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Interview mit Fredrika Klarén: So will Polestar das erste klimaneutrale Auto produzieren

Fredrika Klarén ist bei Polestar für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich.
© Foto: Polestar

Das Ziel ist gesteckt. Bis 2030 plant Polestar das erste wirklich klimaneutrale Auto zu entwickeln. Der schwedische Elektroautobauer will CO2-Emissionen reduzieren, indem er die Art der Fahrzeugherstellung verändert. Wie genau das funktionieren soll, erklärt Fredrika Klarén, Leiterin für Nachhaltigkeit bei Polestar, im Interview.  


Datum:
30.04.2021
Autor:
Melissa Strifler
Lesezeit: 
9 min
2 Kommentare

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AH: Frau Klarén, wann und wie kam es zu der Idee, ein wirklich klimaneutrales Auto zu entwickeln?

Fredrika Klarén: Nachhaltigkeit ist seit der Gründung von Polestar im Jahr 2017 einer unserer Kernwerte. Wir haben dies weiterverfolgt, als wir im September 2020 die vollständige Methodik für die Ökobilanz von Polestar und die Analyse des CO2-Fußabdrucks des Polestar 2 veröffentlicht haben. Ein wirklich klimaneutrales Auto anzustreben, ist natürlich das ultimative Ziel und die größte Herausforderung, die wir uns stellen konnten. Unsere Kernaussage ist, dass es nicht ausreicht, nur elektrisch zu fahren. Wir müssen uns schneller bewegen, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten. Die Autoindustrie sollte eine treibende Kraft für einen nachhaltigen Wandel sein und den Übergang zu einer nachhaltigen Mobilität beschleunigen.

AH: Was sind die nächsten Schritte?

F. Klarén: Die Analyse des CO2-Fußabdrucks des Polestar 2 hat uns einen Status quo gegeben und gezeigt, worauf wir uns für weitere Verbesserungen konzentrieren müssen. Jetzt wollen wir diese Zahl auf Null bringen. Das ist natürlich eine komplexe Herausforderung – ein Auto hat 30.000 Komponenten und eine Vielzahl von Zulieferern und Herstellern. Wir konzentrieren uns jetzt auf das "Design in Richtung Null", indem wir neue innovative und zirkuläre Materialien aus recycelten und erneuerbaren Materialien finden und erneuerbare Energie in der gesamten Lieferkette nutzen. Und natürlich beziehen wir unsere Partner und Zulieferer mit ein. Darüber hinaus werden wir noch transparenter bezüglich unseres CO2-Fußabdrucks sein und diesen an allen relevanten Berührungspunkten mit Polestar kommunizieren, angefangen bei unserer Website sowie den Polestar Spaces.

AH: In diesem Projekt wollen Sie den gesamten Entwicklungsprozess – die klimaneutrale Herstellung – von den Lieferanten bis hin zum Handel unter die Lupe nehmen. Wie ist dieses Ziel realisierbar?

F. Klarén: Der Schlüssel liegt darin, den gesamten Entwicklungsprozess zu betrachten und die Möglichkeiten mit exponentieller Technologie zu nutzen. Dies sind Technologien, die sich exponentiell und nicht linear entwickeln. Sie denken wahrscheinlich an den Mikroprozessor, aber es gibt auch andere wichtige Technologien wie Solarzellen und Blockchain. Wir glauben, dass uns dies zusammen mit Forschung und fortschrittlicher Technik zum Ziel bringen wird.

AH: Polestar ist mit diesem Projekt ein absoluter Vorreiter. Warum, glauben Sie, hat sich bisher kein Autohersteller an das Thema klimaneutrales Auto herangewagt?

F. Klarén: Der Übergang zur Elektrifizierung scheint das zentrale Thema zu sein. Die Branche muss jetzt anstelle von den Abgasen aus dem Auspuff die Emissionen in der Produktion in den Blick nehmen. Die Entwicklung eines wirklich klimaneutralen Autos ist eine äußerst komplexe Herausforderung. Und sich auf die Beseitigung von Emissionen zu konzentrieren, ohne sich auf Kompensationsmaßnahmen wie Bäume zu pflanzen usw. zu verlassen, erscheint vielen unserer Industriepartner als ein abwegiges Konzept. Wir tun etwas, was noch nie zuvor versucht wurde.

