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Haben, was andere nicht haben: Vor 50 Jahren ging die Alpine A310 an den Start

Wohl eines der markantesten Fahrzeuge, die jemals gebaut wurden: die Renault Alpine.
© Foto: Renault

Flach, leicht und futuristisch: Die 1971 vorgestellte Alpine A310 zählt zu den Ikonen französischen Sportwagenbaus. Konzipiert als gallische Alternative zum Porsche 911 gelang es der Plastik-Flunder Geschichte zu schreiben, nicht durch extreme Vmax-Werte, sondern durch extravagantes Design.


Datum:
14.01.2022
Autor:
Wolfram Nickel/SP-X
Lesezeit: 
4 min
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Diese 1,15 Meter flache Flunder mit futuristisch gestalteter Sechs-Scheinwerferfront verdrängte vor 50 Jahren sogar messerscharf gezeichnete Klappscheinwerfer-Coupés aus Maranello und Modena von den Titelseiten. Alpine A 310 nannte sich die jüngste, dramatisch konturierte Kreation des findigen Renault-Händlers und Sportwagenbauers Jean Rédéle, die ab 1971 nicht nur in Frankreich zu einem Inbegriff des optisch begehrenswerten Speedsymbols avancierte. Nach Erfolgen mit den kleinen Kunststoff-Flitzern Alpine A 106 bis A 110 sollte die neue A 310 den Ruhm dieser trotz reinrassiger Renntechnik alltagstauglichen Modelle in die Zukunft und zu größeren Stückzahlen führen – und sich dabei am Vorbild des Porsche 911 orientieren.

Renault Alpine - ein Hingucker

Ein Verkaufsziel, das aber an einem muskelarmen Vierzylinder in der A 310 scheiterte. Dennoch brachte es der in einem neu errichteten Werk in Dieppe gebaute und über das Renault-Netz vertriebene 2+2-Sitzer auch in Deutschland zu erstaunlicher Popularität, denn das Design des Plastik-Flitzers war sogar auf Kinderzimmer-Postern ein Hingucker. Als das ultraleichte (im Renndress wog die Kunststoffkarosse nur 25 Kilo), aber zunächst 85 kW/115 PS schwache Sportcoupé 1976 endlich durch einen adäquaten V6 nachgeschärft wurde, warben die Franzosen mit dem Slogan: "Haben, was andere nicht haben. Beginnend mit der Form." Diese sorgte noch immer für offene Münder – und jetzt für mehr geöffnete Scheckbücher, schließlich war eine A 310 noch teurer als ein vergleichbarer 911.


Renault Alpine A310

Bildergalerie

Die Konturen der auf 110 kW/150 PS erstarkten Alpine V6 zogen auch im zehnten Produktionsjahr alle Männer-Blicke auf sich, weshalb sie Bunny-dekoriert in Metallic-blau auf der Titelseite eines führenden Herrenmagazins posieren durfte (und als Preis ausgelobt war für das Playmate des Jahres). Dass speziell die deutschen Motormagazine Fertigungsmängel an der in Manufakturqualität gebauten Kunststoffkarosserie bemängelten, störte die Alpine-A310-Klientel weniger. Wichtiger waren den Kunden ohnehin die Langstreckenqualitäten der robusten und wartungsarmen Renault-Aggregate:

"Ein Fahrerlebnis, das fast ins Unwirkliche gesteigert wird, wenn die Landschaft lautlos mit 200 oder mehr km/h an Ihnen vorbeifliegt… dieses Auto erlaubt Ihnen, mal eben von Hamburg nach München zu fahren… und doch Kilometer für Kilometer das begeisternde Fahrerlebnis reinrassiger Formel-Technik zu spüren, zu genießen", euphorisierte die Renault-Werbung. Speziell für die 220 km/h flotte Alpine V6 folgte nach der zweiten Energiepreisexplosion im Jahr 1979 noch der provozierende Slogan: "Die sparsamsten 200 km/h". Immerhin: Nach nur 2.340 verkauften Vierzylinder-Alpine schaffte es die A 310 mit V6 auf rund vier Mal so viele Einheiten, die bis Ende 1984 gebaut wurden.

Von Modeschöpfer Paco Rabanne kreierter Look

Die Wundertalente der Werbeslogans überprüfte auch die französische Gendarmerie auf ihren Wahrheitsgehalt, als sie ab 1975 auf Alpine A 310 Einsatzwagen vertraute, ähnlich wie der Porsche 911 von der deutschen Autobahnpolizei als auffälliger Abfangjäger genutzt wurde. An das modisch-glamouröse Erscheinungsbild der A 310 reichte der Zuffenhausener Sportwagen zwar nicht heran, andererseits machten die unvergänglich ikonischen Konturen den Porsche 911 zum ewig jungen Bestseller, während die exaltierte Haute-Couture der Alpine A 310 heute nur noch auf Oldtimermessen Akzente setzt. Dazu passt auch das inzwischen nostalgisch wirkende Alpine-Interieur, dessen Uhrenkollektion ebenso wie die halb liegend positionierten Sitze an einen von Modeschöpfer Paco Rabanne kreierten Look fürs Weltraumzeitalter der Apollo-Kapseln erinnerten.

