-Rallyes. Vor wenigen Tagen startete erstmals ein Ableger für Elektroautos. Die Stromer zeigen dort, wie viel sie bereits mühelos unter Wettbewerbsbedingungen können. Aber auch, was zu einem elektrisierenden Erlebnis fehlt.

Von Peter Weißenberg/SP-X

Tausende Menschen drängen sich an der Strecke. Schon eine halbe Minute, bevor der nächste Wagen um die Ecke fetzt, grollt es laut und lauter. Die Luft ist erfüllt von ungefilterten Benzin- und Öl-Dämpfen. Fahnen schwingen durch die Luft, "Bravo-Bravo"-Rufe von links und rechts. So lieben Fans und Fahrer ihre Mille Miglia, die italienische Mutter aller Klassik-Rallyes.

Ihr neuester Ableger indes ist in vielem das genaue Gegenteil: Bei der erstmals ausgetragenen Mille Miglia Green bleiben die Zuschauerzahlen zumindest außerhalb der städtischen Startpunkte überschaubar - und ihre Lautstärke ganz unitalienisch zurückhaltend. Es donnern ja auch keine klassischen Sportwagen heran. Es säuselt und surrt - und um die Altstadt-Ecke biegt ein braver Nissan Leaf, VW Up oder allenfalls ein Tesla Model S. Selbst die Tauben auf den Treppen der Kathedrale schauen nur einmal auf, gurren kurz und bleiben hocken. Hochspannung fühlt sich anders an.

"Eigentlich ungerecht", sagt Francesco. Der 69-Jährige aus dem Startort Brescia ist ein Motorsport-Fan: "Ich sehe schon, dass viele Fahrer rasant beschleunigen, zügig und exakt die engen Zeitmessungen der Wertungsprüfungen erreichen, aber sehen allein reicht eben nicht." Das dezente Surren ist eben nicht mit dem Brüllen der Boliden zu vergleichen, die schon zwischen 1927 und 1957 am Ausdauer-Rennen durch Italien teilgenommen haben. Das ist bei der normalen Mille ja Teilnahmevoraussetzung.

Was die Italiener aber auch noch stört: Unter den rund drei Dutzend Fabrikaten, die bei der grünen Mille antreten, ist kein einziges aus ihrer Heimat. Das liegt schlicht daran, dass Maserati, Alfa, Ferrari oder Fiat zwar ruhmreiche Verbrenner auflisten können, aber noch nicht unter Strom stehen. "Vielleicht ist ja im kommenden Jahr wenigstens ein Cinquecento-electrico dabei", hofft eine Zuschauerin in Franciacorte, wo der Tross eine Prüfung abhält.

Dabei zeigt sich übrigens, warum selbst unspektakuläre Elektroautos für solche Genauigkeitsprüfungen besser geeignet sind als manches PS-Monster der Benziner-Ära: Wer möglichst auf die Hundertstelsekunde genau mit den Vorderrädern über den Schlauch fahren will, der die Zeit misst, der braucht oft den schnellen Kick. Langsam heranrollen, die Stoppuhr genau im Blick - und dann ein Tritt aufs Gas, um exakt in der geforderten Zeit zu liegen. Das geht mit Stromern bestens, weil das volle Drehmoment sofort anliegt. Auch ein e-Up oder Smart EQ springt dann schnell das entscheidende Stück voran.

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Mille Miglia Green

Und das alles völlig lautlos. Abgasfrei ja ohnehin. Nur aus dem Toyota Mirai tröpfelt ab und zu ein bisschen Wasser. Die Brennstoffzelle hat da gerade den Wasserstoff zurückverwandelt. Und die teilnehmenden Plug-in-Hybride wie Porsches Panamera absolvieren Prüfungen bei weniger als 30 Stundenkilometern auch ohne Einsatz des Verbrenners.

Federica aus Mailand findet das sehr gut. Die 27-Jährige würde nie "zu einem stinkenden Autorennen gehen". Oder doch – "um dagegen zu demonstrieren". Am ersten Tag der Mille Miglia Green hat sie noch in der City von Mailand gegen den mörderischen Verbrenner-Verkehr protestiert. Fridays for future – "passt ja fast zu den Elektroautos hier", sagt die Studentin im Zielbereich der Etappe neben dem dicht grün bewaldeten Hochhaus "bosco verticale". Den e-Up oder einen Elektro-Smart würde sie schon nehmen, wenn der Preis noch sinkt. "Und viel mehr Ladestationen für Ökostrom brauchen wir", sagt Federica.

Da hat sie recht. Auf den Etappen der Rallye fällt auf, wie dünn gesät selbst in großen Städten wie Monza, Brescia oder Mailand Ladebuchten sind. Die Wettbewerber müssen denn auch in den Betriebshof eines Energieversorgers, um die Akkus für den dritten Wettbewerbstag vollzuladen. In ein graues Gewerbegebiet am Rand der Stadt strömen natürlich keine Schaulustigen. Da sind die Sammelplätze der echten Mille Miglia in den Herzen der ehrwürdigen Orte Norditaliens schon aufmerksamkeitsstärker.

Klassisch-nostalgische Stromer fehlen

Das Gleiche gilt nicht zuletzt für die Fahrzeuge: Klassisch-nostalgische Stromer fürs Herz, die gibt es eben noch nicht. Darum wollen die Veranstalter auch eine Klasse für automobile Klassiker etablieren, die auf Elektroantrieb umgebaut sind. Auf der Mille Miglia Green sind da allerdings nur zwei Fahrzeuge im Gewand des Käfer-Cabrio am Start. Unter der Karosse werkeln allerdings Bodengruppe und Antrieb eines VW e-Up. Aller Anfang ist eben schwer. Ein Jaguar E-Type etwa, weitgehend originalgetreu auf den Stromantrieb umgebaut, er täte dem Wettbewerb gut.

So wie andere Traumautos à la Porsche Taycan oder die kommenden Elektro-Renner von Pininfarina oder Maserati. Die dürften die 250 Kilometer Gesamtstrecke wohl noch deutlich sportlicher durcheilen als die Teilnehmer der Premiere - und damit die Zuschauer elektrisieren. Zur Mille Miglia gehört eben einfach "bella macchina" - an diesem klassischen Zweiklang ändert auch die Variante in Grün nichts.

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