Lob für das Ende seiner Doppelrolle als Porsche- und VW-Chef, Unmut über die schwache Entwicklung des Konzerns: Auf der VW-Hauptversammlung blies Konzernchef Oliver Blume heftiger Gegenwind entgegen. Ohne konsequente Neuaufstellung riskiere VW einen schleichenden Abstieg, warnte Tanja Bauer vom Fondsanbieter Deka Investment – und verwies auf den Bundesliga-Abstieg des VfL Wolfsburg als warnendes Beispiel.
Kritik an Gewinnentwicklung und Struktur
Der Gewinneinbruch um fast die Hälfte im vergangenen Jahr sei ein Alarmsignal, warnte Janne Werning von der Fondsgesellschaft Union Investment. "Diese Ergebnisentwicklung ist kein Zufall", betonte Hendrik Schmidt vom Fondsanbieter DWS. "Sie ist Ausdruck eines Systems, in dem Kontrolle, Unabhängigkeit und Verantwortlichkeit nicht funktionieren." Die Dividende sei "auf einem unterirdischen Niveau", kritisierte Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).
Die bisherigen Sparmaßnahmen reichten nicht aus, um den Konzern "endlich vor die Kurve zu bringen", kritisierte Fondsmanager Werning. "Überkapazitäten und Ineffizienzen sind ein Mühlstein um den Hals der Kernmarke." Der Konzern sei eine Großbaustelle. "Hoffen auf bessere Zeiten ist keine Strategie." Eine tiefgreifende Sanierung sei überfällig.
VW ID. Polo (2027)
Blume will Sparkurs verschärfen
VW-Chef Blume verteidigte seinen Kurs. "2026 haben sich die Rahmenbedingungen der Automobilindustrie nochmals verschärft", sagte er bei dem virtuellen Aktionärstreffen in München. "Unsere Lage ist angespannt und anspruchsvoll." Darauf müsse der Konzern reagieren. "Da sich die Rahmenbedingungen weiter verschärfen, müssen wir unser Transformationstempo weiter erhöhen."
Blume hatte im Frühjahr ein "Zielbild Volkswagen Konzern 2030" angekündigt und erste Eckpunkte für die Neuausrichtung genannt. "Unser über Jahrzehnte erfolgreiches Geschäftsmodell funktioniert heute so nicht mehr. Wir müssen es weiterentwickeln", sagte er. Daran werde gearbeitet. "Weitere Entscheidungen treffen wir gemeinsam mit unserem Aufsichtsrat im Sommer."
Ziel sei es, 2030 "weltweit der attraktivste Automobilhersteller" zu sein. Die Umsatzrendite soll dann bei 8 bis 10 Prozent liegen. Der Umbau werde jedoch nicht abgeschlossen sein, fügte Blume hinzu: "Das wird eine Daueraufgabe bleiben." Es gehe um einen dauerhaft angelegten Transformationsprozess.
"Verdienen damit nicht genug Geld"
Zugleich zog Blume eine differenzierte Bilanz der bisherigen Bemühungen. Mit neuen Modellen wie dem gerade vorgestellten elektrischen ID. Polo sei die Marke auf dem richtigen Weg. "Mit unseren Produkten stehen wir wieder vorn im Wettbewerb. Aber wir verdienen damit nicht genug Geld."
Zwar zeigten die laufenden Sparprogramme bereits Wirkung. Dem wirkten jedoch neue Belastungen durch Zölle, Handelsbarrieren und geopolitische Risiken entgegen.
Stellenabbau und sinkende Fabrikkosten
Beim geplanten Abbau von konzernweit 50.000 Stellen bis 2030 liege VW im Plan. Allein bei der Kernmarke, bei der 35.000 Stellen wegfallen sollen, werde sich die Belegschaft bis Ende 2026 um 19.000 reduzieren, berichtete Blume. 28.000 freiwillige Austritte seien bereits fest vereinbart. Die Fabrikkosten an deutschen VW-Standorten seien 2025 um mehr als 20 Prozent gesunken.
Überkapazitäten werden abgebaut
Blume bekräftigte seine Pläne, die Kapazität der Werke weiter zu senken und Überkapazitäten abzubauen. Bis 2030 will VW die Kapazität seiner europäischen Werke um weitere 500.000 Fahrzeuge senken – zusätzlich zum bereits laufenden Abbau um eine Million Fahrzeuge bis 2028. Ebenso viele sollen es in China sein, weltweit würden damit eine Million Autos wegfallen. Details zu einzelnen Standorten nannte Blume nicht.
"Wir benötigen wettbewerbsfähige Kosten, um im Wettbewerb zu bestehen", sagte Finanzvorstand Arno Antlitz. "Das gilt für Materialkosten, für den Overhead, aber auch für die Kosten unserer Werke, die Fabrikkosten. Und jetzt kommt der Wettbewerb aus China nach Europa und baut im Osten und Süden Europas neue effiziente Werke. Dagegen können wir nicht mit unterausgelasteten Fabriken bestehen."
VW ID.3 Neo
Digitale Hauptversammlung und Personalien
Das Aktionärstreffen fand erneut rein digital statt – wie bereits in den vergangenen beiden Jahren. Vorstand und Aufsichtsratsspitze waren dabei nicht einmal in Wolfsburg, sondern wurden aus München zugeschaltet. In Präsenz hatte Blume die Anteilseigner zuletzt 2023 empfangen.
Auf der Tagesordnung stand unter anderem die Wiederwahl von Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Der 75-Jährige wurde für weitere fünf Jahre in das Gremium gewählt - mit 98,5 Prozent der Stimmen. "Mein Ziel war, ist und bleibt, meinen Beitrag zu leisten, dieses großartige Unternehmen wetterfest aufzustellen", sagte Pötsch. Seine Wahl galt als sicher: Großaktionär Porsche SE hält mehr als 50 Prozent der Stimmrechte, zusammen mit dem Land Niedersachsen sind es mehr als 70 Prozent.
Einen überraschenden Rückzieher machte dagegen die zweite Kandidatin Susanne Wiegand. Die frühere Chefin des Rüstungskonzerns Renk habe ihre Kandidatur kurzfristig zurückgezogen, sagte Pötsch. Die 54-Jährige scheide damit zum Ende der heutigen Versammlung aus dem Gremium aus. Wiegand war erst vor einem Jahr als Nachrückerin in das VW-Kontrollorgan bestellt worden und sollte nun erstmals für eine volle Amtszeit gewählt werden.
Diesel-Vergleich erneut Thema
Erneut zur Abstimmung standen die Vergleiche im Diesel-Skandal, die der Konzern 2021 mit seinem früheren Vorstandschef Martin Winterkorn und mit den eigenen Manager-Haftpflichtversicherungen geschlossen hatte. 11,2 Millionen Euro sollte Winterkorn an den Konzern zahlen und im Gegenzug von weiteren Ansprüchen freigestellt werden.
Darüber hatten die VW-Aktionäre bereits 2021 abgestimmt. Doch der Bundesgerichtshof erklärte die Zustimmung 2025 teilweise für nichtig. Grund waren laut VW lediglich formale Gründe und keine inhaltlichen Mängel. Der Konzern wollte die Vergleiche daher nun inhaltlich weitgehend unverändert erneut zur Abstimmung stellen.