Vielleicht kein Zufall, denn die Geschichte dieses Sportwagens begann 1968, also im Jahr der ersten Mondumrundung, an einem Küchentisch in der Pariser Wohnung von Alpine-Gründer Jean Rédéle. Dort präsentierte Rédéle, der mit den Polyester-Coupés vom Typ A 106 bis A 110 Berlinette bei Rennen und Rallyes Ruhm und in den Zulassungsstatistiken Achtungserfolge geerntet hatte, seine Pläne für einen großen V6-GT aus neuem Werk in Dieppe gegenüber einem kleinen Kreis verschworener Mitstreiter.

Darunter waren Roger Prieur und Michel Beligond aus der Renault-Designabteilung, die für den 4,18 Meter (plus 33 Zentimeter gegenüber der A 110) messenden 2+2-Sitzer umgehend Entwürfe zeichneten. Charango oder CX, Super Berlinette oder Vector sollte der neue Heckmotortyp ursprünglich heißen, ehe es dann doch beim profanen Projektcode A 310 blieb. Ebenfalls bürgerlich-bodenständig blieb die Technik für den Hinterradantrieb aus dem betagten Renault-Duo R 8/R 10 und der brave Vierzylinder-Motor aus dem Renault 16.

Renault Alpine war hoch eingepreist

Gewiss, ein Porsche 912 oder 914 bot auch nicht mehr Muskelmasse auf, aber eigentlich sollte die A 310 ja im Revier des 911 wildern – und entsprechend hoch war sie eingepreist, hierzulande kostete sogar ein Mercedes 350 SL mit 200-PS-V8 kaum mehr. Tatsächlich war der Vierzylinder in der A 310 ein Notbehelf, denn die Marktreife des Europa-Sechszylinders von Peugeot, Renault und Volvo (PRV-V6) verzögerte sich bis Mitte der 1970er. Immerhin gehörte die frühe A 310 zu den schnellsten Vierzylindern, wie die Vmax von 210 km/h attestierte.

Das war auch ein Verdienst der stromlinienförmigen Coupé-Linie, um die sich manche Mythen ranken. Sollte neben den Renault-Stilisten doch Trevor Fiore und damit die italienische Carrozzeria Fissore an der Formenfindung beteiligt gewesen sein? Ebenso geheimnisvoll bleibt bis heute, ob sich der Schweizer Supercar-Konstrukteur Peter Monteverdi für seinen Hai 450 Anregungen bei einem A-310-Prototyp besorgte. Andererseits hatte die anfänglich serienmäßige Jalousie über der Heckscheibe der A 310 schon beim sensationellen Lamborghini Miura von 1966 Geschichte geschrieben als aerodynamisches Hilfsmittel und Speedsymbol. Auch die durchgehende Glasscheibe über der spektakulär großen Zahl von sechs Frontscheinwerfern des Sportlers aus Dieppe war seit dem Citroen SM ein vertrautes Stilmittel

Bis zum Genfer Salon 1971 konnte Jean Rédélé nur einen seriennahen Prototyp des Autos „Für Männer, die das Echte lieben“ (deutscher Werbeslogan) realisieren und dennoch startete sofort der Verkauf ohne ausgiebige Erprobung mit wirklich serienreifen Autos. Ein zu früher Vertriebsbeginn, denn manches Qualitätsproblem konnte nun erst behoben werden, als bereits die ersten Käufer reklamierten. Hinzu kamen spät und nur vereinzelt realisierte Motorsporterfolge der A 310, während die weiterhin angebotene und erschwinglichere A 110 sogar noch 1973 die Rallye-Weltmeisterschaft gewann.

Erst die Einstellung der A 110 im Jahr 1977 und die V6-Version der A 310 brachten den Schritt nach vorn und Erfolge im Segment der Luxussportler, die Alpine fortan bis zur finalen, 1991 vorgestellten A 610 verfolgte. Heute kehrt Alpine dagegen zu den Wurzeln der Rennsportmarke zurück: Die Alpine A 110 als leichtes, kompaktes und noch bezahlbares Sportgerät entspricht ebenso der ursprünglichen Philosophie Jean Rédélés wie der Kampf um Rallye- und Grand-Prix-Siege.

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