AH: Was verursacht die meisten Emissionen bei der Produktion Ihrer Elektroautos und wie planen Sie, diese beim Projekt Polestar 0 zu vermeiden?

F. Klarén: Anhand unserer eigenen Analyse haben wir festgestellt, dass der neue Polestar 2 das Werk mit einem CO2-Fußabdruck von 26 Tonnen verlässt. Im Vergleich zu einem Volvo XC40 mit Benzin-Verbrennungsmotor hat der Polestar 2 einen größeren Fußabdruck in der Herstellungsphase, was hauptsächlich auf den energieintensiven Batterieproduktionsprozess zurückzuführen ist. Es liegt also auf der Hand, dass Verbesserungen im Batterieproduktionsprozess einen großen Beitrag zur Klimaneutralität leisten werden. Man darf jedoch nicht vergessen, dass ein mit fossilen Brennstoffen betriebenes Auto nach 50.000 Kiloemter Fahrleistung höhere CO2-Emissionen hat als ein Elektroauto, wenn das Elektroauto mit grüner Energie aufgeladen wird.

AH: Klimaneutralität erfordert ein Umdenken. Welchen Beitrag wird das klimaneutrale Auto dazu leisten und welches Signal setzt Polestar damit?

F. Klarén: Unser Ziel ist es, alle Emissionen bereits in der Lieferkette zu eliminieren – das ist eine große Herausforderung. Was Polestar tut, geht viel weiter – anstatt das Problem woandershin zu verlagern, wollen wir die Arbeit selbst machen und neue technologische Innovationen nutzen, um unsere Prozesse zu verbessern. Wir haben dies getan, weil wir der transparenteste Hersteller in der Automobilindustrie sein wollen und weil wir neue Maßstäbe setzen wollen, denen andere Autohersteller folgen können.

AH:  Wo sehen Sie die größten Herausforderungen und Probleme in der Entwicklung und Fertigung?

F. Klarén: Einige der großen Herausforderungen, auf die wir uns konzentrieren werden, hängen mit den Materialien zusammen: Fokus auf die Herstellung von klimaneutralem Aluminium und Stahl, enge Zusammenarbeit mit den Batteriezulieferern beim Übergang zu erneuerbaren Energien, Einrichtung von Batteriezentren zum Sammeln von Batterien, um den Anforderungen einer Kreislaufwirtschaft zu genügen usw. Ehrlich gesagt, wir haben noch nicht die Lösung für alle Herausforderungen und müssen viele der Lösungen für das Polestar 0 Projekt erforschen und entwickeln.

Der schwedische Elektroautobauer möchte Kohlenstoffemissionen reduzieren, indem er die Art der Autoherstellung verändert.
© Foto: Polestar

AH: Welches Umdenken wünschen Sie sich in der Automobilbranche?

F. Klarén: Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen und die Automobilindustrie zu einer treibenden Kraft beim Übergang zu einer grünen Wirtschaft machen und so den Wandel zu einer nachhaltigen Mobilität beschleunigen. Um das zu erreichen, würden wir gerne offener mit den Erstausrüstern kooperieren und die Kräfte bündeln. Wir haben dies bereits in der Modebranche gesehen, wo sich sogar Wettbewerber auf neue Standards und Methoden geeinigt haben, was den Wandel dramatisch beschleunigt hat. Wenn wir das in der Automobilindustrie genauso machen würden, würde sich die Umstellung auf nachhaltige Mobilität mit Sicherheit beschleunigen, insbesondere wenn wir Politik, Zulieferer, Ladeinfrastrukturpartner und nicht zuletzt die Verbraucher einbinden.

AH: Was denken Sie, wie wird das Auto letztendlich vom Verbraucher angenommen werden?

F. Klarén: Die gesamte Autoindustrie muss das Vertrauen wieder aufbauen. Derzeit trauen nur 25 Prozent der Verbraucher den Autokonzernen zu, das Richtige für die Umwelt zu tun, und eine Studie besagt, dass mehr als ein Drittel der Menschen der Autoindustrie aktiv misstraut. Dem setzen wir eine absolut transparente Kommunikation entgegen. Bereits bei der Gründung von Polestar im Jahr 2017 haben wir "no bullshitting" in unseren Leitlinien zur Unternehmenskultur verankert. Ich hoffe, dass die Kunden bei Autos bald so genau hinschauen, wie sie es bei Lebensmitteln oder Kleidung bereits tun. Wir wollen, dass sie die Informationen bekommen, die sie – zu Recht – beim Kauf eines neuen Autos verlangen.

AH: Welche Einschränkungen werden die Verbraucher im Vergleich zu konventionellen Autos haben?

F. Klarén: Ich sehe keine Einschränkungen für die Kunden. Ich kann das sagen, weil ich seit acht Jahren ausschließlich elektrisch fahre. Als elektrische Performance-Marke wollen wir unsere Nachhaltigkeitsziele erreichen, ohne die Freude am Fahren mit einem Polestar zu beeinträchtigen.

AH: Welche Vorteile werden die Verbraucher gegenüber konventionellen Autos haben?

F. Klarén: Ein Vorteil eines Elektroautos gegenüber einem Auto mit Verbrennungsmotor ist, dass es mehr Spaß macht zu fahren. Das Fahrerlebnis mit Autos mit Verbrennungsmotor ist viel langweiliger. Sie sind laut und vibrieren. Natürlich gibt es noch viele andere Vorteile. Ein wesentlicher Vorteil ist sicherlich, dass Elektroautos besser für die Umwelt sind und lokal keine giftigen Emissionen verursachen. Elektroautos haben auch eine geringere Lärmemission – dies ist kein unwichtiger Punkt, wenn man bedenkt, dass der Straßenverkehr eine dominante Lärmquelle ist. Nicht zu vergessen, sie sind wartungsfreundlich und benötigen weniger Service und in den meisten Regionen ist das Aufladen weitaus günstiger als das Tanken.

AH: Welche Kosten werden Polestar durch Nachrüstungen etc. bei diesem Projekt entstehen?

F. Klarén: Es ist noch zu früh, um die Kosten für ein klimaneutrales Auto mit einem Preisschild zu versehen. Wie bei den meisten Innovationen steht zu erwarten, dass es zuerst im Premiumbereich positioniert wird, bevor es günstiger wird und den Massenmarkt erreicht. Was wir zu diesem Zeitpunkt sagen können, ist, dass wir uns das Ziel gesetzt haben, das Polestar 0-Projekt bis zum Jahr 2030 umzusetzen. Wir werden kontinuierlich über unsere Fortschritte berichten.

AH: Vielen Dank für diese interessanten Einblicke und das Gespräch.

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KOMMENTARE


Frank Fronmueller

03.05.2021 - 16:07 Uhr

Nun ja, in welcher „schwedischen Stadt“ wird denn dieses heilbringende Elektroauto hergestellt? Ich kann als ausschließlichen Produktionsort nur China finden, ein expliziter Hinweis darauf würde für Glaubwürdigkeit sorgen. Nun mag man sich vorstellen, wie Schweden, so dann die ganze Welt klimaneutral ist, außer China und Indien natürlich, dereinst, gleich, ob 2040 oder 2050, aussehen wird. Und ob, so sich die vielbeschworene „better built back“ Welt doch nicht als eine bessere entpuppt und Arbeitsplätze von den übrig gebliebenen Schweden, womöglich mit einer, bis dahin alternativlosen, „gedeckten“ Krone als Währung, händeringend gesucht werden. Und CO2 alsdann als ein harmloses, kaum in der Atmosphäre vorkommendes Gas gesehen wird.......


K. Müller

04.05.2021 - 15:21 Uhr

Klimaneutral geht nicht. Auch bei reinen E-Autos nicht, auch bei Polestar nicht. Man braucht nicht lange nachzudenken: In diese Angelegenheit muß man ja auch die Kinderarbeit zum Abbau von Lithium etc. etc. etc. in Südamerika und Afrika mit einberechnen. Somit ist die Sache schon erledigt!!!!!!!!!! Gruß K. MÜLLER


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